c_Bjørn Melhus

»Bjørn Melhus – OUT OF SASNAK«

Am 14. Juni öffnet die halle267 ihre Pforten mit der Einzelausstellung eines ehemaligen Studenten der HBK Braunschweig, der heutzutage auf internationaler Ebene beträchtliches Ansehen genießt: Bjørn Melhus. Nach über zwei Jahrzehnten kehrt der Videokünstler auf Einladung der Stadt Braunschweig an seinen Studienort zurück, um eine Auswahl seiner Arbeiten der letzten 25 Jahre zu präsentieren. Einige von diesen sind bereits während seines Studiums entstanden, die im Vergleich zu seinen späteren, vielschichtigeren Werken deutlich spielerischer waren. In seinen gesellschaftskritischen Kurzfilmen greift Melhus aktuelle globale Themen auf und unterzieht diese einer kritischen Reflektion. Das Außergewöhnliche an seinen Videos ist, dass der Künstler die Protagonisten immer selbst verkörpert, unabhängig davon, ob es sich dabei um Menschen oder Tiere handelt. Im Interview erklärt er unter anderem, woher er seine Inspiration nimmt, was der Name der Ausstellung bedeutet und wie ihn sein Braunschweiger Studium geprägt hat.

c_Bjørn Melhus

(c) Bjørn Melhus

Guten Tag Herr Melhus. Auf Ihrer Homepage sind 71 thematisch sehr unterschiedliche Kurzfilme zu sehen. Was inspiriert Sie zu Ihren beeindruckenden Videos und wie schaffen Sie es, derart wandelbar zu bleiben?
Mich interessiert die Gegenwart, in der wir leben. Allen diesen Werken geht eine lange und ausgiebige Recherche voraus. Meist geht es um die Untersuchung von Massenmedien und deren Auswirkungen. Da auf diesem Feld sehr viel passiert, ist es grenzenlos.

Bitte geben Sie uns einen kurzen Einblick in den Entstehungsprozess eines Ihrer Videos aus der Ausstellung.
Bei allen Videos ist der Ton vor dem Bild entstanden. Ich benutze Dialog- oder andere Tonzitate, werte sie um und erzähle eine neue Geschichte, die jedoch oft eine Verdichtung der Originalgeschichte darstellt.

Warum ist es für Sie von Bedeutung, den visuellen Teil eines Films selbst zu kreieren und bei der Tonspur auf Readymades zurückzugreifen?
Auch die Tonspuren sind keine Readymades. Es sind eher neue Kompositionen aus einer Vielzahl von Ton-Fetzen, die eine neue, andere, verdichtete Geschichte erzählen. Die Stimmen brauchen einen Körper, den ich ihnen dann in sehr unterschiedlichen Ausführungen leihe, der wie ein parapsychologisches Medium mit den Stimmen der Toten spricht.

c_Bjørn Melhus

(c) Bjørn Melhus

Woran machen Sie fest, dass ein bestimmtes Zitat für ein künftiges Projekt geeignet ist?
Die Vielschichtigkeit der Bedeutung und der Klang sind für mich in diesem Zusammenhang von zentraler Bedeutung. Und die Frage, ob es sich mit einem anderen kombinieren lässt. Auf diese Weise entsteht ein gewaltiges Puzzle, das oft Monate in Anspruch nimmt.

Welches Publikum sprechen Sie mit Ihren Videos an und was möchten Sie bewirken?
Ich glaube, die Arbeiten eignen sich für ein sehr breites Publikum. Sie haben einen hohen Unterhaltungswert, aber beim genaueren Hinhören und Hinsehen auch eine Tiefe, die erschlossen werden will. Manche der Arbeiten reflektieren auch Erfahrungen, die viele Menschen im Umgang mit Medien schon selbst erlebt haben. Das kann tragisch, komisch oder tragikomisch sein.

