(c) Staatstheater Braunschweig

Fast Forward Festival – Junge Entwürfe des Theaters von morgen

Originalität, Vielfalt und Gesellschaftskritik zeichnen „Fast Forward – Das Europäische Festival für junge Regie“ aus, das dieses Jahr zum sechsten Mal veranstaltet wird. Kuratiert von Barbara Engelhardt präsentieren acht junge progressive Regie-Talente aus sieben europäischen Ländern ihre aktuellen Projekte und setzen sich individuell mit den Traditionen und Möglichkeiten des Theaters auseinander. Rechtzeitig vor Beginn des großen Theaterfestivals stellen wir Ihnen die teilnehmenden Regisseure mit einem persönlichen Statement zum Gegenwartstheater und ihren facettenreichen Arbeiten vor.

Die ganz unterschiedlichen, frischen Ansätze der Künstler spiegeln die bunte Theaterlandschaft Europas wider, die sich bei dem innovationsfördernden Festspiel nicht nur widersprüchlich und kontrovers, sondern auch tiefgründig, provokant, spannungsreich und humorvoll zeigt. An vier Festivaltagen geht die europäische Reise über Norwegen, Holland, die Schweiz, Deutschland, die Türkei, Griechenland bis nach Georgien. Festivalbesucher können sich einen Eindruck der konzeptuellen wie ästhetischen Heterogenität und Spannweite des zeitgenössischen jungen Theaters in Europa machen, das klassische Stoffe neu zu interpretieren und neue Formen der Dramatik zu entwickeln vermag, die zwischen Schauspiel, Dokumentation, Performance und Tanz changieren. Alle Theaterschaffenden bringen ganz persönliche Alltags- und Lebenserfahrungen in ihre Projekte ein und reagieren damit auf die gegenwärtigen kulturellen und politischen Umstände ihres Herkunftslandes. Zudem werden alle Stücke in der eigenen Landessprache gesprochen, aber deutsch und englisch übertitelt, was gleichermaßen ein trennendes und verbindendes Moment zwischen den Performances ist.

Das Festival für junge Theaterkreative fand erstmals 2011 in Braunschweig statt und hat sich inzwischen einen Namen in der europäischen Theaterlandschaft als Plattform für künstlerische Begegnungen, Entdeckungen, Austausch und Nachwuchsförderung gemacht. Vom 24. bis 27. November präsentiert das Festival die Projekte der jungen Regisseure und Theaterschaffenden im Staatstheater Braunschweig. Am letzten Festivalabend wird eine internationale Fachjury eine der Inszenierungen auszeichnen und dem Team damit die Möglichkeit geben, in der nächsten Spielzeit ein neues Projekt zu realisieren. Erstmals wird in diesem Jahr auch ein Publikumspreis vergeben, bei dem die Besucher abstimmen können, welches Stück sie am meisten zum Nachdenken gebracht, bewegt oder begeistert hat.

Like A Prayer (c) Guillaume Musset

Like A Prayer (c) Guillaume Musset

Corinne Maier, 35, aus der Schweiz tritt mit „Like A Prayer“ bei dem Festival an:
„Ich denke, dass gerade Menschen, die selbst Theater machen, die Rolle des Theaters in der Gegenwart unterschätzen. Denn immerhin sitzen dort Menschen zusammen an einem Ort, man klatscht in die Hände und diskutiert, was man gemeinsam erlebt und verschieden empfunden hat. Ich könnte mir vorstellen, dass diese Eigenschaft des Theaters in Zukunft noch wichtiger werden kann und einmal unter Denkmalschutz gestellt wird, als eine der letzten Situationen, in denen Menschen gemeinsam nicht auf ihr Handy starren.“, lässt sie Handy-Assistentin „Siri“ für sich sprechen.

„Like A Prayer“
Deutsch mit englischen Übertiteln
Stückdauer ca. 80 Min.

