(c) Roger Higgins

»Das meiste Interesse erregt die Hölle«

Erst durch die Hölle, dann durch das Fegefeuer und zuletzt in die Sphären des Himmels: Dante Alighieris „Göttliche Komödie“ ist das Hauptwerk des Dichters und gilt bis heute als bedeutendstes Werk der italienischen Literatur. Der Spanische Künstler Salvador Dalí schuf dazu 100 Meistergrafiken, die noch bis zum 30. April in der jakob-kemenate gezeigt werden. Im Interview gibt Jochen Prüsse, Vorsitzender der Stiftung Prüsse, einen Ausblick auf die Ausstellung.

Die Ausstellung „Göttliche Komödie“ zeigt 100 Meistergrafiken Salvador Dalís zu Dante Alighieris gleichnamigem literarischen Werk. Wie kam es zur Idee, diese in der jakob-kemenate zu zeigen?
Die Idee hatte ich im Jahr 2015, als wir die Ausstellung „Jesus 2.0“ vorbereitet haben. Eigentlich wollte ich nur ein Bild von Dalí zeigen, doch dann habe ich den kompletten Zyklus der Galerie Hülsmeier im Horst-Janssen-Museum in Oldenburg gesehen und wollte diesen unbedingt nach Braunschweig holen.

Hölle 6.Gesang:  Der Höllenhund Cerberus „Cerberus, grausam missgestaltetes Untier, bellt aus drei Mäulern“

Hölle 6.Gesang: Der Höllenhund Cerberus „Cerberus, grausam missgestaltetes Untier, bellt aus drei Mäulern“

Wann sind die Grafiken entstanden?
Dalí hat von 1951 bis 1960 an diesem Mammutwerk gearbeitet. Den Auftrag, Dantes Hauptwerk in Aquarell und Feder zu illustrieren, hat er 1951 von der italienischen Regierung bekommen, Anlass war Dantes 700. Geburtstag. Allerdings wurde ihm der Auftrag wieder entzogen. Die Aquarelle in DIN-A 3-Format waren zu groß und zu teuer und es gab Proteste, weil ein Spanier den größten Dichter Italiens illustrieren sollte. Die Grafiken hat Dalí dennoch vollendet und – ganz Meister der Selbstvermarktung – die Rechte an einen französischen Verleger übertragen.

Dalís Grafiken werden als „Jahrhundertwerk, das an Genialität und künstlerisch handwerklichem Können alles in den Schatten stellt“, beschrieben. Was macht seine Kunst so besonders?
Dalí gilt als einer der Hauptvertreter des Surrealismus. Charakteristisch ist eine magische Bildwelt, in der die Grenzen zwischen Realität und Imaginärem verwischen. Wer die Bilder betrachtet, wird in diese unwirkliche, rätselhafte Welt gezogen, die gleichzeitig fasziniert wie irritiert – mit ineinander verschlungenen Körpern, Totenköpfen, Schlangenteufelchen, Selbstmördern und dem Teufel, der seine Opfer frisst. Daneben finden sich viele Motive, die für Dalí typisch sind, beispielsweise die Schubladenfigur. Ebenso beeindruckend: Dalís Umgang mit der Farbigkeit.

Fegefeuer 1.Gesang:  Der gefallene Engel  „Wir brachen nicht die ewigen Gesetze“

Fegefeuer 1.Gesang: Der gefallene Engel „Wir brachen nicht die ewigen Gesetze“

Wie würden Sie Alighieris „Göttliche Komödie“ inhaltlich in einigen Sätzen zusammenfassen?
In der „Göttlichen Komödie“ begibt sich Dante auf eine Tour durchs Jenseits, durch die Hölle, durchs Fegefeuer bis ins Paradies. Geführt wird er dabei von dem römischen Dichter Vergil. Bei dieser phantastischen Reise begegnet er Hunderten von verstorbenen Personen, die teils zu seinem Bekannten- und Verwandtenkreis gezählt haben, aber auch Kaisern, Päpsten, Mohammed, Odysseus, Aristoteles und vielen anderen. Das Epos besteht aus 100 Gesängen, das meiste Interesse erregt übrigens die Hölle. Gleichzeitig ist es ein Liebesgedicht für seine verstorbene Geliebte Beatrice, er hofft, sie im Himmel wiederzufinden.

