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Interview mit Filmregisseur Hugh Hudson

Der britische Filmregisseur Hugh Hudson hat schon viel in seinem Leben erreicht. Zu einem seiner größten Erfolge zählt der Film „Die Stunde des Siegers“, der von der Teilnahme zweier britischer Sprinter bei den Olympischen Spielen in Paris 1924 erzählt, und für den Hudson 1982 unter anderem einen Oscar in der Kategorie „Bester Film“ erhielt. Am Staatstheater Braunschweig inszeniert der Regisseur mit Robert Wards „Hexenjagd“ erstmals eine Oper. Zur Handlung: Im US-amerikanischen Ort Salem werden einige Mädchen bei einem okkulten Ritual ertappt. Sie täuschen Hexerei als Grund vor, um einer Strafe zu entgehen. Die Folge ist ein Netz aus Lügen, Vorwürfen und die Suche nach einem Sündenbock. Ursprünglich galt das Stück als antikommunistische Hetze – während der 1950er Jahre in den USA, 1962 gewann Ward für die Oper den Pulitzer-Preis.

Herr Hudson, dieses Jahr inszenieren Sie Robert Wards moderne Oper „Hexenjagd“ von 1961 im Staatstheater Braunschweig. Es ist eine Adaption von Arthur Millers gleichnamigem Stück von 1953, das wiederum von der Hexenverfolgung in Salem 1692 inspiriert wurde. Zu Millers Zeit war es eine Warnung vor Mc Carthyismus und seinen anti-kommunistischen Verfolgungen. Wie kann das Stück aus heutiger Sicht gedeutet werden?
Kollektive Hysterie zieht sich durch die Geschichte der Menschheit – im Mittelalter, in Salem des 17. Jahrhunderts, in den USA während der McCarthy-Ära in den 1950ern, in Deutschland in der Hitler-Ära. Heute gibt es die Form der Hysterie, die durch muslimisches Gedankengut und die Daesch- oder Isis-Interpretation des Koran durch Europa und die westliche Welt gespült wird.

Robert Wards „Hexenjagd“ gewann 1962 den Pulitzer Preis für Musik. Haben Sie Änderungen am Stück vorgenommen und wenn ja, welche?
Die einzige Änderung, die ich vorgenommen habe, ist eine stumme Sequenz in der Einleitung, um den Ursprung der Hysterie der Mädchen zu zeigen, und wie alles begann.

Wie sind Sie die Aufgabe, eine moderne Oper zu schaffen, angegangen?
Ich habe mich der modernen Oper genauso genähert, wie ich es auch bei Filmdrehs tue – Ich lege viel Wert auf das Design und die Kostüme der Schauspieler oder Sänger. Ich kann das Skript nicht ändern, da es von der Musik geleitet wird. Es gibt keine Close-up-Szenen wie im Film, diese Aufgabe wird von der Bühnenbeleuchtung übernommen.

(c) Volker Beinhorn

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Wie wurde „Hexenjagd“ vom Publikum angenommen?
In den ersten zwei Vorstellungen recht gut. Es gab viel Beifall, aber das Haus war nicht ganz voll. Die Kritiken waren auch gut, wenngleich nicht spektakulär. Eventuell wäre es eine Lösung, die Musik an die intensive Dramatik der Geschichte und der historischen Fakten anzugleichen.

„Hexenjagd“ ist nicht Ihr erstes Bühnenstück. 2012 adaptierten Sie Ihren eigenen Film „Die Stunde des Siegers“ für die Olympiade in London. Er zeigt die Sportlerkarriere und den sozialen Hintergrund zweier Sportler, die Goldmedaillen in Lauf-Disziplinen gewannen. Das Stück wurde im Hampstead Theatre gezeigt, Sie waren Co-Produzent. Was haben Sie vom Film gelernt, das Sie auf das Theaterstück anwenden konnten?
In „Chariots of Fire“ war es sehr wichtig, die emotionale Dramatik um die Menschen einzufangen und mehr herauszuarbeiten, als die eigentliche sportliche Leistung. Außerdem war Musik eine sehr wichtige Komponente des Erfolgs.