Strenge Gläubigkeit wird derzeit scharf diskutiert – bei Muslimen. Im westlichen Kulturkreis wird praktizierenden Theisten dagegen eher Diskretion und Integrität zugeschrieben. Oder handelt es sich auch dabei inzwischen eher um eine Parallelgesellschaft? Die Schweizerin Corinne Maier stellt in ihrem dokumentarischen Theaterprojekt die sehr privaten Gretchenfragen: Welche persönlichen Erfahrungen prägen überzeugte Theisten? Wodurch können Atheisten die Existenz Gottes für sich sicher ausschließen? Wie gehen Gläubige damit um, religiösen Vorgaben nicht folgen zu dürfen? Und kann man Religiosität eigentlich lernen?

Die Basler Regisseurin war nach ihrem Studium der Kulturwissenschaften und ästhetischen Praxis in Hildesheim als Dramaturgin und Theaterpädagogin tätig und führt seit 2012 auch Regie. Sie sucht nach modernen Zugängen zu diesem traditionsgeladenen Thema und stellt statt eindeutigen Antworten Einzelschicksale und persönliche Geschichten hinter der religiösen Überzeugung vor. Die Inszenierung zeigt das Aufeinandertreffen einer gläubigen Performerin (Julia Bihl) und eines nichtgläubigen Performers (Johannes Dullin) nach einer Recherchezeit in einem Franziskanernonnen-Kloster im Muothatal. Zwischen Irritation und Faszination entwickelt sich auf der Bühne eine spannende Auseinandersetzung um unterschiedliche Glaubens- und Lebensvorstellungen. Für interessante Einblicke sorgt außerdem die Videozuschaltung der Schwestern in die Performance.

Regie: Corinne Maier; Ausstattung: Valerie Hess; Dramaturgie: Johanna Höhmann; Künstlerische Mitarbeit: Kris Merken; Musik & Sound: Design Bernhard La Dous; Video: Gernot Wöltjen; Licht, Technische Leitung: Thomas Kohler; Produktion: Franziska Schmidt / stranger in company; Akteure: Julia Bihl, Johannes Dullin.

 

Doppelgaenger (c) Nicole Wytyczak

Doppelgaenger (c) Nicole Wytyczak

Oliver Zahn, 27 und Julian Warner, 31, aus Deutschland treten mit „Situation mit Doppelgänger“ für die Theaterakademie August Everding, die Hochschule für Musik und Theater und das Ballhaus Ost München an:
„Ich mache Theater, weil ich als Kulturanthropologe autoethnographisch forsche. Und ich mache Theater, weil mich Körpertechniken als Wissensform interessieren. Ich freue mich schon auf unser Gastspiel bei Fast Forward.“, sprechen sie –  ihrer Performance angemessen – synchron.

„Situation mit Doppelgänger“
Deutsch mit englischen Übertiteln
Stückdauer ca. 60 Min.

Das „Krumping“ ist seit den 90ern aus der Hip-Hop-Szene nicht mehr wegzudenken, „Twerking“ ist seit Miley Cyrus’ vieldiskutiertem Auftritt bei den Video Music Awards 2013 ebenfalls zur angesagten Pop-Tanzkultur avanciert. Die Aneignung und Vermarktung schwarzer Kulturformen, insbesondere im musikalisch-tänzerischen Bereich, hat seit den diskriminierenden Minstrel- oder Blackface-Shows des 19. Jahrhunderts inzwischen traurige Tradition. Wie sieht es aber etwa mit Schuhplatteln oder dem Irischen Jig aus? Welche Bedeutungen haben Tänze für ihre Volksgruppe? Sind sie als Teil einer sozio-kulturellen Identität zur Übernahme durch Fremde verboten?

Die Essay-Performance „Situation mit Doppelgänger“ entstand in einer Zusammenarbeit von Oliver Zahn, der Regie an der Theaterakademie August Everding München studierte und Julian Warner, damals Student der Theaterwissenschaft, Amerikanistik und Ethnologie an der LMU München, seit Oktober 2015 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kulturanthropologie der Universität Göttingen. Auf der Grundlage von Minstrel-, Pop- und Volkstänzen untersuchen sie auf der Bühne den Vorgang kultureller Aneignung, das Potenzial von Popularisierung und die Konstruktion von Authentizität. Ihr Auftritt als synchrones Duo verknüpft die Mittel der Rekonstruktion, Imitation und Parodie und entwickelt in seiner Widersprüchlichkeit auch eine gewisse Komik.

