Antiquariatsmarkt (c) Ursula Saile-Haedicke

Drei Autoren der Braunschweiger Buchwochen BS//LIEST im Interview

Braunschweigs inhabergeführte Buchhandlungen und Antiquariate veranstalten im März unter der Federführung der Braunschweig liest GbR zum zweiten Mal ein Lesefestival, in dem Neuerscheinungen aus den Gebieten Literatur, Sachbuch sowie Kinder- und Jugendbuch vorgestellt werden. BS//LIEST steht in diesem Jahr unter dem Motto „Grenzenlos“, da Bücher Reisen im Kopf ermöglichen, neue Perspektiven auf unbekannte Kulturen eröffnen und ihre Leser dazu bewegen können, festgefahrene Ansichten zu überdenken. An dem Literaturfestival nehmen insgesamt 18 Autoren teil, die Einblicke in ihre neuerschienenen Werke geben. Wir haben die drei Autoren Charlotte Wiedemann, Mitja Vachedin und Isabel Fargo Cole zur Umsetzung des Festivalmottos in ihren Büchern, zur Aktualität des Themas „Grenzenlos“ und zu ihrer Beziehung zur Löwenstadt befragt.

Die Braunschweiger Buchwochen gehen vom 1. bis zum 14. März, wobei die jeweiligen Veranstaltungen an verschiedenen Orten stattfinden und die Teilnahme teilweise kostenfrei ist. Neben den drei befragten Autoren werden außerdem Oskar Ansull, Paulus Böhmer, Meinrad Braun, Alida Bremer, Jan Philipp Burgard, Anne von Canal, Hardy Crueger, Francis Fultin-Smith, Wolfgang Hegewald, Ole Könnecke, Maja Nielsen, Michelle Raven, Monika Rinck, Martin Schäuble und Uwe Timm ihre neuen Werke vorstellen. Alle Informationen und Termine finden sich online unter www.bs-liest.de.

 

(c) Annette Daugardt

Charlotte Wiedemann (c) Annette Daugardt

Die erfahrene Auslandsreporterin Charlotte Wiedemann macht mit ihrem Reisebericht über Mali am 1. März im Haus der Kulturen den Auftakt zu den Braunschweiger Buchwochen 2018. Im Rahmen von BS//LIEST stellt sie ihr Werk „Mali oder das Ringen um Würde“ vor, in dem sie einfühlsam die aktuelle Situation des afrikanischen Landes schildert und darauf eingeht, welchen Einfluss die Vergangenheit auf die Entwicklung von Mali genommen hat.

Frau Wiedemann, inwiefern befasst sich „Mali oder das Ringen um Würde“ mit dem Thema der Buchwochen „Grenzenlos“?
Sowohl Grenzen als auch das Überwinden von Grenzen spielen in meinem Schreiben eine zentrale Rolle. Da ist zunächst die geistig-kulturelle Grenze zwischen der westlichen und der islamischen Welt, die ich durch meine Bücher durchlässiger zu machen versuche. Dabei verstehe ich mich als eine Art Übersetzerin über diese Grenze hinweg. Ich reise aber auch gerne über die physischen und somit geografischen Grenzen. Darum liebe ich große Länder wie den Iran und Mali. Und um die Geschichte von Ländern zu verstehen, versuche ich, so viel wie möglich über Land zu reisen und nicht einfach in den Flieger zu steigen.

Warum ist aus Ihrer Sicht das Thema „Grenzenlos“ derzeit so aktuell?
Mali, über das ich lesen werde, war in seiner Geschichte über Jahrhunderte hinweg ein Brückenland, eine Brücke zwischen dem nördlichen, also quasi dem weißen und schwarzen Afrika südlich der Sahara. Heute versucht die europäische Politik, Mali als Grenze zu zementieren, um uns die Flüchtlinge vom Hals zu halten. Die Grenzen in der Sahelregion waren früher durchlässig, weil die Menschen je nach Saison woanders ihr Einkommen gesucht haben. Heute gibt die Europäische Union viel Geld aus, um die Grenzen dort undurchlässig zu machen. Wenn man auf dem Flughafen in Malis Hauptstadt Bamako ankommt, gibt es von jedem Einreisenden eine High-Tech-Iris-Erkennung zur Kontrolle – und das in einem Land, in dem viele nicht einmal Strom haben! Mein Buch über Mali habe ich deshalb den Menschen gewidmet, die beim Versuch, die Grenze nach Europa zu überwinden, ums Leben gekommen sind.

Welche Beziehung haben Sie zu Braunschweig und was assoziieren Sie mit der Stadt?
Bisher war ich noch nicht in Braunschweig, freue mich aber umso mehr auf die Lesung dort.