Inwieweit spiegelt sie das mittelalterliche Weltbild wider?
Die „Göttlichen Komödie“, die um 1300 in italienischer Sprache entstanden ist, ist sicher vor allem eine Reaktion auf die Umwälzungen der damaligen Zeit. Dante war gegen vieles, was in Florenz neu war, er verdammte die Geldwirtschaft und auch die Kirche. Florenz hatte seit der Antike als erste Stadt der neuen Welt im 13. Jahrhundert eine Goldwährung eingeführt, es gab viel Neid, Gier und Konflikte. Dante kritisierte die Geldbesessenheit der Florentiner, und auch die Kirche und den Papst verschonte er mit seiner Kritik nicht.

Fegefeuer 33.Gesang:  Der geläuterte Dante  „Ich war neu geboren wie die neuen Pflanzen, wenn sie ihr Laub erneuern“

Fegefeuer 33.Gesang: Der geläuterte Dante „Ich war neu geboren wie die neuen Pflanzen, wenn sie ihr Laub erneuern“

Wie stellt Dalí den Kontrast zwischen Fegefeuer und Paradies bildlich dar?
Zum einem durch die Farbigkeit, in der Hölle und im Fegefeuer dominieren schlammfarbene, düstere Töne. Im Paradies hingegen überwiegen zarte Pastelltöne, die Figuren sind schön anzusehen und versöhnlich. Schließlich hat Dante im Paradies seine verstorbene Geliebte Beatrice wiedergefunden.

Was kann man aus heutiger Sicht über die Arbeitsschritte der Holzschnitte sagen?
Unter Dalís Aufsicht arbeiteten zwei Holzstecher fast 40 Monate lang, um die Originale zu übertragen. Die Technik des Holzschnitts benutzte übrigens schon Albrecht Dürer. Um die Farbigkeit der von Dalí als Aquarelle gemalten Bilder auch in den Holzstichen zu erreichen, entstanden die unglaubliche Zahl von rund 3.500 Druckstöcken, durchschnittlich 34 Farben für jedes Bild. In der Ausstellung liegt eine Mappe aus, in der anhand eines Beispiels die 34 Plattenabbildungen dargestellt sind, die für die Produktion benötigt wurden, auch für einzelne Striche, feine Linien oder Punkte. Es kommen bis zu 34 verschiedene Farbschichten übereinander, damit letztendlich scheinbar ein „Aquarell“ entsteht.

Paradies 31.Gesang:  Der Erzengel Gabriel  „Kein Schnee kann jemals solch ein Weiß erreichen“

Paradies 31.Gesang: Der Erzengel Gabriel „Kein Schnee kann jemals solch ein Weiß erreichen“

Das Thema ist keine leichte Kost. Wie war die Resonanz bisher?
Der bisherige Zuspruch war enorm und ist weit größer als erhofft. Besonders freue ich mich darüber, dass viele junge Menschen den Weg in die Kemenate gefunden haben.

Wie viel Zeit sollten die Besucher der Ausstellung mitbringen?
Da es 100 Werke zu sehen gibt, empfehle ich, genug Zeit mitzubringen. Es sollte nicht nur ein Besuch eingeplant werden, sondern am besten zwei oder drei. Schließlich ist der Eintritt frei.

Vielen Dank für das Interview!

Weitere Informationen finden sich unter www.kemenaten-braunschweig.de.

Katharina Holzberger (SUBWAY Magazin – oeding magazin GmbH) / Fotocredit: Roger Higgins

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.