„Ich zeige einen Teil in jedem von uns“

Die Braunschweigerin Künstlerin Marianne Hippler zeigt „Metamorphosen“ in der Rotunde der Öffentlichen

Unsere Welt befindet sich im stetigen Wandel – auch in der Finanzwirtschaft sind Unternehmen wie zum Beispiel Versicherungen, besonders in der aktuellen Situation, zu permanenter Entwicklung gezwungen. Solche Herausforderungen sieht die Braunschweiger Künstlerin Marianne Hippler immer als Chancen, gerade im Rückblick auf einen eigenen Schicksalsschlag: Jede Entwicklung bietet unendliche viele Möglichkeiten – von denen wir aber immer nur eine realisieren können. Vom scheinbaren Widerspruch des permanenten Wandels und den festen Formen, die daraus entstehen, zeugen die Plastiken und Bilder der gebürtigen Braunschweigerin: Kunstschaffen bedeutet, sich weiterzuentwickeln. Ihre aktuellen Werke zeigt sie unter dem Titel „Metamorphosen & Ent-Wicklung“ in der Rotunde der Öffentlichen Versicherung Braunschweig: Am 20. Oktober um 19 Uhr wird die Ausstellung mit einer thematischen Einführung durch Tassos Oz, Leiter der Braunschweiger Kunstschule Meridian e.V., und musikalischer Begleitung eröffnet. Im Anschluss sind die Werke von Marianne Hippler bis einschließlich 25. November werktags von 7.30 Uhr bis 18 Uhr zu sehen. Der Eintritt zur Eröffnung sowie für die Ausstellung ist frei. Wir haben vorab mit der Künstlerin gesprochen.

Frau Hippler, wie kommt man als gebürtige Braunschweigerin zur Kunst?

Eine wirklich interessante Frage (lacht). Auf meinem Weg zur Kunst habe ich einige Umwege in Kauf nehmen müssen. Ich bin hier zunächst zur Schule gegangen und habe ein Lehramtsstudium abgeschlossen. Ich  hätte damals gern stattdessen an der HBK studiert, was aber nicht den Vorstellungen meiner Eltern entsprach. Ein sicherer Lehrerberuf im Beamtenstatus stand eher auf der Wunschliste.  Immerhin konnte ich Kunst als Hauptfach studieren, was mich sehr nachhaltig begleitet hat. Als  Sonderpädagogin im Lernbehindertenbereich arbeitete ich viele Jahre  an Braunschweiger Sonderschulen. Anfang 40 gab es einen Einschnitt in meinem Leben – ich wurde sehr krank und musste den Schuldienst verlassen. Drei Jahre später fing ich an, mich intensiver mit meinen bis dahin brachliegenden Kunstideen zu beschäftigen, habe den Faden wieder aufgenommen. Die Kunstschule Meridian e.V. hier in Braunschweig war der ideale Ort, um künstlerisch wieder aktiv zu werden. Unter der Anleitung von Tassos Oz, dem Leiter dieser Schule, fand ich endlich meinen Platz, um das Kunstschaffen zum neuen Lebensmittelpunkt zu machen.
 

img_4608Für Ihre nächste große Ausstellung haben Sie sich für die Rotunde der Öffentlichen Versicherung Braunschweig entschieden. Welche Herausforderungen bietet ein solcher, ganz anders gestalteter Raum?

Die Rotunde scheint im ersten Augenblick nicht unbedingt der ideale Ausstellungsort zu sein. Ich bin mehrere Male hier gewesen und habe die Atmosphäre auf mich wirken lassen. Kunst muss sich den Räumlichkeiten anpassen, eine wirkungsvolle Präsentation in diesem hohen, weitläufigen Raum der Rotunde zu erzielen, ist an sich schon ein Kunstwerk. Eine sehr interessante Aufgabenstellung. Wie andere Künstler auch, habe ich mich vor längerer Zeit mit meinen Unterlagen hier im Haus beworben und erhielt irgendwann zu meiner großen Freude eine Zusage.

Sie zeigen aktuelle Werke mit dem Thema „Metamorphosen & Ent-Wicklung“ – Wie ist es zu diesem Ausstellungstitel gekommen?

Den Begriff ‚Metamorphose‘ benutzt man nicht nur in der Kunst für eine Umgestaltung oder Umwandlung. Im künstlerischen Kontext ist damit der Prozess gemeint, in dem ein Objekt immer wieder verwandelt und umgestaltet wird. Auf meine Plastiken bezogen bedeutet es für mich: Der Mensch an sich mit all seinen Facetten, im Inneren wie im Äußeren, steht im Mittelpunkt meines Interesses. Er unterliegt ständig einer Verwandlung und Entwicklung. Dies mit künstlerischen Mitteln auszudrücken, reizt mich sehr und spornt mich immer wieder an, nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten zu forschen.  Auch meine Bilder verwandele ich immer wieder. Manchmal hole ich sie nach einem Jahr aus dem Atelier und bearbeite sie erneut unter einer anderen Fragestellung. Kunstschaffen ist für mich in jeder Beziehung Entwicklung. Roger Willemsen hat gesagt, dass Kunst den Menschen die einzigartige Möglichkeit bietet, sich zu entgrenzen, was ich absolut unterstreiche. Man muss sich entgrenzen, um (sich) zu erkennen. Aber ent-wickeln verstehe ich auch im doppelten Sinne: Gerade bei meinen Plastiken „wickle“ ich viel, benutze ich Schnüre, Drähte, Bandagen und so weiter. Ich wickle etwas ab, ich umwickle etwas, ich halte etwas fest, ich lasse etwas los – das „Wickeln“ ist ein besonderer Aspekt in meiner Kunst.

