Louisa Dellert (c) Privat

»Mein ungeschöntes Leben« – Exklusivinterview mit Anti-Diät-Fitness-Bloggerin Louisa Dellert

„Ein paar erwachsene Männer gibt es zwar – aber es sind echt nicht viele“

Sport ohne Selbstausbeutung, Motivation ohne Druck, Selbstliebe ohne Egoismus – die ehemalige Braunschweigerin Louisa Dellert ist, wie sie sich selbst nennt, eine „Anti-Diät-Fitness-Bloggerin“. Auf Instagram, Facebook, YouTube und der Webseite fit-trio.com gibt sie Sport- und Ernährungstipps – Lebensberatung inklusive. Ihre Botschaften kommen an: Fast 300.00 Menschen folgen ihrem Account @fit_trio. Sie kann gut davon leben. Mittlerweile ist die 27-Jährige gemeinsam mit ihrem Freund und Geschäftspartner Jan Körber nach Hamburg gezogen. Und von der Hansestadt aus soll schon bald – auch abseits von Fitness-Bootcamps, die sie bereits veranstaltet – die Offline-Welt erschlossen werden. Ein Gespräch über Lebensphilosophien, Fitnesstrends, Plus-Size-Models und das gerne mal schwache „starke Geschlecht“. Ein Exklusivinterview.

Louisa, Weihnachten steht vor der Tür. Der Tag vieler Menschen beginnt derzeit mit einem kleinen Schokoladentäfelchen aus dem Adventskalender. Auch bei dir?
Ja, auf jeden Fall – ich habe auch einen Schoko-Kalender. (lacht)

Passend dazu vielleicht ein Satz aus deinem Blog: „Ich bin dankbar für jeden Tag, den ich genießen darf“ … Ist dieser Satz ikonisch für deinen Blog, für dein Leben?
Genuss spielt für mich eine große Rolle. Das war früher anders. Ich habe aber inzwischen gemerkt, dass es mir einfach besser geht, wenn ich mich selbst nicht mehr so sehr unter Druck setze, mir nicht so viel verbiete. Ich versuche, jeden Tag zu genießen. Und dazu gehört ganz einfach auch gutes Essen. Genuss steht auf meiner Top-Fünf-Liste …

Was steht da noch drauf?
… seinen Körper so zu akzeptieren wie er ist, sich selbst lieben – sonst wird man in seinem Leben nicht glücklich –, jeden Tag mit einem Lächeln aufstehen und Sport aus Spaß machen, nicht weil man sich herunterhungern will.

Scheinbar hast du nicht immer so gedacht. Wie bist du zu dieser Einstellung gekommen?
Genau, zu Beginn habe ich mich auf Instagram angemeldet, weil ich abnehmen wollte. Und all die Bilder von diesen Fitnessmodels sollten mir dabei helfen. So wollte ich mich motivieren. Letztendlich habe ich mich dadurch aber nur hässlich gefühlt. Mit Hungern wollte ich mithalten – ich wog irgendwann nur noch 46 Kilo. Inzwischen sind es zum Glück wieder zehn Kilo mehr. Früher ging es mir gar nicht gut. Es war nicht selten, dass ich beim Sport umgekippt bin. Vielleicht hätte ich noch einige Zeit so weiter gemacht, allerdings wurde irgendwann bei mir ein Loch in der Herzklappe diagnostiziert … Das lag zwar nicht am Trainieren, führte aber dazu, dass ich, im Krankenbett liegend, sehr intensiv über mich und mein Leben nachgedacht habe … Was bringt einem ein Sixpack, wenn man tot ist!?

Operationsnarben gehören zu Louisa Dellerts Leben – ein offener Umgang mit diesen genauso (c) Verena Meier Fotografie

Operationsnarben gehören zu Louisa Dellerts Leben – ein offener Umgang mit diesen genauso (c) Verena Meier Fotografie

Wie haben deine Instagram-Follower deinen Wandel von einer traditionellen-Fitnessbloggerin zur Anti-Diät-Fitness-Bloggerin mitgemacht?
Meine Fotos setzen niemanden mehr unter Druck. Und das kommt sehr gut an. Viele waren richtig erleichtert.