Regie & Konzept: Oliver Zahn, Julian Warner; Tanzcoaching: Quindell Orton, Klaus Steinbacher; Stimme: Tinka Kleffner; Regieassistenz: Sara Tamburini; Ton: Udo Terlisten; Licht Design: Fabian Eichner; Videoassistenz: Hannah Saar; Technische Leitung: Jonaid Khodabakhshi; Akteure: Julian Warner, Oliver Zahn.

Die süße Tyrannei des Oedipus (c) Karol Jarek

Die süße Tyrannei des Oedipus (c) Karol Jarek

Maria Protopappa, 45, aus Griechenland schickt „Die süße Tyrannei des Ödipus“ für das National Theatre of Greece – Experimental Stage -1 ins Rennen:
„Meine Leidenschaft für das Theater entstand aus der Begeisterung für die großen Autoren, für ihre versteckten Geheimnisse und wie sich menschliches Denken durch die Zeit verändert. Ich mag es auch zu zeigen, wie sich das Verhalten von Menschen und Tieren ähnelt. Dass es gegenwärtig viele junge Menschen in die Theaterwelt zieht, ist aus meiner Sicht ein revolutionärer Akt gegen die Massenproduktion von Sklaven und Konsumenten, die wir seit Jahrzehnten ertragen. Festivals wie ‚Fast Forward‘ sind eine gute Gelegenheit, zusammenzutreffen, Mauern einzureißen und Vielfalt zu feiern.“

„Die süße Tyrannei des Ödipus“
Griechisch mit deutschen und englischen Übertiteln
Stückdauer ca. 80 Min.

Maria Protopappa studierte, neben Wirtschaft und Soziologie, Schauspiel an der Theaterschule Karolos Koun in Athen, arbeitet sehr erfolgreich als Schauspielerin in Theater, Film und Fernsehen und führt seit 2013 auch Regie. Sie kennt die Inszenierungs- und Spielkonventionen des antiken Sophokles-Mythos im griechischen Theater und versucht, diese als Regisseurin zu unterlaufen. Die Geschichte des tragischen Helden König Ödipus, der seinem bekannten Schicksalsspruch gemäß, Mörder seines Vaters und Ehemann seiner Mutter wird, wird in einen familiären, privaten Kontext versetzt, wodurch ein moderner Zugang zur traditionellen Schuldthematik geschaffen wird. Die Inszenierung hebt die zeitlose Problematik der Begleitumstände von Handlungsverantwortung in die potentielle Gegenwart Griechenlands und eröffnet damit einen aktuellen Bedeutungskomplex.

Regie: Maria Protopappa; Choreografie: Rhythm Hoppers (Avgoustinos Tran & Vassia Panayiotou); Lichtdesign: Sakis Birbilis; Regieassistenz: Andreas Andreou, Georgia Sotirianakou; Akteure: Maria Apostolakea, Ektor Liatsos, Giorgos Papandreou, Apostolos Pelekanos, Thodoris Skyftoulis, Manos Stefanakis.

Es War Einmal Ein Haus (c) Ali Gueler

Es War Einmal Ein Haus (c) Ali Gueler

Gülce Uğurlu, 39, tritt mit „Es war einmal ein Haus“ für die Türkei an:
„Mich interessiert es vor allem, einen Bezug herzustellen zu der Zeit, in der wir leben, und dadurch eine Diskussion mit dem Publikum möglich zu machen. Regiearbeit soll aus meiner Sicht vor allem den Performern ermöglichen, auf der Bühne ihre Kreativität zu entfalten, statt ihnen meine eigenen Visionen und Kreationen aufzuzwingen. In der heutigen Türkei ist Theater – mehr als je zuvor – eine Lebensnotwendigkeit: um überhaupt zu versuchen zu verstehen, was in deinem Land, mit den Menschen, mit der Natur und im Leben allgemein geschieht und um diese Suche mit anderen zu teilen.“

„Es war einmal ein Haus“
Türkisch mit deutschen und englischen Übertiteln
Stückdauer ca. 65 Min.

