(c) Glover Strichpunkt, Movimentos

Ein Interview mit Tanzdramaturg Philipp Amelungsen

»Das Theater ist ein ganz eigener Kosmos«

Zunehmende Widersprüche an deutschen Theatern. Einerseits wollen sich die großen Häuser immer mehr nach außen öffnen und sich den Menschen in ihrer Stadt zuwenden, andererseits wenden sie sich zunehmend von denjenigen ab, die das Rad am Laufen halten: den künstlerischen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen. Befristete Verträge und gering bis gar nicht bezahlte Assistenzen sorgen für hohe Fluktuation und enormem Leistungsdruck. Unter solchen Bedingungen ist es schwer, eine Stadt so zu durchdringen, dass man sie künstlerisch ausloten und das Publikum langfristig zufrieden stellen kann. Der 28-jährige Philipp Amelungsen war von Februar 2014 bis Juli 2015 als Dramaturg für Tanz am Staatstheater Braunschweig beschäftigt. Mit der „Nichtverlängerung“ des Vertrags von Jan Pusch, der seit 2010 Tanzdirektor in Braunschweig war, endet vorerst auch Philipp Amelungsens Tätigkeit in der Löwenstadt, was er durchaus bedauert. Wir sprachen mit dem nun nach Leipzig ziehenden Dramaturgen über seine Eindrücke von Braunschweig und die zum Teil sehr schwierigen Produktionsbedingungen an einem Staatstheater.

Philipp, mit welchem Gefühl verlässt du die Stadt Braunschweig?
Jetzt habe ich erst mal Urlaub und genieße das sehr. Endlich habe ich Zeit, Braunschweig zu entdecken. Es ist seltsam, denn eigentlich habe ich sehr viel Input von dieser Stadt erhalten, dennoch habe ich das Gefühl, vieles nicht zu kennen. Ich bin zu selten aus dem Theater rausgekommen und konnte viele Synergien und Verbindungslinien, die ich zwischen unserer Arbeit und der Stadt gesehen habe, nicht verfolgen. Vor allem jene zu einem jungen und alternativen Leben in Braunschweig, dass zum Beispiel an der HBK oder der TU stattfindet. Da hätte ich mir eine noch stärkere Zusammenarbeit gewünscht, beziehungsweise engere Kontakte. Es geht um die Facetten von Braunschweig, die man nicht auf den ersten Blick wahrnimmt, die man suchen muss. Dafür war ich aber zu eng in meinen Arbeitsalltag eingebunden. Deshalb konnte ich mich nicht so stark mit der Stadt verbinden, wie ich es gern gewollt hätte. Das Theater ist ein ganz eigener Kosmos, von dem aus es manchmal schwerfällt, die Stadt in der man lebt, zu sehen.

Was hat dich nach Braunschweig geführt und wie war es für dich, als du hier angekommen bist?
Der Tanzdirektor Jan Pusch hat mich hierher geholt. Ich war zuvor als Mitarbeiter im Marketing und Dramaturg für Ballett an der Oper Leipzig tätig. Dass Braunschweig eine große zeitgenössische Compagnie hat, wusste ich und das war auch der ausschlaggebende Punkt, herzukommen. Der Zeitgenössische Tanz entsteht immer aus dem Jetzt und kann in besonderer Weise die Zeit, in der wir leben, reflektieren und sich an ihr aufreiben. Die Intensivität der Auseinandersetzung und die gemeinsame Arbeit mit Jan Pusch und 16 spannenden Tänzerpersönlichkeiten haben mich gereizt. Deshalb habe ich die Stelle gerne angenommen. Andererseits war es komisch, nach Braunschweig zu ziehen. Ich bin in Kalbe/Milde, einem kleinen Nest in der Altmark, nur 70 km von Braunschweig entfernt, aufgewachsen. Mit meiner Familie war ich früher oft hier oder in Wolfsburg. Meistens zum Einkaufen oder zum Weihnachtsmarkt. Braunschweig gehört also zum heimatlichen Einzugsgebiet und es hat sich ein bisschen angefühlt, als würde ich wieder zu Hause einziehen. Und dann kam ich auch noch im Winter hierher … Braunschweig ist einfach keine Winterstadt. Alles wirkte grau und trist. Also war der Anfang recht merkwürdig. Im Frühling hat sich diese Stadt dann aber komplett verwandelt. Ich habe es sehr genossen, jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit durch den Park zu fahren oder abends noch dort zu sitzen und zu grillen. Braunschweig hat wirklich einen Sommer-Chill-Faktor. Und den genieße ich auch jetzt gerade.

Was ist für dich charakteristisch an Braunschweig?
Oberflächlich betrachtet würde ich sagen: Braunschweig ist eine satte Stadt. Den Menschen geht es gut. Sie konsumieren wahnsinnig viel. VW ist dieser riesen Player. Die Leute haben gute Jobs, verdienen Geld und sind manchmal etwas zu gemütlich. Das Besondere, das Alternative oder Ungewöhnliche versteckt sich hier und generell wünsche ich der Stadt mehr Subversivität und Mut, sich auch kritisch zu befragen. Aber das sage ich aus der Perspektive von jemandem, der lange in Leipzig gelebt hat. Dort gibt es ein starkes Engagement auf allen Eben und es wird sehr leidenschaftlich darüber gestritten, wie diese Stadt, in der man gemeinsam lebt, aussehen soll. Etwas von diesem Spirit würde ich mir auch für Braunschweig wünschen. Das habe ich hier nur einmal erlebt, nämlich im Rahmen der Gegenproteste zu BRAGIDA. Ich war überrascht und froh wie offen, vielfältig und kritisch sich die Stadt plötzlich gezeigt hat. Denn natürlich ist das hier kein perfektes Idyll. Es gibt soziale Brennpunkte, neben dem Wohlstand auch große Armut und eine hohe Zahl an Migranten und Flüchtlingen. Im konsumgeprägten Herzen der Stadt finden diese Themen, auch im Sinne einer „Willkommenskultur“, kaum Beachtung. Diese Themen finden am Rand statt, in der Weststadt oder der Boeselagerstraße. Auch die Kollegen und Kolleginnen an der HBK bleiben dem Innenstadtraum fern und sind auf ihrer kleinen Insel oder sie sind an exklusiven Orten. Man möchte ihnen gerne zurufen: Kommt doch raus und stellt die Stadt auf den Kopf!

