Bitte keine Klischees! Finanz-Expertin Maryna Dyagil im Portrait

Mit ihren 33 Jahren hat Maryna Dyagil schon viel erreicht: Die gebürtige Ukrainerin hat den Sprung in ein fremdes Land gewagt, ihr Studium mit Bravour gemeistert und bei der Öffentlichen Versicherung Braunschweig Karriere gemacht. Als Leiterin der Abteilung Kapitalanlagen/Handel und Strategische Planung bekleidet sie inzwischen eine herausfordernde Führungsposition. Doch Lob will sie dafür nicht hören. „Man braucht das echt nicht zu hypen“, stellt Maryna Dyagil mit Nachdruck klar. „Ich rede lieber über andere Sachen.“

Maryna Dyagil in Barcelona

Ins Schwärmen gerät Maryna Dyagil zum Beispiel, wenn sie von ihrer großen Leidenschaft berichtet: den Städtereisen. „Einfach mal ein Wochenende in eine europäische Metropole eintauchen – das ist total mein Ding. Eine meiner absoluten Lieblingsstädte ist Wien. Zum ersten Mal kam ich im Rahmen eines Praktikums in die österreichische Hauptstadt und war vom Flair sofort begeistert. Seitdem bin ich das eine oder das andere Mal da gewesen. Barcelona finde ich auch ganz toll. Die katalanische Millionenstadt am Meer mit ihrem wunderschönen historischen Zentrum, den zahlreichen Tapasbars und Flaniermeilen sprüht einfach vor Lebensfreude.“

Doch auch wenn sich die Expertin für Kapitalanlagen nicht auf Stereotypen reduzieren lassen will: Ihr Werdegang ist beeindruckend.

 

Mit 19 ins ferne Deutschland

Aufgewachsen ist Maryna Dyagil in einem beschaulichen Ort, nahe der Millionenstadt Dnipropetrowsk, die 2016 in Dnipro umgetauft wurde. Als junge Studentin wurde ihr die Welt dort zu klein. So packte sie mit 19 ihre Sachen und zog kurzerhand ins knapp 2.300 km entfernte Aachen.

Von Aachen über Münster nach Braunschweig

Im Rekordtempo verbesserte sie ihre bis dato rudimentären Deutschkenntnisse, bestand die für die Zulassung zum Studium vorgeschriebene Sprachprüfung und bewarb sich für BWL-Studiengänge an sieben deutschen Universitäten. „Von sechs Unis bekam ich eine Zusage“, erinnert sich Maryna Dyagil. „Ich entschied mich für Münster, weil die Münsteraner Uni in Rankings besonders gut abschnitt.“

Um Arbeitsluft zu schnuppern – und nicht zuletzt um ihr Studium zu finanzieren – absolvierte sie Praktika in verschiedenen Unternehmen – stets im Finanzbereich. „Schon in der Schule war ich zahlenaffin“, so die Finanzwirtschaftlerin. „Zahlen auswerten und daraus Schlussfolgerungen ziehen – das faszinierte mich schon in jungen Jahren.“ Eines ihrer Praktika führte sie in die Versicherungsbranche. „Rückblickend betrachtet war das Liebe auf den ersten Blick“, meint Maryna Dyagil schmunzelnd.

Mit dem Abschluss in der Tasche machte sie sich auf die Suche nach einer passenden Stelle – und stolperte völlig zufällig im Internet über ein Jobangebot der Öffentlichen Versicherung in Braunschweig. „Ich hatte bis zu dem Zeitpunkt überhaupt keinen Bezug zu Braunschweig. Doch das Vorstellungsgespräch lief super – also habe ich keine Sekunde gezögert, herzuziehen.“ Das war 2010. Nach zwei Stationen im Haus landet sie schließlich bei ihrer heutigen Abteilung Kapitalanlagen/Handel und Strategische Planung. Hier übernimmt sie Anfang 2015 die Leitung.

 „In Braunschweig zu Hause“

Die Entscheidung, sich in der Löwenstadt niederzulassen, hat sie niemals bereut. „Die Zeit in Aachen und Münster war wunderbar. Aber erst hier in Braunschweig fühle ich mich wirklich zu Hause“, so die gebürtige Ukrainerin. „Ich denke, das liegt an der Mentalität der Braunschweiger. Von der oftmals unterstellten Reserviertheit keine Spur. Selten wurde ich so herzlich empfangen. Alle waren aufgeschlossen, nicht so oberflächlich und Ich-bezogen wie anderswo.“

Als Paradebeispiel für Oberflächlichkeit nennt sie frühere Kollegen: „Das war noch vor meiner Zeit in Braunschweig. Wir kannten uns schon längere Zeit. Aber die Gespräche gingen selten über Small Talk hinaus. Die interessierten sich nicht wirklich für ihr Gegenüber. Eines Tages wurde dann auf Arbeit ein Video auf Russisch abgespielt – was ich als Ukrainerin natürlich Wort für Wort verstehen konnte. Neben Ukrainisch ist Russisch schließlich die meistgesprochene Sprache meines Heimatlandes! Alle waren aber völlig perplex, dass ich fließend Russisch spreche. Logisch – wenn man tagein tagaus nur über Belangloses spricht. Das ist hier in Braunschweig grundlegend anders.“

