(c) Johanna Jäger

Künstlerinterview zur Ausstellung »andere Situation«

Wie kann aktuelle Kunst mit Fotografie arbeiten? Fotografie, Video, Projektion und Objektinstallationen bilden in der Ausstellung „andere Situation“ wechselseitige Beziehungen und ortsspezifische Interventionen. Wir trafen neben Barbara Hofmann-Johnson, der Leiterin des Museums für Photographie, die Künstlerinnen und Künstler Romina Abate, Frank Dölling, Johanna Jaeger, Mickaël Marchand und Florian Slotawa. Beim letztgenannten studierten die vier an der Universität der Künste Berlin beziehungsweise an der Kunsthochschule in Kassel. Ein virtueller Rundgang mit Interview.

Was erwartet die Besucher der Ausstellung?
Slotawa: Es geht um Fotografie, die sozusagen aus einer anderen Abteilung kommt. Entweder aus der Bildhauerei oder der Skulptur oder wie bei Frank aus der Malerei. Die Ausstellung ist ein Zugriff aus Fotografie aber nicht von reinen Fotografen.
Hofmann-Johnson: Von der Konzeption her gibt es den erweiterten Gedanken: Wie wird Fotografie heute in künstlerischen Zusammenhängen eingesetzt? Dazu gab es letztes Jahr auch schon eine Ausstellung. Angedacht war das von meiner Vorgängerin – ich selbst bin seit November im Haus. In der Durchplanung war für mich wichtig, dass man den Zusammenhang noch mal herstellt.

(c) Florian Slotawa

Florian Slotawa, Atelier (Raum II, 2), 2009 © Florian Slotawa / VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Haben alle Künstler zuvor bereits mit Fotografie gearbeitet?
Abate: Keiner von uns ist im klassischen Sinn Fotograf. Niemand läuft mit der Kamera durch die Gegend und macht Bilder, sondern es ist uns allen extrem wichtig, in welcher Form die Arbeiten hinterher gezeigt werden. Es sind inszenierte oder gefundene Bilder. Es sind zwar fotografische Materialien aber sie werden nicht klassisch präsentiert.

Die Ausstellung ist raumbezogen. Warum heißt sie „andere Situation“?
Hofmann-Johnson: Wir haben über verschiedene Dinge nachgedacht und der Titel hat sich bei einem Treffen im Februar entwickelt. Es fielen im Gespräch Begriffe wie „Situation“ wegen der Ortsbezogenheit. Dann kam es zu „anderer Situation“, weil jeder mit der Vorgabe der Situation aber auch mit den eigenen Arbeiten installativ und anders umgeht. Es ist ein Begriff, der zum Programm geworden ist. Und auch da kann man sagen, auch wenn man es historisch für die Projektentwicklung sieht, dass es plötzlich eine andere Situation gewesen ist. Es gibt eine metaphorische Ebene, es gibt aber auch diese räumliche Vorgabe, die sich verändert.

Wie sind Sie mit den Räumlichkeiten des Photomuseums umgegangen?
Slotawa: Wir versuchen so mit den Arbeiten auf die Räume zu reagieren, dass es insgesamt spannend wird. Es sind keine klassischen White-Cube-Räume, sondern es gibt bestimmte architektonische Details. Man muss schauen, dass sich alles gegenseitig stärkt und nicht stört. Beziehungsweise: Man muss die Kunst so installieren, dass alles was sonst noch da ist, auf eine Weise mit einbezogen wird.

Die Kunstwerke nehmen also auch untereinander Bezug?
Slotawa: Ja.

Wir gehen in die gegenüberliegenden Räumlichkeiten auf der anderen Straßenseite. Dort befindet sich das zweite historische Ausstellungshaus.

Abate: Wir schieben die Arbeiten und schauen, wie sich Verbindungen herstellen, auch untereinander. Das heißt, dass nicht jeder nur in einem Raum ist, sondern dass verschiedene Positionen zusammenkommen und die Raumwirkung interessant für den Betrachter ist.

(c) Romina Abate

Romina Abate, o.T., 2017 © Romina Abate

Wie lange dauert es, bis alles fertig ist?
Abate: Das dauert mehrere Tage und kann sich im Verlauf des Aufbaus noch ändern.
Hofmann-Johnson: Es gibt verschiedene Argumente für das Annähern des Betrachters. Und für das Raumgefühl, das man hat, wenn man in diese Häuser eintritt. Die Blickachsen definieren das Zusammenspiel der Kunstwerke. Es kann Rhythmen bilden und die Eigenheiten einer Arbeit hervorheben. Johanna Jäger hat eine richtige Intervention gemacht.

