(c) Jürgen Mennecke

»Mich interessieren die absurden Dinge«

Jürgen Mennecke  ist spät zur Kunst gekommen: er beherrschte seine heutige Technik zwar bereits im Jugendalter, aber erst nach seiner Pensionierung fand der ehemalige Lehrer die Zeit, sich ganz seinen Kugelschreiber-Illustrationen zu widmen. Teilweise arbeitet er an einer einzelnen Zeichnung bis zu zwei Wochen. Aktuell stellt er seine Kunst in der Braunschweiger Galerie Vita-Mine aus. Die Ausstellung „Zeichnungen und Radierungen“ ist noch bis zum 31. Dezember in der Vita-Mine, Karl-Marx-Straße 6, zu sehen.

Herr Mennecke, wie sind Sie zur Kunst gekommen?
Sagen wir nicht Kunst, sagen wir Zeichnen. Nun, wie mir überliefert wurde, habe ich schon als Baby mit dem Lippenstift meiner Mutter die Rückseiten unserer Familienfotos bemalt – manchmal auch die Vorderseiten – und das war dann wohl der Anfang. Jedenfalls habe ich gezeichnet, seit ich mich erinnern kann, und als man mich lobte, war ich natürlich motiviert, noch besser zu werden. Die Technik, in der ich heute arbeite, habe ich schon mit 16 beherrscht, und nebenbei habe ich immer gezeichnet und immer gewusst, dass das meine wirkliche Berufung ist.

(c) Jürgen Mennecke

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Warum illustrieren Sie mit Kugelschreibern?
Dass meine Zeichnungen Illustrationen sind, hat mir einmal ein Künstler-Kollege gesagt, und ich glaube, er hat das gar nicht positiv gemeint. Aber ich habe darüber nachgedacht und sage jetzt, dass sie Illustrationen zu Geschichten sind, die noch niemand erzählt oder aufgeschrieben hat. Ich mag eigentlich Illustrationen. Und warum mit Kugelschreibern? Na ja, die waren einmal vor vielen Jahren ein neues Schreibwerkzeug, das mich fasziniert hat. Man kann sauber und detailliert damit arbeiten, es verwischt nichts, allerdings kann man auch nicht viel korrigieren, aber das ist eine besondere Herausforderung für mich. Ich kann mit jedem Zeichenwerkzeug zeichnen, und das habe ich auch schon gemacht, Federzeichnung oder Bleistiftzeichnung, auch Kohle, aber die ist mir eigentlich zu schmutzig.

Was konnten Sie in Ihrem bisherigen Werdegang, beispielsweise aus der Feinmechaniker-Lehre bei Rollei, für Ihre Arbeit als freischaffender Zeichner mitnehmen?
Die Fotografie. Ich hatte schon als Kind großes Interesse daran, hatte auch eine billige Box-Kamera aus Plastik, aber es ist ja nicht die Kamera, die die Bilder macht, sondern der Fotograf dahinter. Und während meiner Ausbildung bei Rollei durfte ich auch zwei Monate im Fotolabor arbeiten. Außerdem konnte man sich alle Rollei-Kameras jeweils für eine Woche ausleihen, was ich genutzt habe. Seitdem hat mich die Fotografie begleitet, ich hatte später ein eigenes SW-Fotolabor und bessere Kameras. Heute verwende ich in meinen Zeichnungen oft eigene fotografische Vorlagen. Na ja, außerdem war ich auch über 40 Jahre Lehrer und insbesondere Kunsterzieher und habe dadurch immer mit Kunst zu tun gehabt.

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Woraus beziehen Sie Inspiration? Haben Sie künstlerische Vorbilder?
Aus Träumen und Zufällen. Mein Kopf steckt voller absurder Bilder, die ich eigentlich nur abzeichnen muss. Und die Zufälle sind die zufälligen visuellen Eindrücke, denen ja jeder ununterbrochen ausgesetzt ist, mit offenen und auch mit geschlossenen Augen. Es hat wohl jeder schon auf dem Rücken gelegen und seltsame Dinge in den Wolken gesehen, und die kann man dann auch zeichnen, oder? Und solche Dinge sieht man manchmal auch in Tapetenmustern und zufälligen Strukturen. Vorbilder habe ich viele. Zuerst würde ich Horst Janssen nennen, dessen Schwerpunkt ja auch in der Zeichnung und Druckgrafik liegt und der mir gezeigt hat, dass man nicht unbedingt Ölbilder malen muss, um als Künstler anerkannt zu werden. Dann Hieronymus Bosch, der meiner Meinung nach seiner Zeit weit voraus war. Drittens Sven Nordqvist, der vor allem Bilderbücher für Kinder macht und den ich für genial halte. Und dann könnte ich Picasso nennen, wegen seiner unglaublichen Kreativität, und Dalí und da Vinci und Dürer und und und … Die Surrealisten liegen mir am Herzen, und vielleicht bin oder werde ich auch einer.