„Es war einmal ein Haus“ ist die dritte Regiearbeit von Gülce Uğurlu. Nach ihrem Schauspielstudium am Staatlichen Konservatorium Mimar Sinan in Istanbul arbeitete sie als Schauspielerin und Autorin und beschäftigte sich wiederholt mit unterschiedlichen Facetten der Entwicklung der türkischen Gesellschaft. In ihrem Stück zeigt sie die rasende urbane Entwicklung Istanbuls anhand eines besonderen Hauses am Rand der 17-Millionen-Stadt. Ein anstehendes Erbe und ein früherer Nachbar, der von den umwälzenden städtischen Veränderungsplänen zu profitieren versucht, bringen zwei Schwestern zurück in ihr Elternhaus. Uğurlu bespricht nicht nur aktuelle gesellschaftliche Orientierungstendenzen, sondern stellt zudem ein abstraktes Bühnenelement, das von den drei Akteuren bespielt wird, in den Mittelpunkt ihrer Inszenierung.

Regie: Gülce Uğurlu; Bühne: Meryem Bayram; Lichtdesign: Yakup Çartık; Sound Design: Gökhan Deneç; Licht: Rüştü Karabayram; Ton: Hakan Atmaca, Umut Gülday; Produktionsassistenz: Dilara Akan, Yasin Çıray, Furkan Ak, Turan Tayar; Englische Übersetzung: Deniz Vural; Akteure: Bedir Bedir, Funda Eryiğit, Esme Madra

How Did I Die (c) Anna van Kooij

How Did I Die (c) Anna van Kooij

Davy Pieters, 28, aus den Niederlanden stellt sich mit „How Did I Die“ für die Frascati Producties Amsterdam dem Wettbewerb:
„Ich habe in der Theaterarbeit eine wunderschöne und lebendige Möglichkeit gefunden, meine Lebenswelten einzufangen. Das Theater ist für mich ein Ort der Freiheit, ein Ort, an dem wir mit unseren alltäglichen Realitäten brechen und unsere Sicht auf sie verändern können. Das macht das Theater heutzutage sehr wichtig. Bei Fast Forward freue ich mich sehr auf den Dialog mit den vielen talentierten Künstlern und hoffe auf einen tollen Austausch.“

„How Did I Die“
Niederländisch mit deutschen und englischen Übertiteln
Stückdauer ca. 65 Min.

Ein Bild, das viele aus aktuellen TV-Formaten wiedererkennen: Eine junge Frau liegt reglos auf einem Waldweg. Ist sie tot? Was ist passiert? Die Assoziationen sind sofort da, die Fantasie hat den Plot schon zusammengesponnen. Und plötzlich wird zurückgespult: Wer verfolgt sie? Ein Übergriff? Es ist eindeutig. Oder war es vielleicht doch ganz anders? Das nächste Rewind verunsichert. Die Wahrheit ist ein Puzzle, keine Ahnung ist verlässlich. Immer wieder wird zurückgespult, unzählige Möglichkeiten werden angespielt.

Davy Pieters, die 2011 ihr Regiestudium an der Theaterakademie Maastricht abgeschlossen hat, recherchierte für ihr Stück unter anderem bei der Amsterdamer Polizei, bei der sie sich auch über Techniken der kriminologischen Spurensicherung und Visualisierung informierte. Weitere Inspiration kam von den stereotypen Bildern von Kriminalfällen in sozialen Medien, TV und Videospielen, die einerseits eine faszinierende Sogwirkung haben, andererseits aber auch manipulativ eingesetzt werden. Ihre Inszenierung, die auch viele Tanzelemente integriert, zeigt die Geschehnisse in umgekehrter Reihenfolge und lässt das Publikum damit  – wie in einem guten Krimi – im Dunkeln tappen, welche Ahnung, Rekonstruktion und Wahrnehmung von Wirklichkeit den Tatsachen am nächsten kommt.