Jäger: Ich habe eine schräge Wand eingebracht. Der Besucher fragt sich, ob es eine seltsame architektonische Eigenheit des Raumes ist, die es hier schon vorher gab. Sie wird aber zusammen gezeigt mit einer vierteiligen Fotoserie, „Photography of Gravity“. Sie heißt so, weil sie mit der Horizontlinie spielt. Zu sehen ist ein Glas, in dem sich ein Tropfen Tinte verteilt. Während das passiert, kippt das Glas immer ein Stück mehr. Es kippt aber nicht tatsächlich, sondern nur scheinbar. Meine Idee war, das Kippen, was kein wirkliches Kippen ist, in den Raum in größerer Dimension zu übertragen und die Wand ebenfalls kippen zu lassen – in einem etwas steileren Winkel als beim letzten Bild. Es gibt eine Querverbindung zwischen dem, was in dem Bild zu sehen ist und dem, was körperlich im Raum erfahrbar ist.

(c) Johanna Jäger

Johanna Jaeger, horizontal questions, circular replies, 2016 © Johanna Jaeger

Das wirkt auf den ersten Blick minimalistisch. Wie zeitaufwändig ist so etwas tatsächlich?
Jäger: Ich würde sagen, bei fast allen Kunstwerken lässt sich die Zeit kaum bemessen. Die Frage ist ja auch, wie man die Idee findet. Es ist ein Prozess, der auch parallel zu vielen anderen Einflüssen geschieht, auf die man reagiert. Bei mir ist es so, dass ich konkret nach Ideen suche. Ich spiele gerne mit Wahrnehmung und Perspektive. So etwas kann man sich gedanklich erarbeiten, aber die Zeit dafür zu bemessen ist schwer bis unmöglich, weil es parallel zu vielen anderen Arbeiten passiert. Bei der Trockenbauwand kann man die Zeit dagegen schon bemessen, das dauert ungefähr drei bis vier Tage.

Welche Art von Fotografie bevorzugen Sie, digital oder analog?
Jäger: Ich arbeite nur analog. Das hat zwei Gründe. Einerseits weil ich die Auseinandersetzung mit einem tatsächlichen Raum wichtig finde. Das ist dadurch, dass ich inszenierte Dinge fotografiere, so, dass ich sie physisch im Raum hin und her bewege. Mir macht es Spaß, mit der Haptik der Gegenstände umzugehen. Im Digitalen kann man Dinge erfinden – das ist einfach ein ganz anderer Prozess. Der zweite Grund ist, dass ich mag, mit Ideen auf den Punkt zu kommen. Bei analogen Fotos hat man nicht so viele Bilder, weil Film teuer ist. Man muss sich also vorher gut überlegen, was man fotografieren will.

(c) Frank Dölling

Frank Dölling, o.T., 2016 © Frank Dölling

In einer Nische sind Frank Döllings Arbeiten ausgestellt. Der Künstler erklärt die Wechselwirkung seines Werks.

Dölling: Man sieht zum Teil Archivmaterial, auch wiederum Archivmaterial, das fotografiert wurde. Die große Arbeit ist eine Installation, eine Ansicht aus einer vorausgegangenen Ausstellung. Da wurde herausgestellt, was speziell an dem Raum war. Es bildet einen Luftschacht ab, in einem White Cube, den ich dort gefunden habe, und in dem ein Video läuft. Das habe ich wiederum fotografiert und das Fragment des Videos kommt in meiner eigenen Videoarbeit beziehungsweise im bewegten Bild wieder. Es gibt keine Handlung oder Dramaturgie, sondern es sind Fundstücke. Ich bespiele auch die Monitore, durch die Sichtachse bekommt der Betrachter eine Erfahrung des Wiedererinnerns.
Hofmann-Johnson: Mickaël Marchand arbeitet mit Projektion und wird das Billboard außen bespielen, denn wir haben diese zwei Häuser und dementsprechend große Flächen außen. Diese werden immer unterschiedlich eingebunden, mal für künstlerische Arbeiten oder für Informationen. Das passt wiederum zu seinem Collage-Prinzip, das er jeweils in Skulptur als auch im Bild von Skulptur einsetzt.

(c) Mickaël Marchand

Mickaël Marchand, Böhmische Straße 39, aus der Serie Berlin, 2015 © Mickaël Marchand

Die Ausstellung ist bis zum 28. Mai im Museum für Photographie Braunschweig e. V., Helmstedter Straße 1, zu sehen Weitere Informationen gibt es unter www.photomuseum.de.

Katharina Holzberger (SUBWAY Magazin – oeding magazin GmbH) / Fotocredit: Johanna Jäger

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