Das klingt ein wenig nach einem philosophisch gemeinten: „Alles fließt“ – Sind unsere Psyche und unser Leben also permanent im Umbruch?

Unbedingt. Besonders, wenn es so einen bedeutenden Einschnitt gibt wie in meinem Leben. Bis dahin habe ich eine völlig normale“ Entwicklung“ erlebt, Schule, Beruf und Familiengründung. Aber so ein Cut ist eine unglaubliche Herausforderung, weil man in seiner Entwicklung anhalten muss. Man wendet sich nach innen, wird ruhig. Man zieht sich zurück, bevor man fortschreitet. Ich bezeichne meine Kunst immer wieder auch als „Kunst der Stille“.

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Inwiefern ist eine solche „Kunst der Stille“ und des Innehaltens ein Widerspruch in einem öffentlichen Raum wie der Rotunde einer Regionalversicherung, in der täglich hunderte Menschen vorbeilaufen?

Vordergründig scheint es ein Widerspruch zu sein – eine spannende  Herausforderung. Kunst der Stille inmitten der hektischen Betriebsamkeit einer solch großen Versicherung. Passt das? Ich finde – ja. Sie lädt ein zum Innehalten, Pause einlegen, zum kurzen Abschalten vom alltäglichen Gehetze. Ich erlebe es oft, dass Menschen über meine Werke ein wenig erschrocken sind. Sie fordern heraus. In meiner kleinen Atelierwerkstatt bemerke ich häufig die Betroffenheit meiner Schüler über meine Plastiken. Beim eigenen Plastizieren entwickeln sie jedoch zunehmend Verständnis und öffnen sich für eigene Gefühle. Sie haben es gerade selbst gesagt: Wir befinden uns permanent im Fluss. Manchmal sind wir wie festgebunden, haben Blockaden in uns, sind schlecht drauf und so weiter. Diese unterschiedlichen Befindlichkeiten kann ich mit meiner Art der Darstellung intensiv ausdrücken.

Ich sehe da einen Zusammenhang, ein Dreieck aus Herausforderung, Metamorphose, also Verwandlung, und Entwicklung. Würden Sie diesen Gedanken mitgehen?

Das finde ich sogar sehr gut. Und dass viele Menschen eine solche Kunst an einem solchen Ort nicht erwarten, finde ich gerade spannend und herausfordernd. Die Ausstellung ist eine Einladung, stehenzubleiben, genau hinzuschauen und festzustellen: Das könnte auch ein Teil von mir sein! Wenn dieser Dialog zwischen meinen Arbeiten und dem Betrachter – wenn auch nur für einen kurzen Moment entsteht – ist das wunderbar.
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Viele Künstlerinnen und Künstler verlassen Braunschweig. Weshalb haben Sie sich in Ihrer Umbruchphase dazu entschieden, hier zu bleiben?

Auch hier galt für mich: Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, um ein anderes, ruhigeres Leben zu führen. Ich hatte eine Familie, eine kleine Tochter, die mich brauchte. Freunde, Eltern, Geschwister –alles war in der Region verankert. Dennoch habe ich meine Fühler ausgestreckt – zumal ich als junge Lehrerin bereits zwei Jahre in Berlin gewesen bin. Bis heute habe ich noch Verbindungen dorthin. Für mich war es aber zu diesem Zeitpunkt wichtiger, zur Ruhe zu kommen und mein eigenes Atelier aufzubauen. Außerdem war die Verbindung zur Kunstschule Meridian intensiv, mein künstlerisches Wachsen und Reifen  war eng mit ihr verbunden. Meine erste größere Einzelausstellung hatte ich 2007 im Schimmel Auswahlzentrum und es war ein wunderbarer Erfolg. Es folgten verschiedene kleine Ausstellungen innerhalb Braunschweigs, aber auch große Jahresgruppenausstellungen der Meridianschule im Löwengang des Klinikums. 2012 erhielt ich die Gelegenheit, eine spannende Einzelausstellung in der Christuskirche der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde in Braunschweig auf die Beine zu stellen. Kirche und Kunst – eine hochinteressante Verbindung, die eine echte Herausforderung darstellte. Es liegt auf der Hand, als gebürtige Braunschweigerin ergeben sich durch gute Kontakte immer wieder neue Ausstellungsmöglichkeiten. Größere  Einzelausstellungen zu organisieren, bedeutet letztendlich viel Arbeit und nimmt Zeit in Anspruch. Diese „Öffentlichkeitsarbeit“ ist wichtig, sollte aber wohl dosiert werden. Ausstellungsräume  zum Beispiel in Hamburg oder Berlin zu finden, ist alles andere als einfach – Beziehungen und Verbindungen sind  im Kunstbetrieb absolut notwendig.

Frau Hippler, vielen Dank für das nette Gespräch und weiterhin viel Erfolg!

© Sebastian Heise

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