(c) Amrei-Marie

Gretchen Dutschke im Interview: »Eigentlich wird eine neue APO gebraucht«

Peter Schanz lädt Gretchen Dutschke zum Gespräch über „Freiheit und Verantwortung“ nach Braunschweig. Im Rahmen des Lessing-Festivals und passend zum Jubiläumsjahr der Studentenbewegung von 1968 stellt Dutschke, die Witwe des bekannten Studentenführers Rudi Dutschke in der Veranstaltung des Raabe-Haus:Literaturzentrums ihr gerade erschienenes Buch „1968. Worauf wir stolz sein dürfen“ vor, in dem sie eine Bilanz der Protestbewegung zieht. Nicht nur als Frau von Rudi Dutschke war sie aktiver Teil der Aktionen, konnte sich jedoch immer ein gewisses Maß an kritischer Distanz erhalten. Im Interview spricht sie über ihr Buch, die Vorstellungen von damals und die Probleme von heute.

Gretchen Dutschke, geb. 1942 in Oak Park, Illinois, ging 1964 zum Studium der Theologie nach Deutschland, wo sie in Westberlin Rudi Dutschke kennenlernte und 1966 heiratete. Nach dem Attentat am 11. April 1968, das Rudi Dutschke schwer verletzt überlebte, begann für die Familie eine jahrelange Odyssee durch verschiedene europäische Länder. 1971 ließ sie sich in Dänemark nieder, wo sie Seminare an der theologischen Fakultät der Universität Aarhus anbot. Nach dem Tod Rudi Dutschkes am 24. Dezember 1979 ging Gretchen Dutschke 1985 in die USA, kehrte aber 2009 wieder zurück nach Deutschland.

Die Diskussion über „Freiheit und Verantwortung“ von Peter Schanz und Gretchen Dutschke findet am 15. Mai 2018 um 19.30 Uhr im Roten Saal im Residenzschloss Braunschweig, Schloßplatz 1, statt. Weitere Informationen finden sich unter Telefon (05 31) 70 18 93 17 sowie online unter www.braunschweig.de.

 

Worauf wir stolz sein dürfen, (c) Gretchen Dutschke

Worauf wir stolz sein dürfen, (c) Gretchen Dutschke

Hatten Sie schon länger vor, Ihre Erfahrungen in einem Buch zu veröffentlichen oder hat es sich jetzt zum Jubiläum angeboten?
Schon seit mehreren Jahren, als noch kein Gedanken dem 50. Jahrestag des Attentates gab.

War es schwer, offen und kritisch über diese Zeit zu reden? Insbesondere mit dem allgemeinen Rechtsruck derzeit.
Nein, es war dringend notwendig.

Welche Vision von Deutschland und Europa hatten Sie und Ihre Kollegen damals und wie sehen Sie die Umsetzungen davon heute?
Wir haben die autoritäre, noch Nazi-verseuchte deutsche Kultur der 60er Jahre sehr grundlegend verändert. Das war und ist unser Erfolg, worauf wir stolz sein dürfen. Doch wir wollten auch eine Gesellschaft ohne Ausbeutung, ohne Krieg, ohne Umweltzerstörung. Das haben wir nicht geschafft.
Die Bewegung von damals sollte fortwirken, so hoffe ich. Sie sollte aufgrund unseres Erfolgs – und allem, was noch nicht erreicht war – Inspiration geben für die Möglichkeiten einer neuen Bewegung, die heute die politischen und ökonomischen Strukturen grundlegend in Frage stellen. Die genannten Probleme werden, so scheint es mir, nicht in diesem globalen kapitalistischen Wirtschaftssystem gelöst werden können.

Die Veranstaltung in Braunschweig steht unter dem Titel „Freiheit und Verantwortung“. Wie waren Ihre Vorstellungen von Freiheit und Verantwortung als konkrete Lebens- und Staatsziele damals, wie haben sie sich heute gewandelt?
Nach dem Krieg waren die Menschen – also die Elterngeneration – nicht bereit, die Verantwortung für das, was geschehen war, den Krieg und den Holocaust, zu übernehmen. Die Kinder – unsere Generation – war gerade geboren oder noch nicht geboren, sie konnten die Verantwortung nicht übernehmen, und doch spürten sie die Verantwortung, dass so etwas nie wieder in Deutschland geschehen sollte. Das haben diejenigen, die sich der 60iger Bewegung anschlossen, getan. Heute aber besteht die Verantwortung darin, die Umweltzerstörung zu stoppen und den Rassismus in Solidarität umzuwandeln. Freiheit hieß damals, die autoritären Strukturen der Gesellschaft, der Erziehung, der Denkweise in antiautoritäre Bahnen zu lenken und somit umzuwandeln. Das sollte heißen, die existierenden Strukturen infrage zu stellen, Alternativen anzubieten, zum Beispiel in Wohngemeinschaften zu wohnen, statt in Kleinfamilien, sexuelle Tabus aufzubrechen, die Befreiung der Frauen von dem Diktat der Männergesellschaft voranzutreiben, den Kampf gegen das Patriarchat anzutreten. Auf diesen Gebieten ist auch vieles erreicht worden. Es gab auch Ideen, wie der Staat demokratischer werden könnte, besonders durch Rätestrukturen und direkte Mandate, was nicht gelang, oder durch neue Parteien, die autoritären Strukturen entgegentreten sollten. Freiheit hieß nie, „alles ist erlaubt“. Denn Freiheit sollte durch Solidarität mit den anderen, mit den Leidenden und Unterdrückten, gelebt werden: Sie bedeutete damals, nicht egoistisch, rein selbstbezogen zu leben, wie Einige uns weismachen wollen. Im breitesten Sinn hat die Vorstellung von Freiheit und Verantwortung bis heute sich da nicht verändert. Aber natürlich sind die spezifischen Probleme, die die Welt heute betreffen, zum Teil andere geworden. Man redete damals von Ausbeutung und Entfremdung, stellte dagegen Freiheit, Gleichheit und Solidarität. Heute ist durch das globale kapitalistische System Ausbeutung von Menschen und Natur sowie Entfremdung so stark wie nie zuvor. Es ist die Verantwortung der Menschen, heute und gegenwärtig dieses System zu verändern. Freiheit geht zusammen mit Gleichheit – was nicht Konformität heißt, sondern ein Ende der finanziellen und staatlichen Eliten – und mit Solidarität.

