(c) Renate Schildheuer

»Es braucht sowohl ‚die da oben‘ als auch ‚die da unten‘«

Am 1. März öffnet die IG Metall Wolfsburg ihre Türen mit der Ausstellung „Abschied. Im Gegenlicht“, in der ein Gemäldezyklus von Hagen Bonifer präsentiert wird. Der Künstler setzt sich in seinen 34 Bildern mit dem Industriesterben Europas auseinander. Er bildet unter anderem resignierte Menschen, leere Fabrikhallen und scheinbar nutzlos gewordene Werkzeuge wie Relikte unserer Industriegesellschaft ab. Die in Öl auf Putz gemalten Werke ermöglichen den Betrachtern ein Eintauchen in eine vergangene Zeit, aber auch eine kritische Auseinandersetzung mit aktuellen Gegebenheiten. Wir haben Hagen Bonifer ein paar Fragen gestellt, um einen näheren Einblick in seine Arbeiten zu bekommen.

Herr Bonifer, Ihre Zeichnungen sind erstaunlich detailgetreu. Da liegt uns eine Frage brennend auf der Zunge: Welchen Einfluss hat der Industriesektor auf Ihren Lebensweg genommen? Waren Sie selbst schon mal in dieser Branche tätig?
Die Detailgenauigkeit liegt schlichtweg in der Art und Weise, die ich mir am Anfang des Prozesses selbst vorgegeben habe. Ich wollte handwerklich und inhaltlich mein Ziel erreichen und eindrucksstarke Gemälde erstellen. Lediglich als Schüler hatte ich in Ferienjobs Berührung mit der Industriearbeit, jedoch bin ich in dieser Beziehung durch meine Familie vorbelastet.

Warum haben Sie ausgerechnet das Thema „Industriesterben“ zum Gegenstand Ihrer Arbeiten erklärt?
Weil die Verlagerung der dargestellten Industriearbeit in Billiglohnländern und die Veränderung durch die Einführung von computergesteuerten Maschinen, die das Handwerkliche und den Menschen dahinter ablösten, vonstattenging und geht. Mein Kunstarbeiten bedarf der Reflexion und der Kritik – das stellt meist den Anfang meines Tuns. Es gibt auch andere Themen, andere Zyklen, im Laufe der Jahre. Alles in allem geht es mir um den Wahrheitsgehalt von Kunst, eine ihrer zentralen Aufgaben.

In Ihrem Gemäldezyklus bilden Sie unter anderem scheinbar nutzlos gewordene Werkzeuge als Relikte unserer heutigen Industriegesellschaft ab. Gleichzeitig werden Ihre Kunstwerke in Wolfsburg – dem weltweit größten Volkswagen-Standort – ausgestellt. Wie würden Sie einem Werkarbeiter, der tagtäglich mit Werkzeugen hantiert, das Thema ihrer Ausstellung erklären?
Dass er bei dem, was er sieht und wahrnehmen kann, in den eigenen Spiegel schaut.

(c) Hagen Bonifer

(c) Hagen Bonifer

Inwiefern eignen sich die Räumlichkeiten der IG Metall thematisch und architektonisch für Ihre Ausstellung?
Erst mal vordergründig gar nicht. Das räumliche Konzept ist eigentlich ein anderes. Man muss sich die vorgegebenen Räume für den Zyklus „erkämpfen“, auch für Wolfsburg war das so. Ich hoffe, dass das, was ich mir vorgenommen habe, auch aufgeht.

Wenn man an die Arbeit im Wolfsburger VW-Werk denkt, glauben Sie, dass Maschinen und Computer die Menschen irgendwann komplett ablösen?
Ohne das Vergangene zu mystifizieren ist die zentrale Aufgabe, Abschied zu nehmen und Handeln zu diskutieren. Die gesellschaftliche Produktionsweise braucht immer weniger Menschen im Einsatz bei gleichzeitiger Gewinnmaximierung der Unternehmen. Wir werden aufgefordert sein, als Gesellschaft über „Löhne für Nichtarbeit“ nachzudenken und eine psychosoziale Korrektur vorzunehmen, wenn wir ein trauriges Neben- und Miteinander bei Unterschieden in der Lebensführung vermeiden wollen. Dafür braucht es sowohl „die da oben“ als auch „die da unten“.

Wie gelingt es Ihnen, statischen Motiven Leben einzuhauchen oder ist das in Ihren Augen bei dieser Thematik nicht notwendig?
Es gelingt durch die Art und Weise der Ausführung. Farbe, Material et cetera müssen mit der Idee korrespondieren. Man muss der Vorstellung, „einem Abschied“ – einem Requiem, wenn man so will – den „richtigen Ton“ verpassen. Gelingt das, nimmt man die Leute mit.

(c) Karl Lotz

(c) Karl Lotz

In Ihrem nahezu gleichnamigen Buch „Abschied. Im Gegenlicht. Vom Ende einer Ära“ verknüpfen Sie Ihre Bilder mit Zitaten aus Peter Weiss‘ epochalem Roman „Die Ästhetik des Widerstands“, in dem antifaschistischen Widerstandskämpfern aus der Arbeiterbewegung ein Denkmal gesetzt wird. Welche Verbindung sehen Sie zwischen der Arbeiterbewegung und dem Widerstand gegen Barbarei und Unterdrückung?
Das eine ist ohne das andere nicht zu denken. Es sind die Klassenwidersprüche, die das bedingen, wenngleich im neoliberalen Werk das nicht gleich sichtbar auf der Hand liegt und liegen soll. „Sich weder von der Macht der anderen noch von der eigenen Ohnmacht dumm machen zu lassen“ – ein Satz von T.W. Adorno aus der Minima Moralia – ist und bleibt die zentrale Aufmerksamkeit, der wir als „Mensch unter Menschen“ Folge zu leisten haben, wenn wir gemeinsam an dem Stellrädchen des „Immer-weiter-so“ etwas drehen wollen.

Abschließend kristallisiert sich in Ihrer Ausstellung der Wunsch nach einer besseren Zukunft heraus. Wie sieht diese in Ihren Augen aus?
Auch hier möchte ich das eben angesprochene Adorno Zitat nochmal aufgreifen: Es bezieht sich auf die Aufmerksamkeit in politischen Dingen ganz allgemein. Es sollte für jedes einzelne Leben gelten können. Zu was gibt man sich her, wem oder was zeigt man sich „dienstbar“? Wo überschreitet man im Alltag diese Grenze und wo sagt man: Jetzt reicht‘s! Insbesondere sollten sich das Menschen hinter die Ohren schreiben, die im Namen anderer deren Interessen zu vertreten glauben. Genau sie handeln wider besseres Wissen und haben großen Anteil an den falschen politischen „Befriedungsverbrechen“, die unsere Augen und Ohren täglich erreichen. Das Zweifelsgebot gilt einer solchen Intelligenz.

Die Vernissage findet am Donnerstag, 1. März um 17 Uhr im Gewerkschaftsraum der IG Metall Wolfsburg, Siegfried-Ehlers-Straße 2 statt. Interessierte können sich die Kunstausstellung ab dem zweiten Ausstellungstag bis zum 4. April täglich von 8 bis 14 Uhr angucken. Weitere Informationen finden sich unter Telefon (0 53 61) 20 02 42 sowie online unter www.wolfsburg.de.

Viktoria Mitjuschin (SUBWAY Magazin – oeding magazin GmbH) / Fotocredit: Hagen Bonifer

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