(c) Ingo Lehnhof

Künstler Ingo Lehnhof zur Ausstellung »Nackt«

In der Torhaus-Galerie Braunschweig ist derzeit eine provokant-spannende Ausstellung des Kunsthaus BBK zu betrachten. Die fünf Künstler Ingo Lehnhof, Ana Laibach, Fritz Stier, Janna Riabowa und Tina Stolt haben sich eigenständig und gemeinsam dem heiklen Tabuthema „Nackt“ gewidmet und ganz vielfältige Interpretationen von drastisch bis erotisch zusammengestellt. Die fünf unterschiedlichen Herangehensweisen, Positionen und künstlerischen Techniken ergeben beachtenswerte Schnittmengen und regen zu hitzigen Diskussionen an. Braunschweiger Künstler Ingo Lehnhof spricht im Interview über seine Werke, die Grenzen der Darstellung von Nacktheit und die Rolle der Kunst.

Die Ausstellung „Nackt“ kann noch bis zum 22. Juli 2018 im Kunsthaus BBK Braunschweig, Humboldtstr. 34, mittwochs bis freitags von 15 bis 18 Uhr sowie samstags und sonntags von 11 bis 17 Uhr besucht werden. Weitere Informationen finden sich unter Telefon (05 31) 34 61 66 sowie online unter www.bbk-bs.de.

(c) Ingo Lehnhof

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Wie wurde das Thema „Nackt“ umgesetzt?
Um für alle Beteiligten zu sprechen: malerisch, zeichnerisch, fotografisch, plastisch und als Video.

Was bekommen Besucher der Ausstellung zu sehen?
Auf jeden Fall nicht nur nackte Haut. Fünf Künstlerinnen und Künstler haben sich zusammengetan, um jeweils eine Facette von Nacktheit zu zeigen. Dabei geht es auch um nackte Gewalt, um Verletzlichkeit, Zartheit, Schutzlosigkeit, aber auch um Fülle und Pracht.

Was war Ihnen bei Ihren Werken wichtig, Betrachtern mitzuteilen?
Mir ist es wichtig, den männlichen Akt aus der verschämten Versenkung zu holen und ihn selbstverständlich neben die weiblichen Beispiele zu stellen, die wir aus der Kunstgeschichte kennen. Da ist es längst Zeit für eine Gleichbehandlung – Mensch ist Mensch, Körper ist Körper. Neben der augenscheinlichen Nacktheit geht es mir aber auch um andere Inhalte, der akademische Akt ist mir zu langweilig.

Haben Sie selbst in der Vorbereitung über das Thema etwas Neues gelernt und konnten Sie es in Ihre Arbeit integrieren?
Mein Interesse gilt hauptsächlich der menschlichen Figur. Der nackte Mann ist, neben Portraits, mein Grundthema, das sich seit Jahren durch meine Arbeit zieht. Da musste ich mich in der Vorbereitung der Ausstellung nicht verbiegen. Überhaupt haben wir Fünf das Thema gewählt, weil wir alle irgendwie mit der Nacktheit arbeiten. Dabei ergänzen sich die verschiedenen Arbeiten, ohne einen Anspruch auf vollständige „Aufarbeitung“ des Themas.

Welche Aspekte von Nacktheit fehlen in der Ausstellung aus Ihrer Sicht oder wurden nur wenig berücksichtigt?
Die naheliegenden Aspekte fehlen: Pornografie zum Beispiel. Dagegen sind Sex und Erotik durchaus vertreten.

Wo sehen Sie Grenzen für die künstlerische Darstellung von Nacktheit?
Es gibt gesetzliche Grenzen, die ich respektiere. Aber sonst kann es keine Grenzen in der künstlerischen Auseinandersetzung mit irgendeinem Thema geben. Kunst muss provozieren dürfen, sie soll zu Auseinandersetzungen anregen, zu neuen Gedanken, neuen Erkenntnissen. Die gesellschaftliche oder persönliche Diskussion ist eine gewollte Folge von Kunst, da kann man nichts ausgrenzen.

Sie zeigen nicht nur schöne, junge, gesunde Körper. Welche Rolle spielt für Ihre Arbeit Voyeurismus oder ästhetische Anziehung von nackter Haut?
Da ist die Frage: Was ist unästhetisch? Alte, dicke, krumme Körper sind genauso menschlich wie die magersüchtigen Maße eines Fotomodells. Schönheit liegt immer im Auge des Betrachters. Und hinsehen ist immer eine Form des Voyeurismus. Allerdings ist für mich das Malen von nackter Haut auch ein Vergnügen, weil auf kleinstem Raum alle Farben vorkommen. Stichwort Inkarnat.

Nacktheit hat in anderen Kulturen nicht dieselbe Tabuisierung respektive Schambehaftung. Kann man trotz all der Nacktheit in den (Werbe-)Medien unsere Gesellschaft als eher prüde bezeichnen? Wäre ein offenerer Umgang mit Nacktheit aus Ihrer Sicht gesellschaftlich förderlich oder abträglich und welchen Stellenwert nimmt die bildende Kunst dabei ein?
Allgemein ist die Kunst manchmal ein Vorreiter gesellschaftlicher Entwicklungen. Aber sie kann immer nur ein Katalysator für Auseinandersetzungen sein. Die bildende Kunst hat keinen Erziehungsauftrag. Die Betrachtung von Kunstwerken ist ein freiwilliger privater Akt, die Auseinandersetzung mit den Werken ebenso. Wer sich also ständig über nackte Hintern in der Kunst aufregt, sollte lieber seine eigene Haltung zur Nacktheit überdenken, statt nach dem Gesetzgeber zu rufen. „Am Anfang war (ich) nackt“ ist der Titel von Ana Laibachs Wandarbeit, ein Hinweis darauf, was denn unser aller Naturzustand ist.

Wie stehen Sie zu Diskussionen wie „Nipplegate“, die „Free The Nipple“-Kampagne oder dass Facebook nur Fotos von weiblichen Brustwarzen zulässt, wenn sie stillen, aber keinen Filter etwa für Hakenkreuze einrichtet?
Schizophren. Aber auch bei uns gibt es im Moment einen Trend zur Rückkehr des sogenannten gesunden Volksempfindens, der die Kunstfreiheit beschneiden will. Und das betrifft nicht nur das Zeigen von nackter Haut. Kunst soll hier instrumentalisiert werden, um auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen wieder in private, religiöse oder politische Inhalte einzugreifen.

Wer sollte sich die Ausstellung anschauen?
Alle. Umgang mit Kunst kann nicht schaden.

 

(c) Ingo Lehnhof

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Evelyn Waldt (SUBWAY Magazin – oeding magazin GmbH) / Fotocredit: Ingo Lehnhof

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