Sie sagen, dass Sie die Interpretation dem Betrachter überlassen. Trotzdem: Warum malt man etwa ein schwimmendes Schwein oder eine unbekleidete Frau auf einem Baum mit giraffenähnlichen Wesen?
Mich interessieren die absurden Dinge, die Dinge, die nicht zueinander passen. Ich würde mir nicht die Mühe machen, etwas zu zeichnen, das ich viel leichter auch fotografieren könnte. In meinen Bildern muss alles möglich sein, denn in meinen Träumen ist es das ja auch, und auch in Märchen und Fantasy-Geschichten, die ja auch moderne Märchen sind. Ich versuche mich manchmal frei zu machen von allem, was normal oder üblich ist. Ich stelle mir zum Beispiel ein Alien vor, denke an die vielen Science-Fiction-Filme, in denen diese fremden Lebewesen fast immer wie Menschen aussehen – ein Kopf, zwei Arme, zwei Beine, und irgendwas dazwischen; dabei gäbe es selbst in unserer realen Natur ganz andere Vorbilder –, und dann variiere ich das Klischee, mache mich darüber lustig, oder ich versuche, solch ein Alien ganz anders zu zeichnen. Übrigens überlasse ich den Betrachtern nicht nur die Interpretation, sondern ich möchte vielmehr ihre eigene Kreativität herausfordern, die jeder hat, davon bin ich überzeugt. Es wäre schön, wenn jemand seine Geschichte zu einem Bild schreiben würde, oder eine Fortsetzung zeichnen.

(c) Jürgen Mennecke

(c) Jürgen Mennecke

Sie sind erst während Ihrer Pensionierung Vollzeit zum Zeichnen gekommen. Warum hat es so lange gedauert? Hätte Ihre Kunst früher anders ausgesehen?
Als Kind und Jugendlicher hätte und habe ich anders gezeichnet. Damals habe ich einfach nur das Schöne gesucht, was auch heute teilweise aber nicht ausschließlich der Fall ist. Und später hätte ich viel früher meiner Berufung folgen sollen, aber dann hätte ich auch davon leben müssen. Während meiner Zeit als Hauptschul-Lehrer hatte ich keine Zeit für die private Kunst. Wenn man als Lehrer nicht aufpasst, arbeitet man von Sonnenaufgang bis Mitternacht – was einem als Künstler aber auch passieren kann. Aber dann geht eben nicht beides. In dieser Zeit habe ich ja auch gezeichnet, aber das waren Zeichnungen, die in einer oder zwei Stunden fertig waren. Heute brauche ich für eine Zeichnung etwa zwei Wochen.

Was ist das Besondere am Ausstellungsort Vita-Mine?
Es ist ein Ort, an dem alles etwas locker zugeht, was natürlich am Galeristen Thorsten Stelzner liegt und was mir sehr entgegenkommt. Diese Galerie ist nicht so abgehoben wie manche andere, die ich besucht habe. Ich glaube, es ist wirklich ein Ort der Begegnungen. Jedenfalls fühlen sich meine Bilder sehr wohl dort.

Welche Pläne und Wünsche haben Sie für die Zukunft?
Nun, ich stehe ja erst am Anfang meiner zugegeben etwas späten künstlerischen Karriere, am Anfang eines neuen Lebens, in dem noch viel passieren sollte. Ich möchte vielleicht schon im nächsten Jahr an Wettbewerben teilnehmen, einen Galeristen finden, der mich ständig vertritt, möchte natürlich noch viele weitere Ausstellungen machen, vor allem auch über den Braunschweiger Raum hinaus, vielleicht auch im Ausland. Ich habe zum Beispiel schon eine Möglichkeit in China angeknüpft. Kurz, ich möchte etwas bekannter werden, und da muss ich mich beeilen, denke ich.

Vielen Dank für das Interview!

Informationen zum Künstler gibt es unter www.juergenmennecke.com, die Vita-Mine, Verlag, Galerie und Lesebühne, ist unter www.dievitamine.de zu finden.

Katharina Holzberger (SUBWAY Magazin – oeding magazin GmbH) / Fotocredit: Jürgen Mennecke

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