Sehr direkt formulierst du auf deinem Fitnessblog des Weiteren, dass man lernen sollte, sich ganz nach oben auf die Prioritätenliste zu setzen – warum ist das Selbstliebe im positiven Sinn und nicht Egoismus?
Weil ich denke, dass man sich sonst auf Dauer kaputt macht. Es ist nicht gesund, wenn auf Platz eins immer die Familie steht, der Chef, die Firma … Immer „Ja“ sagen, auch wenn man eigentlich laut „Nein“ rufen möchte … Das macht auf Dauer total unglücklich. Und das Leben ist so kurz …

Und diese Erfahrung teilst du mit deinen Followern und Bootcamp-Teilnehmern … Macht auch das deinen Erfolg aus: diese Mischung aus Fitness und Lebensberatung?
Letztendlich hatte ich wohl einfach Glück, mit der richtigen Message zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Eigentlich will doch jeder, der Sport machen möchte, in seinem ganz persönlichen Tempo trainieren – ohne diesen Druck, ohne Selbstausbeutung.

„Warum fühlen sich so viele Frauen unwohl in ihrem Körper?“, „Weshalb macht uns unser Aussehen manchmal psychisch kaputt?“, „Wieso ist so oft das Essen der Feind?“. Diese drei Fragen hast du deinem Blog-Beitrag „Sag „Ja“ zum Leben“ vorangestellt. Was sind hierauf die Antworten?
(überlegt) In unserer heutigen Gesellschaft ist es doch so – ohne, dass ich jetzt den Medien die Schuld dafür geben möchte –, dass in so vielen Zeitschriften, auf Werbetafeln, im Fernsehen, im Internet … eine „perfekte“ Welt gezeigt wird. Da hat niemand Cellulite. Das gibt es in diesen künstlichen Welten nicht. Und genau das macht alle so unzufrieden. Gerade junge Mädels sind dafür anfällig. Der Glaube, nur mit einem perfekten Aussehen beruflich und privat Erfolg zu haben, ist leider immer noch sehr verbreitet … Bei mir hingegen sieht man alles ungeschönt. Mein ungeschöntes Leben – und dazu gehört eben auch Cellulite. Im Gegensatz zu vielen anderen Fitness-Bloggern sehe ich privat genauso aus wie auf meiner Instagram-Seite.

Ab-Crack, DIN-A-4-Waist, Bikini-Bridge … Wieso haben derartige, offensichtlich schädliche Trends – wenn auch nur temporär – Erfolg?
Es gibt einfach zu wenig Persönlichkeiten, die sich in der Öffentlichkeit gegen solche Trends stellen. Im Gegenteil: Es gibt nicht wenige Stars, die diese Trends sogar fördern! Blogger wie ich sind da noch in der absoluten Minderheit.

Auch sind viele dieser „Idealbilder“ nur durch Photoshop und dergleichen entstanden …
Ja, ganz genau. Inzwischen braucht man ja nicht mal so was wie Photoshop – das übernimmt automatisch das Smartphone! Ob man will oder nicht.


Hintergrund: Mel Wells vs. Samsung
Sehr zum Ärger der britischen Fitnesstrainerin Mel Wells, die sich ähnlich wie Louisa Dellert für eine sportlich-gesunde Lebensweise ohne Diäten ausspricht, verwenden aktuelle Samsung-Smartphones einen automatischen Selfie-Filter. Pickel, Falten, Hautunebenheiten, sogar Bartstoppeln oder – wie in Mel Wells’ Fall – Sommersprossen werden ungefragt wegretuschiert. Unter anderem berichtete der Stern.



Verfolgst du derartige Trends, um sie gleich danach zu entzaubern?
Im Prinzip ja. Auch kann ich auf eine sehr aktive Community zurückgreifen, die mich immer wieder auf derartige Entwicklungen aufmerksam macht: „Guck mal, hier ist wieder so was Doofes. Kannst du darüber schreiben?“ So bin ich immer up to date.

Ein starkes Team: Louisa Dellert gemeinsam mit Freund und Geschäftspartner Jan Körber (c) Privat

Ein starkes Team: Louisa Dellert gemeinsam mit Freund und Geschäftspartner Jan Körber (c) Privat

Und was ist mit den Lebensfragen und Zweifeln, die Männer beschäftigen?
Es gab in der Tat schon ein paar Männer, die mir von ihren Sorgen und Ängsten berichtet haben … Ich muss jedoch gestehen, dass ich mich mit männerspezifischen Selbstwertproblemen noch nicht wirklich auseinandergesetzt habe. Und mein Freund ist selbstbewusst … Auch wenn ich die Männerwelt natürlich nicht ausschließen möchte, ist mein Blog eher für Frauen gedacht.