In welcher Beziehung steht der Name der Ausstellung „OUT OF SASNAK“ zu den ausgestellten Werken?
Der Titel bezieht sich auf einen Essay von Salman Rushdie, der 1992 unter dem Titel „OUT OF KANSAS“ im New Yorker Magazine erschienen ist, in dem er den Film „The Wizard of Oz“ (1939) untersuchte und sich wunderte, dass die Hauptfigur Dorothy (Judy Garland) während ihrer Reise durch das farbenfrohe Zauberland OZ immer wieder in das schwarzweiße Kansas zurückkehren will. In meinem 1995 in Braunschweig entstandenen Film „Weit Weit Weg“ ist der Heimatort nicht Kansas sondern, rückwärts, Sasnak. Dieser dient als Platzhalter für einen Ort oder auch Nichtort, den man auf dem Weg in die Ferne hinter sich lässt. Die gezeigten Arbeiten in der Ausstellung stehen für sehr viele unterschiedliche mediale Zauberländer, die außerhalb von Sasnak auf einen warten: Utopien – aber zumeist doch Dystopien.

c_Bjørn Melhus

(c) Bjørn Melhus

Einige Filmzeilen werden nie in Vergessenheit geraten, so auch „Herzen werden niemals zweckmäßig sein, bis sie unzerbrechlich gemacht werden“. Was fasziniert Sie an der Geschichte vom „Zauberer von OZ“? Gibt es einen Charakter, in dem Sie sich wiedererkennen und wenn ja, warum?
Der Zauberer von OZ ist ein sehr komplexes amerikanisches Märchen, das innerhalb der Popkultur schon hundertfach zitiert wurde. Es geht um die Sehnsucht nach der Ferne und der Selbstbestimmung. Es ist gewissermaßen auch eine Coming-of-Age-Geschichte mit einer Heldin, was für die damalige Zeit äußerst ungewöhnlich war. In welchem Charakter ich mich wiedererkenne, wird man in der Ausstellung erfahren.

Inwiefern hat Sie Ihr Braunschweiger Studium an der HBK geprägt?
Das Studium in der Filmklasse hat mir sehr viel Spielraum geboten, meine Arbeit zu entwickeln, vor allem auch nachts, als ich des Öfteren bis in die frühen Morgenstunden im Schnittraum saß. Dazu kam von meiner damaligen Professorin Birgit Hein auch ein wahnsinnig toller Input.

Welchen Rat würden Sie einem HBK-Studenten geben, der von seiner Kunst leben möchte?
Das allerwichtigste ist die Arbeit selbst. Sonst: Viel Geduld, Enthusiasmus und Selbstdisziplin.

Sie spielen die Hauptrolle in jedem Ihrer Filme. Wäre eine Hollywood-Karriere eine mögliche Berufsalternative für Sie?
Nein, ich heiße doch nicht Frankie.

Welche Rolle hat Ihnen am meisten Spaß gemacht und welche würden Sie gerne in Zukunft noch spielen?
Ich glaube, mir haben alle Rollen sehr viel Spaß gemacht. Ohne Ausnahme. Und für die Zukunft? Vielleicht eine Figur aus der Vergangenheit oder in der Gegenwart eine Figur aus der Zukunft. Oder aber ein stepptanzenden Kanarienvogel. Es gibt noch viel zu tun!

c_Bjørn Melhus

(c) Bjørn Melhus

Die Vernissage von „OUT OF SASNAK“ findet am Donnerstag, 14. Juni um 19 Uhr in der halle267 – Städtische Galerie Braunschweig, Hamburger Straße 267, statt. Die Videokunst-Ausstellung wird durch die Dezernentin für Kultur und Wissenschaft der Stadt Braunschweig Dr. Anja Hesse eröffnet. Im Anschluss daran begrüßt die Präsidentin der HBK Vanessa Ohlraun das Publikum, bevor der Künstler eine Einführung in die Ausstellung geben wird. Interessierte können die Ausstellung nach der Eröffnung bis zum 15. Juli, mittwochs und freitags von 15 bis 18 Uhr, donnerstags von 15 bis 20 Uhr und am Wochenende von 11 bis 17 Uhr besuchen – der Eintritt ist kostenfrei. Weitere Informationen finden sich unter Telefon (05 31) 4 70 48 65 sowie online unter www.braunschweig.de.

Viktoria Knapek (SUBWAY Magazin – oeding magazin GmbH) / Fotocredit: Bjørn Melhus

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.