Jens Isensee_Meta

»Die Zeiten, in denen sich Kunst ästhetisch konsumieren ließ, halte ich für beendet.«

Das Kunsthaus BBK öffnet am 7. Dezember seine Pforten mit einer außergewöhnlichen Multi-Media-Ausstellung: Jens Isensee präsentiert im Rahmen von „Meta“ ein Potpourri aus analogen Skulpturen, digitalen Drucken und experimentalen Kurzfilmen. Der gebürtige Braunschweiger bringt die typische Laien-Frage „Ist das Kunst oder kann das weg?“ auf eine neue Ebene – er verwendet insbesondere Fundstücke, aber auch temporäre Materialien wie Kartons und Plastik, kombiniert sie mit verschiedenen technischen Elementen und erschafft dadurch partizipative Kunst und interaktive Videoinstallationen mit tiefgreifender Gesellschaftskritik. Im Gespräch mit Isensee erfuhren wir, weshalb er den Ausstellungstitel wählte, was für Botschaften sich hinter seiner Kunst verstecken und welche Pläne er im kommenden Jahr zu verwirklichen wünscht.

Guten Tag Herr Isensee. Warum haben Sie den Titel „Meta“ für Ihre aktuelle Ausstellung gewählt?
Der Ausstellungstitel könnte für Metamorphose stehen, da man in der Ausstellung einen Stoffwechsel beobachten kann – von meinen frühen analogen Skulpturen hin zu gänzlich digitalen, interaktiven Videoinstallationen. Außerdem versuche ich eine künstlerische Meta-Ebene, eine übergeordnete Sichtweise auf unsere Gesellschaft, zu finden. Meine Konstruktionen sind wie Versuchsaufbauten für verschiedene Ideen, denen ich dafür nachgehen und eine Form geben möchte.

Bitte geben Sie uns einen kurzen Einblick in die ausgestellten Arbeiten.
Ich möchte an dieser Stelle zwei vorstellen: Die Installation „Gewächs“ und „Readyselfmade“. In der ersteren wird der Betrachter zum aktiven Gestalter einer generativen, organischen Skulptur, die ihm bald sprichwörtlich über den Kopf wächst. Dagegen wird der Rezipient in der zweiteren selbst zu einer wandelnden Skulptur, die sich unverhofft aus herumliegenden Gegenständen und Kleinteilen zusammensetzt, wie ein spontanes, agiles Readymade.

Jens Isensee

(c) Jens Isensee – Deformation

Welches Kunstwerk der Ausstellung liegt Ihnen besonders am Herzen und warum?
Möglicherweise „Die Brille“, da habe ich eine eigene Virtual-Reality-Brille gebaut. Wenn man diese aufsetzt, kann man einen Kurzfilm sehen, der von industriell betriebener Realitätsausblendung und elektronischer Erzeugung gefälliger Parallelwelten handelt. In gewisser Weise stellt sie eine Kritik am Medienkonsum dar.

In welcher Beziehung stehen Ihre Werke zueinander?
Bei meinen Arbeiten war schon immer der Gedanke formgebend. Da kommt es zwangsläufig zu kritischen Betrachtungen des Zeitgeschehens und gesellschaftlicher Umwälzungen. Alle Arbeiten sind in ihrer Art höchst unterschiedliche Detailbetrachtungen, die sich in ihrer Gesamtheit zu einer systematischen Betrachtung fügen.

Was für Botschaften verstecken sich hinter Ihrer Kunst?
Ich nutze aktuelle Computerspiel-Technologie und Hardware, um meine virtuellen Räume zu erzeugen. Aber die medialen Parallelwelten, die ich damit generiere, dienen mir vornehmlich als Analogie, um aktuelle Gesellschaftsphänomene zu reflektieren, die sich im Schweinsgalopp in subjektive Individualwelten flüchten: Fake News und alternative Fakten sind Begriffe für wachsende Intoleranz gegenüber der Wirklichkeit – viele glauben ungestört ihr eigenes Süppchen Realität köcheln zu können. Dabei bestimmt realwirtschaftlicher Egoismus die Verhältnisse im gesellschaftlichen Alltag und betreibt ideologische oder religiöse Ausbeutung der Subjektivität der Menschen. Die gravierenden Probleme unserer Zeit sind fast ausschließlich global, lassen sich auch nur gemeinsam und nicht im Alleingang lösen. Vermutlich baue ich deshalb meine eigenen Subjektiv-Welten, um sie exemplarisch dem Betrachter zur Dekonstruktion zu übergeben.

