(c) Volker Beinhorn

Interview: Theaterregisseur Nicolai Sykosch inszeniert Ferdinand von Schirachs „Terror“ am Staatstheater

„Er sagt, dass die Demokratie nur von den Demokraten selbst demontiert werden kann.“


Das Theaterstück „Terror“, aus der Feder Ferdinand von Schirachs, macht den Zuschauer zum Richter. Es gilt, im Anschluss an die Aufführung, via Urnengang darüber zu entscheiden, ob ein Bundeswehrmajor im Recht war, ein mit 164 Passagieren besetztes Flugzeug, das drohte, von Terroristen in ein mit 70.000 Menschen gefülltes Stadion gesteuert zu werden, abzuschießen. Verantwortlich für die Inszenierung am Staatstheater Braunschweig zeichnet sich der freie Regisseur Nicolai Sykosch – der sich nicht davor scheut, auch selbst ein Urteil über den Major zu fällen.

Herr Sykosch, der Schriftsteller und Strafverteidiger Ferdinand von Schirach entwickelte aus seinem Essay „Die Würde ist antastbar“ das Theaterstück „Terror“. Es ist sein erstes Werk für die Bühne. Grundthema: Die Anklage gegen einen Major der Bundeswehr, der ein von Terroristen entführtes Passagierflugzeug abgeschossen hat, bevor es in ein vollbesetztes Fußballstadion stürzt. Hieraus ergeben sich viele komplexe Fragestellungen …

Wird der Terrorismus über die Zukunft unserer Demokratie entscheiden?

Nicolai Sykosch (c) Staatstheater Braunschweig

Nicolai Sykosch (c) Staatstheater Braunschweig

Sykosch: Das ist jetzt die Herausforderung. Für unsere Demokratie. Die Menschen sehen sich vor dem Hintergrund der leider nicht abnehmenden Angriffe, die mittlerweile nahezu überall stattfinden können, dazu genötigt, Maßnahmen zu ergreifen. Maßnahmen, die den Gedanken, dass in Zeiten des Terrors andere Rechte gelten müssen, zugrunde liegen haben. Genau das ist etwas, was ich zutiefst bezweifle, weil wir dann die Vorstellungen derer, die den Krieg zu uns hereintragen wollen, annehmen. Deswegen hat auch von Schirach dieses Stück geschrieben. Er sagt, dass die Demokratie nur von den Demokraten selbst demontiert werden kann.

Das Wort „Krieg“ ist derzeit allgegenwärtig. Was denken Sie, befinden wir uns auch tatsächlich im Krieg?
Sykosch: Der Präsident in Frankreich sprach davon. Er sagte nach den Anschlägen auf das Pariser Bataclan, Frankreich befinde sich in einem Kriegszustand. Aber nein, das sind terroristische Angriffe, wir befinden uns in keinem Krieg. Wir sollten Terroristen nicht den Gefallen tun, von „Krieg“ zu sprechen – oder, noch schlimmer, Krieg zu führen. Das wäre ein schwachsinniger Fehler. Wir sehen ja auch an dem lang schwelenden Konflikt zwischen Israel und Palästina, dass die Idee des Du-schlägst-mich-ich-schlag-dich nicht funktioniert. Denn: Wenn das funktionieren würde, wäre der Konflikt schon längst erledigt.

Was ist der richtige Weg?
Sykosch: Den Terroristen keine Waffen mehr zu verkaufen, wäre ein erster wichtiger Schritt. Das wird zwar teilweise gemacht, aber ein Hintertürchen lässt man immer offen …

Werden wir als Gesellschaft gut genug darüber nachdenken, welche Freiheiten und Menschenrechte wir unserem Sicherheitsbedürfnis opfern?
Sykosch: Die Frage ist: Wann ist der Punkt erreicht, wo Sicherheitsmaßnahmen unsere Würde einschränken? Ganz schwer für die Allgemeinheit festzulegen. Ich selbst finde es ja schon würdelos, wenn ich am Flughafen meinen Gürtel und meine Schuhe ausziehen, dort in Socken rumlaufen muss. Ich fürchte aber, dass viele Menschen, aus der Haltung, man habe ja nichts zu verstecken, man sei ja kein Böser, dazu bereit sind, sehr viel ihrer Freiheit für die Sicherheit aufzugeben – dabei aber nicht begreifen, welch negative Auswirkungen diese Haltung haben kann … Ich muss da immer an den Film „Brazil“ denken – an jene dort beschrieben Welt, in der alles kontrolliert und bürokratisiert wird, in der ein kleiner Buchstabendreher dazu führt, dass anstelle eines Terroristen ein unschuldiger Familienvater zu Tode gefoltert wird. Ein Szenario, das jene Menschen, die Überwachung und Kontrolle einfach so hinnehmen, sogar fordern, sich immer vor Augen halten sollten. Außerdem: Wer sagt mir denn, dass ein Staat, dem ein derartiges Eingreifen in die persönliche Freiheit einmal zugestanden wird, auch immer ein „guter“ Staat bleibt?

Was denken Sie, was der Beweggrund von Schirachs war, ein Theaterstück zu schreiben?
Sykosch: Er hatte sicherlich andere Beweggründe als ein Thomas Mann, der ein Theaterstück verfasst hat, um damit Zutritt zur oberen Gesellschaftsschicht zu erhalten. Damals galt man als Autor nur etwas, wenn man auch für das Theater schrieb. (lacht) Das hat sich natürlich geändert – wer in der Spiegel-Bestsellerliste auftaucht, hat kein Problem mit fehlender Prominenz. Dennoch erreicht man durch den öffentlichen Vorgang einer Theaterinszenierung – im Speziellen mit einem Schauspiel wie „Terror“, das eine Entscheidung vom Besucher abverlangt – das Publikum anders, persönlicher, direkter. Das war für von Schirach sicherlich ausschlaggebend, dieses Abverlangen modellhaften Handelns beim Zuschauer, der dadurch neue Erkenntnisse gewinnt oder zumindest zum weiteren Nachdenken angeregt wird.

Modellhaftes Handeln heißt in diesem Fall, theoretisch zu entscheiden, ob der Major im Recht war, 164 Menschen zu opfern, um 70.000 zu retten. Was ist Ihr Urteil?
Sykosch: (überlegt) Letztendlich geht es nicht um die Frage, ob der Major im Recht war, 164 Menschen für 70.000 Menschen zu opfern, sondern um die Frage, ob wir unsere Grundrechte aufgeben wollen, um uns gegen Terroristen zu wehren. Wenn wir das wollen, diese Frage mit Ja beantworten, dann haben die Terroristen gewonnen. Auch hätte sich die Situation im Flugzeug sekündlich ändern, das Stadion doch noch evakuiert werden können … Der Major muss sich die Frage gefallen lassen, warum er den Abschuss als einzige Möglichkeit in Erwägung gezogen und die Grundrechte ignoriert hat. Ich würde den Major daher verurteilen.


 

Schuldig oder nicht?
Hier geht es zu den Urteilen der Zuschauer – aus Braunschweig und anderen deutschen Städten.

Nils-Andreas Andermark (SUBWAY Medien) / Fotocredit: Volker Beinhorn

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