In der Verantwortung des Staates liegt auch eine gewisse Garantie für Sicherheit, die immer eine Einschränkung von Freiheit bedeutet. Wie können heutzutage noch beide Bedürfnisse nach Freiheit und Sicherheit Berücksichtigung durch den Staat finden?
Eine Trennung von Regierung und Bevölkerung, wie heute, wird es schwer haben, Lösungen zu finden. Es müsste eine permanente Beteiligung der Bevölkerung, der Zivilgesellschaft also, geben. Das Rätemodell könnte Möglichkeiten anbieten, beispielsweise die Allmacht der Konzerne zu brechen.

Haben wir als Europäer heute eine Verantwortung gegenüber (geflüchteten) Menschen aus Ländern, die früher kolonialisiert waren?
Klar haben wir die.

Welche heutige Partei ist aus Ihrer Sicht am nächsten an den Idealen der 68er-Bewegung dran?
Eigentlich wird eine neue APO gebraucht, eine außerparlamentarische Opposition. Aber Grüne und Linke sind näher dran als es die anderen sind.

Können die damaligen Protest-Strategien (wie Sitzblockaden und Demonstrationen) noch Lösungen für heutige Probleme bieten oder muss sich die veränderte Gesellschaft neue Formen suchen? Was halten Sie von Aktion der Blockupy- und Occupy-Bewegung?
Die Protestbewegungen in den USA können auch heute Inspiration für Deutschland geben.

Wie hat sich die Rolle der (Boulevard-)Presse zu damals verändert, sehen Sie da Fortschritte?
Stichwort „Fake News“…

In die Automatisierung und Digitalisierung wurden damals große Hoffnungen gesetzt. Nun haben wir sie in weiten Teilen der Arbeitswelt, ohne dass eine echte Entlastung der Menschen stattfand. Sollten Ethiker und Philosophen einen größeren Einfluss auf konkrete politische Entscheidungen bekommen?
Die Menschen sollten gern und oft die gesellschaftskritischen Ethiker und Philosophen lesen und hören, um daraus Ideen zu entwickeln, und um darüber nachzudenken, was die Wege sein könnten, um die Gesellschaft zu verändern.

Sie sehen in Ihrem Buch die Vereinnahmung des Begriffs „Stolz“ in Bezug auf Deutschland von extrem linker und rechter Seite sehr kritisch. Warum ist das ein so wichtiger Begriff für Sie und wie kann man diesen Begriff in Bezug auf ein Herkunftsland noch verwenden?
Von extrem linker Seite sehe ich keine Vereinnahmung dieses Begriffs. Von den Rechten aus gesehen, bedeutet es, „stolz sein in Deutschland als Deutsche mit deutschen Wurzeln geboren zu sein“. Das ist absurd! Denn man hat keine Einfluss darauf, wo man geboren wurde. Darauf kann man unmöglich stolz sein. Im Gegenteil, „stolz“ kann man sein auf das, was man als Einzelner oder als Gesellschaft getan und erreicht hat. Wichtig für mich ist, den Rechten entgegenzusetzen, dass mit ihrem „Stolz auf die Geburt“ und ihren Hass gegen „die Anderen“, ein neuer Nationalismus heraufbeschworen wird, der nur zu Selbstzerstörung führt. Das müssen wir unbedingt verhindern.

Wogegen wünschten Sie sich heute eine Bewegung?
Gegen Umweltzerstörung, globalen Kapitalismus, gegen Rassismus, Ungleichheit und die Kontrolle der Milliardäre und ihre Lakaien, und gegen Krieg.

 

Evelyn Waldt (SUBWAY Magazin – oeding magazin GmbH) / Fotocredit: Amrei-Marie

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