 

(c) Pavel Metelitsyn

Mitja Vachedin (c) Pavel Metelitsyn

Am 4. März stellt der im ehemaligen Leningrad geborene Mitja Vachedin seinen Debütroman „Engel sprechen Russisch“ im Raabe-Haus:Literaturzentrum vor. Obwohl der Autor sein Werk offiziell als eine fiktive Handlung darstellt, teilt er mit seinem Protagonisten nicht nur den Vornamen, sondern auch sein „rot-blau-weißes Zahnpastaleben“. Vachedins blumige Sprache zieht sich durch sein gesamtes Buch genauso wie die Sehnsucht, nach etlichen gescheiterten Versuchen endlich mal anzukommen.

Herr Vachedin, inwiefern befasst sich „Engel sprechen Russisch“ mit dem Thema der Braunschweiger Buchwochen?
Mein Roman serviert quasi die fremde Erfahrung in Form einer exotischen cholesterinhaltigen Speise, sagen wir mal Pelmeni. Nicht die Handlung ist hier zentral, sondern das, was im Kopf des Lesers vorgeht, während er oder sie das Buch verzehrt. Das ist das eigentliche Sujet des Buches, wenn Sie mich fragen. Ob und wie dabei Grenzen überwunden werden – das hängt davon ab, wie fit der Geist des Lesers momentan ist. Ist er zu solchen Sprüngen bereit? Ich würde es nur begrüßen.

Warum ist aus Ihrer Sicht das Thema „Grenzenlos“ derzeit so aktuell?
„Grenzenlos“ ist eine schöne Illusion und vielleicht der Titel des nächsten Schlagers von Helene Fischer. Diese Definition hat, glaube ich, mehr mit Erfahrungen des Pauschaltourismus mit deutschem Reisepass zu tun, als mit der gegenwärtigen politischen Entwicklung. Grenzen werden weiter und wieder gebaut, sie werden manifestiert, Grenzen bringen Schutz und Geborgenheit – die Welt da draußen ist kalt. „Schön sind die Blumen im neutralen Land zwischen den Staatsgrenzen“, sang ein sowjetischer Sänger. Einmal habe ich zehn Stunden an der polnisch-ukrainischen Grenze verbracht und kann das definitiv bestätigen.

Welche Beziehung haben Sie zu Braunschweig und was assoziieren Sie mit der Stadt?
„Eine Blume im neutralen Land zwischen den Grenzen“ passt auch zu Braunschweig – ich fahre immer an der Stadt vorbei, wenn ich vom Ruhr nach Berlin fahre oder umgekehrt. Braunschweig ist ein Geheimnis, es ist fast zu schade, es zu lüften: Ich hoffe also, dass sich das nach unserer Begegnung nicht ändern wird, der Rest ist Schweigen.

 

(c) Simona Lexau

Isabel Fargo Cole (c) Simona Lexau

Isabel Fargo Cole – amerikanische Übersetzerin und Autorin – liest am 13. März in der Buchhandlung Benno Goeritz aus ihrem Roman „Die grüne Grenze“. Die Schriftstellerin schildert in ihrem Werk die gefährliche Gratwanderung einer jungen Familie im Harz zwischen Wahrheit und einer gelebten Illusion. So hätte der Protagonist Thomas Honeckers Worten vielleicht lieber nicht folgen sollen, als dieser erklärte, dass es „auf dem Gebiet von Kunst und Literatur keine Tabus geben“ könne.

Frau Fargo, inwiefern befasst sich „Die grüne Grenze“ mit dem Thema der Buchwochen?
In „Die grüne Grenze“ geht es um Bewohner des DDR-Grenzgebiets im Harz der 1970er und 1980er Jahre, ihren Umgang mit der belastenden Nähe der deutsch-deutschen Grenze und die Sehnsucht, physische oder auch zwischenmenschliche Grenzen zu überwinden.

Warum ist aus Ihrer Sicht das Thema „Grenzenlos“ derzeit so aktuell?
Es wird immer schwieriger, sich von den Problemen anderer Länder oder innerhalb der eigenen Gesellschaft abzuschotten. Diese zunehmende Entgrenzung bringt sowohl Ängste und Spannungen als auch utopische Hoffnungen mit sich.

Welche Beziehung haben Sie zu Braunschweig und was assoziieren Sie mit der Stadt?
Ich war bisher nur einmal in Braunschweig, im Jahr 2000, ein Ausflug im Rahmen des Studiums. Es ging unter anderem um den Dom und die Inszenierung der Gruft Heinrichs des Löwens als „Nationale Weihestätte“ im Dritten Reich. Das war meine erste Begegnung mit der Epoche der Harzkaiser und der „Ostkolonisation“, die durch die Nationalsozialisten für mörderische Zwecke instrumentalisiert wurde. Die Arbeit an „Die grüne Grenze“ führte mich darauf zurück, als ich begann, tiefere Geschichtsebenen und deren unter anderem politische Mythologisierung zu erkunden. Insofern kann ich sagen, dass die Stadt eine wichtige Rolle für meinen Roman gespielt hat und ich mich ganz besonders darauf freue, ihn in Braunschweig vorzustellen.

Viktoria Mitjuschin (SUBWAY Magazin – oeding magazin GmbH) / Fotocredit: Ursula Saile-Haedicke

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