Finanzexpertin mit Leib und Seele

Maryna Dyagil mit ihrem Team

Apropos Arbeit: Ihr Beruf bedeutet Maryna Dyagil sehr viel. „Arbeit ist ein sehr wichtiger Teil meines Lebens“, bekräftigt die Finanz-Expertin. „Umso wichtiger ist es mir, dass der Arbeitsalltag abwechslungsreich ist.“

Was das angeht, hat sie mit ihrer Position bei der Öffentlichen einen Volltreffer gelandet: „Hier verläuft selten ein Tag nach Plan. Natürlich haben wir Standards und Prozesse, doch Routine gibt es kaum. Der volatile Kapitalmarkt gibt uns das Tempo vor. Politische und wirtschaftliche Ereignisse, wie zum Beispiel der Brexit oder die anstehende Präsidentschaftswahl in Frankreich, bringen naturgemäß Unruhe in die Eurozone. Unsere Abteilung hat, zusammen mit zwei Schwesterabteilungen, die Aufgabe, in diesen stürmischen Zeiten das Vermögen der Öffentlichen und ihrer Kunden mit Bedacht zu verwalten und zu vermehren. Langeweile ist hier wirklich ein Fremdwort. “

Verwaltung von 3,3 Milliarden Euro

Die unvorhersehbaren Entwicklungen am Kapitalmarkt könnten Maryna Dyagil schlaflose Nächte bereiten – schließlich sind ihre Entscheidungen über Geldbewegungen in Millionenhöhe kritisch für den Unternehmenserfolg der Öffentlichen. Doch die Kapitalmarkt-Expertin bleibt ganz gelassen. „Egal was in der Welt passiert – meine Kollegen und ich sind niemals aufgeregt oder hektisch. Wir haben zwar Respekt vor dieser Aufgabe und sind uns unserer großen Verantwortung bewusst, aber wir haben keine Angst. Stattdessen gehen wir sorgfältig und fundiert an die Sache heran. Keine Entscheidung wird ohne detaillierte Analyse und Abstimmung mit dem Bereichsleiter und unseren beiden Schwesterabteilungen getroffen, die auf Risikomanagement, Kontrolle und Abwicklung von Kapitalanlagen spezialisiert sind; überstürzte Bauchentscheidungen gibt es hier nicht. Wir denken stets mit langfristigem Horizont.“

Langfristige Strategie: Früher belächelt, heute beneidet

Dieser langfristige Denkansatz hat dafür gesorgt, dass die Öffentliche im Vergleich zu anderen Versicherern heute finanziell glänzend dasteht. „2002/2003 wurde die Öffentliche für ihre Entscheidung belächelt, in langfristige Papiere zu investieren – einige Kollegen, die damals schon im Unternehmen waren, können sich noch gut an den Spott erinnern“, berichtet Maryna Dyagil. „Zu jener Zeit favorisierten viele Kapitalmarkt-Profis kurze Laufzeiten, denn man ging davon aus, dass die aus damaliger Sicht relativ niedrigen Zinsen wieder steigen würden; die Öffentliche schwamm also gegen den Trend. Heute wissen wir, dass diese Entscheidung genau richtig war: Unsere Papiere mit langen Laufzeiten generieren bis heute vergleichsweise hohe Zinsen. Von solchen Verzinsungen kann man inzwischen nur noch träumen. “

Die für damalige Zeiten ungewöhnliche Anlagestrategie bescherte der Öffentlichen im Laufe der Jahre ein dickes Finanzpolster – und davon profitieren die Kunden heute. „Einen Teil dieser extra Reserve können wir nun in kapitaleffiziente Anlageformen investieren, zum Beispiel in Aktien, Private Equity und Infrastruktur. So können wir bessere Renditen für die Öffentliche Lebens- aber auch für die Sachversicherung erwirtschaften. Um dabei das Risiko zu minimieren, setzen wir auf ein Höchstmaß an Diversifikation des Portefeuilles. Sprich: Wir investieren in ganz unterschiedliche Bereiche, was Regionen, Assetklassen und Emittenten angeht. Zugleich berücksichtigen wir die Wechselwirkungen zwischen unseren Vermögenswerten und Verbindlichkeiten. Im Fachjargon heißt das Risikoadjustierte Portfoliosteuerung unter Berücksichtigung des Asset Liability Managements“, erklärt Maryna Dyagil. „So stellen wir sicher, dass wir nie über unsere Verhältnisse leben, aber gleichzeitig das Beste aus unserem Vermögen herausholen.“

Keine Frauenquote – ein Segen

Themenwechsel. Frauen in Führungspositionen… Maryna Dyagil winkt ab. „Nee, bitte keine Klischees. Das Thema Frauenquote finde ich grauenvoll. Ich möchte ausschließlich aufgrund meiner Leistung beurteilt werden. Und es ist auch völlig egal, ob Frau oder Mann, ob Deutsch meine Muttersprache ist oder nicht. Mal ehrlich: Wenn man sich etwas wirklich in den Kopf setzt, dann kann man es hinkriegen. Man muss nur den nötigen Ehrgeiz mitbringen und konsequent daran arbeiten. Und nichts anderes habe ich getan. Punkt.“

Egal, was sie sagt: Maryna Dyagil kann man trotzdem für ihre Power und Zielstrebigkeit bewundern. Punkt.

Maryna Dyagil fühlt sich auch in Metropolen wie Dubai wohl.

© Text: Jutta Thiel / frischedenke.de
© Fotos: Öffentliche Versicherung Braunschweig / privat

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