Welchen Stellenwert nimmt ein beziehungsweise unser Staatstheater deiner Meinung nach ein, wenn es darum geht, eine Stadt auf den Kopf zu stellen?
Das Kerngeschäft von den meisten Theatern ist und bleibt die Aufführung. Die Menschen müssen also direkt in das Haus kommen, um Theater zu erleben. Und auf der Bühne setzten sich Theater zuweilen auch mit ihrer Stadt auseinander. Nachholbedarf gibt es aber insofern, dass Theater – und ich finde, das gilt auch für das hiesige Staatstheater – öfter ihre natürlichen Räume verlassen müssen, um neue Orte in der Stadt zu besetzen. Die Auseinandersetzung muss noch aktiver, noch intensiver betrieben werden. Das bindet auf der anderen Seite aber enorme Kapazitäten und erfordert Zeit. Beides sind knappe Ressourcen. Nehmen wir das Staatstheater als Beispiel: Es gibt mehr als 30 Premieren in einer Spielzeit. Alle MitarbeiterInnen leisten hervorragende Arbeit, um das zu realisieren. Auf der anderen Seite reizt so ein intensiver Spielbetrieb die Belastungsgrenzen aus. Das ist Wahnsinn. Und das macht diesen Betrieb auch im besten Sinne wahnsinnig. Denn es bedarf einer Wahnsinnsenergie, um all das zu stemmen und es verdient großen Respekt gegenüber den Künstlerinnen und Künstlern, den Werkstätten und der Technik. Diese enorme Konzentration auf das Kerngeschäft heißt dann aber auch, dass man größere Projekte jenseits des Bühnenraumes kaum realisieren kann. Ich würde mir hier von Theatern andere Prioritäten wünschen. Natürlich gibt es Bereiche im Theater, wo das auch hier in Braunschweig schon passiert. Die Theaterpädagogik macht zahlreiche Workshops in Bildungseinrichtungen oder geht mit Projekten wie der „Weststadt-Story“ direkt in die Stadtviertel. Aber ich glaube, dass man auch jenseits der Theaterpädagogik den Auftrag wahrnehmen sollte, den Stadtraum theatral zu entdecken. Diese Kritik schreibe ich mir aber auch selbst auf die Fahne. Wenn ich jetzt nur mal von der Tanzsparte ausgehe, dann versuchen wir natürlich, mit dem, was wir zeigen, immer eine Einladung an alle Braunschweiger und Braunschweigerinnen auszusprechen. Aber es findet eben alles im Haus statt. Dabei hätte es spannende Orte und Partner in  der Stadt gegeben, mit denen wir uns hätten verbinden können. Das wäre mein Ziel für die nächste Spielzeit gewesen, hätte es sie mit uns gegeben. Ein Projekt mit den freien Künstlern der HBK wäre großartig gewesen! Es gibt dort tolle Raumkünstler, gemeinsam mit ihnen und unseren Tänzern hätte man sicherlich spannende Installationen im Stadtraum entwickeln können. Gerade durch Form und Bewegung und Tanz in Auseinandersetzung mit dem Ort an dem sie passiert, also mit den Menschen, der Geschichte, der Architektur, entstehen neue Sichtachsen, die das Gewohnte in Frage stellen und zum Stolperstein werden. Was meiner Ansicht nach also noch fehlt ist, dass wir auch die Stadt zum Theater machen. Ich wünsche Braunschweig und den Kultureinrichtungen für die Zukunft mehr Verrücktheit und Mut, sich selbst zu befragen.

Wenn man einen Ort verlässt, geht man ja meistens mit einem lachenden und einem weinenden Auge – wofür stehen die beiden Augen in deinem Fall?
Das lachende Auge ist eindeutig der Freizeitgewinn, der jetzt folgt und die Freude auf mein Masterstudium in Leipzig. (lacht) Das weinende Auge sind natürlich die Menschen, die man zurück lässt und die man hier lieb gewonnen hat und die erfolgreiche Arbeit unserer Sparte. Das macht mich tatsächlich betrübt. Mit unserer inhaltlichen Ausrichtung auf den Zeitgenössischen Tanz, vor allem mit den jungen Choreografen und dem Festival „fresh – Tanztage Braunschweig“ haben wir ein außergewöhnliche Vielfalt eröffnet, die auf große Publikumsresonanz gestoßen ist. Da ist es natürlich schade, diese Arbeit nicht weiterzuführen. Jan Pusch hat aber meinen großen Respekt vor seiner Entscheidung, seinen Vertrag nicht zu verlängern. Am Ende sind es die Menschen, die ich wirklich vermissen werde: Die KollegInnen der Tanzsparte und vom Theater, neugewonnene Freunde. Das ist doch das, was eine Stadt ausmacht – die Menschen, denen wir begegnen. Und für diese Menschen, die Erinnerungen und die Verbindungen, die sich für mich ergeben haben, bin ich dankbar.

Anna Daßler (SUBWAY Medien) / Fotocredit: Glover Strichpunkt, Movimentos

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.