Regie, Text & Bühne: Davy Pieters; Tonkonzept: Jimi Zoet; Lichtdesign & Technik: Bob Ages; Coaching: Marc Linssen, Jetse Batelaan, Loes van der Pligt; Akteure: Klára Alexová, Indra Cauwels, Joey Schrauwen

Forced Beauty (c) Jan Hajdelak Hustak

Forced Beauty (c) Jan Hajdelak Hustak

Nela H. Kornetová, 29, aus der Tschechischen Republik tritt mit der freien Theatergruppe T.I.T.S. aus Norwegen mit „Forced Beauty“ für die Akademi for scenekunst Fredrikstad an:
„Egal in welchem Land ich bin, meiner Meinung nach sollte Theater Menschen zusammenbringen, als Kunstschaffende oder Rezipienten. In der Gleichzeitigkeit und Verknüpfung von Text, Körpern, Tönen und Bildern hat Theater eine große Kraft, Menschen auf mehreren Ebenen zu berühren. Es bewegt die Menschen zutiefst und fordert sie sowohl intellektuell als auch emotional heraus. Ich sehe unser Stück als ein kleines Geschenk an das Publikum an, von dem sie vielleicht nicht wussten, dass sie es wollten, aber dann selbst beobachten können, wie sie es erleben, wie sie darauf reagieren, welchen Effekt es auf sie hat und ob sie etwas daraus für sich annehmen wollen oder nicht.“

„Forced Beauty“
Englisch mit deutschen Übertiteln
Stückdauer ca. 75 Min.

Eine subtile Tonspur, ein Video, zwei Frauenkörper umkreisen einander, gehen sich an, geben alles – in Liebe oder Unterwerfung? Die audio-visuelle Performance „Forced Beauty“ schafft eine dichte Atmosphäre zwischen Gewalt und Faszination, Empathie und Zumutung, endlosen Debatten und Verzweiflung. Inspiriert ist die provokante Theaterarbeit der Gruppe „T.I.T.S.“ insbesondere von alltäglichen Gemeinheiten und regelrechten Hasstiraden gegenüber Frauen in sozialen Medien sowie dokumentierten Fällen von Homizid. Mit intensiven Bildern werden auf der Bühne archaisch anmutende Machtspiele in Beziehungen inszeniert, aber auch das durch die Medien explodierende Phänomen hemmungsloser Gewaltäußerungen angeprangert. Die Theatermacherin Nela H. Kornetová, gebürtig aus der Tschechischen Republik, studierte an der Norwegischen Theaterakademie Fredrikstad, wo sie sich mit anderen Studierenden zur freien Theatergruppe T.I.T.S. kreativ zusammenschloss, um unter anderem die Möglichkeiten hybrider Theaterformen zwischen Spiel und Choreografie, Ton, Bild und Körper auszuloten. In ihrem Stück wird die abgründige Ästhetik und Sogwirkung von Gewalt schmerzhaft vor Augen geführt und gegen das kultivierte Mitgefühl ausgespielt.

Regie, Konzept & Choreografie: Nela H. Kornetová; Choreografie: Lærke Grøntved; Bühne, Kostüm & Licht: Ann Sofie Godø, Heidi Dalene; Musik & Tonkonzept: Jonas Qvale; Video & Grafik: Jan Hajdelak Husták; Titelsong: Lærke Grøntved (music), Nela H. Kornetová (lyrics) & Jonas Qvale (arrangement); Akteure: Lærke Grøntved, Nela H. Kornetová

Sacre (c) Benjamin Gerull

Sacre (c) Benjamin Gerull

Kevin Barz, 27, aus Deutschland stellt beim Festival das Triptychon „SACRE“ für die Otto Falckenberg Schule München in den
„Ich glaube, Theater kann ein Fernrohr in Welten sein, in die wir sonst keine Einsicht haben, weil wir in einer Gesellschaft leben, in der doch oft Dinge verloren gehen, ins Unsichtbare verrücken. Im Theater kann man diese unsichtbaren Dinge wieder sichtbar machen und so auf etwas verweisen, das ansonsten einfach unter den Tisch fällt, aber wahnsinnig spannend ist.“

„SACRE“
Deutsch mit englischen Übertiteln
Stückdauer ca. 50 Min.