„Die Stunde des Siegers“ beruht auf wahren Begebenheiten. Abrahams und Lidell kämpfen bei den Olympischen Spielen 1924 in Paris für ihre Ideale und überwinden dabei viele Hindernisse. Denken Sie, dass diese Ideale – Tugenden wie Mut und harte Arbeit – heute noch bestehen?
Werte wie Kompromisslosigkeit, Besonnenheit, Loyalität und Aufopferung sind heute noch wichtiger als damals in den 1920ern. Wir leben im Zeitalter von Stars, von Glamour, politischer Berechnung und opportunistischem Eigennutzen. Der Gedanke, sein eigenes „Rennen“ hintenanzustellen, um jemand anderem zu helfen, ist heute nicht vorhanden.

Der Independent schrieb, dass „Die Stunde des Siegers“ „vom Genre sowie vom Stil entschlossen britisch“ sei. Dasselbe könnte man auch für „Greystoke“ sagen, in dem ein Aristokratensohn im Dschungel unter Gorillas aufwächst aber dann wieder in die Gesellschaft eingeführt werden soll. Er ist sozusagen ein domestizierter Wilder … Wie wichtig ist Ihnen die britische Identität, sowohl im Film als auch für Sie persönlich?
Ich habe schon Filme über die USA („Lost Angels“, „Revolution“), Kenya und italienische Emigranten („I Dreamed of Africa“) sowie eine schottische Familie („My Life so Far“) gedreht. Mein neuestes Projekt, ein spanisches Familiendrama namens „Finding Altamira“, behandelt die Entdeckung der ersten Höhlenmalerei. Das einzig Wichtige dabei ist die Story; wo sie stattfindet, ist irrelevant.

Dieses Jahr erschien der Film „Legend of Tarzan“. Der Hauptdarsteller kehrt in den Dschungel zurück, nachdem er ein zivilisiertes Leben führte. Wie schätzen Sie diese neue Interpretation von „Tarzan“ ein?
Ich habe den Film noch nicht angeschaut. Heute werden solche Filme im Studio gedreht – mit Special Effects, CGI und Green Screen. „Greystoke“ wurde aufwändig in West Afrika gedreht. Ich denke, es gibt keine bessere Art und Weise, einen Film zu drehen, als vor Ort. Das bestätigen auch die Kasseneinnahmen.

Sie sagten einmal, dass gegenwärtiges amerikanisches Kino steril sei. Meinen Sie damit auch die Vielzahl von Superhelden, die sich auf den Leinwänden tummeln?

(c) Volker Beinhorn

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Welche Entwicklungen würden Sie gerne im britischen Kino sehen und was macht für Sie einen guten Film aus?

Ein guter Film ist, wenn der Zuschauer von den Emotionen, dem Humor, dem Drama der Geschichte berührt wird. Es ist nichts falsch an Superhelden-Filmen, aber momentan scheint nichts anderes vom amerikanischen Kino zu kommen. Das macht es schwierig, ins Kino zu gehen und etwas zu sehen, das einen wirklich berührt. Der Eindruck, den man gewonnen hat, verschwindet bereits nach kurzer Zeit wieder. „Chariots of Fire“ wie auch „Greystoke“ werden noch heute geschaut. Sie veralten nicht. Der Director’s Cut von „Revolution“ wurde vom Filmkritiker Philip French als Meisterwerk bezeichnet, das seiner Zeit voraus ist.

Welche Projekte haben Sie sich für die Zukunft vorgenommen?
Ich habe Pläne für einen Film, der die Erlebnisse eines Schriftstellers im Spanischen Bürgerkrieg beschreibt. Eine wahre Geschichte des frühen Lebens von George Orwell.

Katharina Holzberger (SUBWAY Magazin – Oeding Druck) / Fotocredit: Hudsonfilm limited

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