Hast du Pläne, daran etwas zu ändern?
Ich denke nicht. Leider habe ich – von ein paar Ausnahmen mal abgesehen – die Erfahrung gemacht, dass viele Männer meine Arbeit belächeln. Oder gemeine Kommentare schreiben. Etwa zu meinen ungeschönten Cellulite-Fotos. Meine Message erreicht die nicht. Ein paar erwachsene Männer gibt es zwar – aber es sind echt nicht viele.

Andererseits sind auch gerade Plus-Size-Models gefragt. Wie siehst du diesen Trend?
Man muss schauen, wie weit das geht. Es gibt Plus-Size-Models, die schon sehr stark übergewichtig sind … Die Models müssen sich auf jeden Fall selber noch gesund und wohl fühlen, ohne Einschränkungen leben können – wenn das gegeben ist, finde ich das völlig okay. Mein Eindruck ist aber, dass das nicht auf jedes Plus-Size-Model zutrifft. Auch hier gibt es ungesunde Extreme.

Viele Menschen teilen deine Ansichten. Rund 300.000 Menschen folgen dir aktuell auf Instagram. Anfang des Jahres waren es noch fast 100.000 weniger. Wo ist die Grenze?
(verwundert) Das war mir gar nicht bewusst … Aber schwer zu sagen. Es ist an diesem Punkt auf jeden Fall nicht einfach, die Followerzahl noch weiter auszubauen. Das liegt nicht am Thema, das ist einfach dem Umstand geschuldet, dass mein Blog auf Deutsch ist. Das habe ich mir zugegebenermaßen schon ein bisschen selber verbaut … Meine Follower kommen daher fast ausschließlich aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Ändern möchte ich das aber nicht mehr, zumal ich mich mit Instagram nur noch ein paar Jahre befassen möchte. Irgendwann möchte ich wieder in der Offline-Welt arbeiten.

Was genau strebst du an?
Ich mache gerade ein Fernstudium und bilde mich im Bereich Stress- und Mentalcoaching weiter. Mir ist es sehr wichtig, nicht von Instagram abhängig zu sein. Daran arbeite ich gerade.

Zu Beginn hast du dir noch, wie du selber mal in einem Interview zugegeben hast, 4.000 Follower, die inzwischen von Instagram gelöscht sind, gekauft. Ist ein erfolgreicher Einstieg ins Bloggergeschäft nur über diesen Weg möglich?
Das machen schon sehr viele. Ich rate aber inzwischen davon ab. Das hört sich jetzt böse an, aber Instagram war damals noch eine Plattform, auf der man nicht sehen konnte, ob man gekaufte Follower hat. Inzwischen „sieht“ man das – Unternehmen können mit bestimmten Programmen genau einsehen, wie viele Follower gekauft und welche echt sind. Das war bei mir damals noch nicht so. Für mich war das also eine Hilfe. Firmen sind so schneller auf mich aufmerksam geworden. Das ist aber wie gesagt nicht mehr so einfach möglich. Unter meinen Followern finden sich daher auch keine gekauften mehr. Die wurden alle von Instagram gelöscht. Ich kann also nur jedem Blogger und jeder Firma davon abraten.

Gekostet haben dich diese 4.000 Follower nach eigener Aussage damals lediglich zehn Euro. Klingt günstig. Kann man sich also für umgerechnet rund 200.000 Euro so viele Follower wie Cristiano Ronaldo kaufen, der auf etwa 80 Millionen kommt?
Ja, schon, nur hat man davon nichts. Und die Follower werden ja irgendwann auch wieder gelöscht. 80 Millionen Follower bedeuten schließlich auch nicht 80 Millionen Likes und Kommentare. Die Interaktion auf der Seite fehlt dann ja. Im Grunde bringt einem das nichts.

Auch mit ein paar weniger Followern als Cristiano Ronaldo erhältst du bestimmt viele Angebote von Firmen, die dich als Influencerin gewinnen wollen. Kommen täglich Angebote?
Es ist schon so, dass ich mittlerweile täglich Anfragen bekomme. Von großen und kleinen Unternehmen. Da ist auch mal ein Start-up dabei. Das ist sehr gemischt. Ich muss also ganz genau schauen, was zu mir passt und was nicht. Ich würde zum Beispiel niemals exklusiv für nur eine einzige Marke arbeiten.