Der Tod kommt im Hasenkostüm über sein junges „Frühlingsopfer“ – damit beginnt die Aufführung. Der weitere Weg ist bereits vorgegeben: Krankenhausbett, Obduktionstisch, Verwesung im Grabhügel. Wie lange dauert es, bis der Mensch, der zu einem Leichnam geworden ist, von Bakterien und Maden zerfressen, zu Staub und Nichts wird, und wie kann man den Vorgang verzögern? Der Restaufenthalt der körperlichen Hülle unter den Lebenden ist Thema des zuweilen beklemmenden Stücks, der Schein, der für eine gewisse Zeit gewahrt wird, die Rituale des „Übergangs“ mit Schminke und Formaldehyd. Kevin Barz präsentiert das, was bei einem echten Todesfall meist ungesehen bleibt, das Pas de deux zwischen Bestatter und leblosem Körper. Der in Oberhausen geborene Barz studierte zunächst Kunst- und Theaterwissenschaft in Bochum, später Angewandte Theaterwissenschaften in Gießen und seit 2014 Regie an der Otto Falckenberg Schule München. Für seine Arbeit drehte er auch bei einem echten Bestatter ein Video von Obduktionen, das auf einem großen Bildschirm in die Performance übertragen wird und sich mit dem Bild der Toten auf der Bühne vermischt. In seiner musikalischen Struktur und als Ton-Spur hängt Strawinskys dissonanzenreiches »Sacre du printemps« im Raum und begleitet so das Triptychon von Sterben, scheinbarer Wiederbelebung und Abschied.

Regie: Kevin Barz; Bühne & Kostüme:  Josefine Gindorf; Akteure: Fabian Kulp, Maj-Britt Klenke

Die Troerinnen (c) Bobo Mkhitar

Die Troerinnen (c) Bobo Mkhitar

Data Tavadze, 27, aus Georgien stellt sich mit „Die Troerinnen“ für das Royal District Theatre Tiflis in den Wettbewerb.
(Data Tavadze war für ein persönliches Statement zum Redaktionsschluss leider nicht mehr zu erreichen.)

„Die Troerinnen“
Georgisch mit deutschen und englischen Übertiteln
Stückdauer ca. 75 Min.

Euripides’ „Troerinnen“ beschreibt den unterschiedlichen Umgang der trojanischen Frauen mit ihrem Schicksal nach dem verheerenden Sieg Griechenlands, während sie auf ihre Verschleppung und Versklavung warten. In Anlehnung an diese erzählen fünf Frauen in Data Tavadzes Inszenierung von den Entwicklungen im postsowjetischen Georgien und zeigen, dass die traumatische Prägung allen Kriegsopfern gemein ist. Die Kaukasusregion ist seit ihrer Loslösung von der Sowjetunion von Bürgerkriegen und militärischen Interventionen betroffen, die von westlichen und russischen Einflüssen geprägt sind. Trauer und Wut über die vielen menschlichen Verluste, aber auch Angst, in einer prekären Gegenwart und einer ungewissen Zukunft leben zu müssen, werden durch die Akteurinnen authentisch vermittelt.

Data Tavadze aus Georgien kennt die Bühne schon seit Jugendtagen als Schauspieler. Seit 2008 ist er am Royal District Theatre ansässig, begründete mehrere Regie- und Dramenfestivals mit und ist als Regisseur und Dramatiker tätig. Die Verarbeitung von Kriegstraumata ist ein wiederkehrendes Thema des mehrfach preisgekrönten Stückeschreibers und Regisseurs. In die „Troerinnen“ kombiniert Tavadze Interviews von Georgiern, die die Kriege überlebt haben, mit dem antiken literarischen Vorbild und findet auch Worte der Hoffnung und des Vertrauens in die Menschen, die Konflikte zu überwinden.

Regie: Data Tavadze; Inspizienz: Maia Sakhitkhusisvili; Musik: Nika Pasuri; Ton: Teimuraz Margishvili; Dramaturgie: Davit Gabunia; Akteure: Nato Kakhidze, Ekatarina Kalatozishvili, Magda Lebanidze,
Ketevan Shatirishvili, Ia Tchilaia.

 

Evelyn Waldt (SUBWAY Magazin – Oeding Druck) / Fotocredit: Staatstheater Braunschweig

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