Jens Isensee Meta

(c) Jens Isensee – Gewächs

Denken Sie einen Augenblick an Ihre Anfangszeit zurück. Welche Entwicklung nehmen Sie wahr, wenn Sie Ihre ersten und aktuellen Kunstwerke vergleichen?
Ich habe irgendwann recht schöne und humorvolle Ausdrucksformen in der plastischen Arbeit gefunden, weshalb ich jetzt umso mehr einen Wandel brauche. Inzwischen sehne ich mich nach aktivistischen und kommunikativen Ansätzen und dafür eignen sich zeitbasierte Medien und interaktive Installationen. Bald scheinen mir die Dokumentationen über meine Arbeiten, die ich auf meiner Seite online stelle, am wesentlichsten.

Bitte beschreiben Sie kurz den Entwicklungsprozess, den eine Ihrer Installationen durchläuft.
Das lässt sich kaum verallgemeinern. Am Anfang stehen Vorstellungen, die ich verwirklichen will. Der Umsetzungsprozess ist wegen der nötigen Programmierung ein hartes Ringen, das alles verändert und auch die Idee reifen lassen lässt.

Wieso legen Sie einen Fokus auf den interaktiven Aspekt?
Die Zeiten, in denen sich Kunst ästhetisch konsumieren ließ, halte ich für beendet. Die Interaktivität steht für Teilhabe am Geschehen, das Angebot zur Mitgestaltung scheint mir eine relevante Erfahrung von Selbstwirksamkeit.

Jens Isensee Meta

(c) Jens Isensee – Egotunnel

 

In Ihrem Portfolio finden sich neben verschiedenen Installationen Objekte, Drucke und Kurzfilme. Woran machen Sie fest, welche Idee Sie in welcher Form umsetzen möchten?
Die Mannigfaltigkeit möglicher Ideen lässt auch meine Arbeiten so unterschiedlich ausfallen und macht mir ein Schema F oder die Beschränkung auf ein einzelnes Medium unmöglich.

Inwiefern hat das Studium an der HBK Braunschweig Ihren persönlichen wie beruflichen Lebensweg geprägt?
Wenn man den tollkühnen Plan verfolgt, Künstler zu werden, geht es vor allem darum, sich die Freiheit zu bewahren, eigene Projekte zu verwirklichen. Das Studium an der HBK hat mir die nötige Eigenwilligkeit eingehandelt, diesem Wunsch die Treue zu halten.

Was würden Sie einem angehenden Absolventen der Bildenden Künste raten?
Erst mal mag ich da niemandem reinreden – ein Leben als Künstler ist eins der individuellsten Projekte, das man sich vornehmen kann. Die Kunstwelt ist ein Archipel und findet auf unterschiedlichen Inseln ihr Heil. Aber im Zentrum liegt der Kunstmarkt und das ist einer der elitärsten Klüngel in unserer Gesellschaft. Man muss sich darüber im Klaren sein, wie sehr es darauf ankommt, sich zu verkaufen, zu netzwerken und eine eigene Marke aufzubauen. Das kommt im Studium an Kunsthochschulen leider viel zu kurz.

Jens Isensee

(c) Jens Isensee – Gewächs

Wie nehmen Sie die Braunschweiger Kunstszene wahr?
Ich glaube, die kann oder muss man offen als eine dieser Inseln bezeichnen. Da kann man sich wohlfühlen, keine Frage. Ich könnte jetzt auch den Mangel an Förderung und Initiativen beklagen, aber das ist mit all den Individualisten leichter gesagt als getan. Der BBK macht wertvolle Arbeit bei der Interessenvertretung von Künstlern und ich wünsche ihm gutes Gelingen auf dem Wege der Erneuerung, den man dort derzeit beschreitet.

Welche Pläne haben Sie für kommendes Jahr geschmiedet?
Ich habe das dringende Bedürfnis, mich dem Medium Film zuzuwenden und essayistische Kurzfilme zu machen, in denen ich Gedanken klarer stricken und formulieren kann. Es wird also noch immaterieller und unverkaufbarer, aber dafür philosophischer und kontrastreicher.

Die Vernissage von „Meta“ findet am Freitag, 7. Dezember um 20 Uhr im Kunsthaus BBK, Humboldtstraße 34, Braunschweig statt. Interessierte können die Ausstellung bis zum 20. Januar 2019 Mittwoch bis Freitag von 15 bis 18 Uhr und am Wochenende von 11 bis 17 Uhr besuchen – der Eintritt ist kostenfrei. Weitere Informationen finden sich unter Telefon (05 31) 34 61 66 sowie online unter www.kunsthausbbk.de.

Viktoria Knapek (SUBWAY Magazin – oeding magazin GmbH) / Fotocredit: Jens Isensee

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