Es kommen bestimmt auch viele unpassende Angebote …
Ja! Absolut! Da merkt man dann sofort, dass die sich nicht mit meinem Blog und mit meiner Arbeit auseinandergesetzt haben. Denen schreibe ich sofort eine Absage.

Was war bisher das merkwürdigste Angebot?
Das kam von einer Diätpillen- und Stoffwechselkur-Firma. Absolut fehlgetroffen bei mir. (lacht)

Schauen wir abschließend noch ein wenig in die Zukunft. Was werden deiner Ansicht nach die Fitnesstrends 2017?
Sicherlich noch mehr Apps. Und das Thema Ganzkörpertraining wird stärker, denke ich. Auch haben viele keine Lust mehr auf Fitnessstudios, auf stumpfes Kraft- und Ausdauertraining – ich glaube daher, dass 2017 wieder mehr Sport in der Natur gemacht wird.

Oder drinnen mit einer VR-Brille … Was denkst du, werden Virtual-Reality-Brillen zukünftig stärker in Fitnesstrainings eingebunden?
Diese Brillen waren gerade Thema in einem Online-Marketing-Camp, das ich besucht habe … Ich halte das für einen witzigen Trend. Mehr aber auch nicht. Schließlich habe nur die Wenigsten den nötigen Platz dafür. Auch wenn es virtuell ist, einen großen Raum, in dem man der Sportsimulation nachgeht, braucht man schon … und günstig ist so eine Anschaffung auch nicht.

Mit einer virtuellen Louisa wird man also zukünftig nicht trainieren können …
(lacht) Ach, das wäre schon cool. Im Moment kann man nur auf YouTube mit mir trainieren… Das muss erst mal reichen. VR-Brillen sind aber schon eine Überlegung wert.

Louisa Dellert im Braunschweiger Prinzenpark (c) Privat

Louisa Dellert im Braunschweiger Prinzenpark (c) Privat

Als ehemalige Braunschweigerin bist du inzwischen nach Hamburg gezogen. Wann bist du mal wieder in der Löwenstadt? Und wird es hier weitere Bootcamps geben?
Das überlegen wir tatsächlich. Nächstes Jahr haben wir auch ein Fitnessfestival. Allerdings nicht in Braunschweig – wir haben hierfür leider keinen Kooperationspartner gefunden. So veranstalten wir das Festival in der Nähe von Wolfenbüttel; in einem Stadtbad. Wir erwarten so um die 300 bis 400 Leute, die dann gemeinsam mit uns Sport machen.

Wo hat man dich früher in Braunschweig Sport machen sehen? Gibt es die typische Louisa-Dellert-Fitnessstrecke?
Ich habe früher in der Helmstedter Straße gewohnt. Hier bin ich immer Richtung Riddagshausen gelaufen. Vorbei am Prinzenpark …

Nils-Andreas Andermark / Fotocredits: Privat, Louisa Dellert, Verena Meier Fotografie


 

Louisa Dellert – Steckbrief

Louisa Dellert (c) PrivatGeboren in Wolfenbüttel
Geboren am 6. Oktober 1989
Schule Gymnasium im Schloss in Wolfenbüttel
Beruf Influencerin, Bloggerin, Social-Media-Beraterin
Erlernter Beruf Kauffrau für Bürokommunikation
Berufswunsch als Kind Animateurin – „Das kommt von den vielen Robinson-Club-Urlauben mit meinen Eltern.“
Lieblings-Film Thor – „Ich liebe alles, was mit Marvel zu tun hat.“
Lieblings-Band /-Musiker David Garrett – „In meiner Spotify-Liste finden sich aber auch Songs von Tracy Chapman und Robbie Williams. Und wenn es mal schneller gehen soll, höre ich Housemusik.“
Lieblings-Workout „Das habe ich nicht. Dafür aber eine Hassübung – das sind Liegestütze.“
Ungesündester Tag „Da gibt es so viele: Geburtstage, die ganze Weihnachtszeit …“
Motto „Jeden Tag genießen. Sich bewusst machen, dass man nur ein Leben zum Leben hat.“

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