(c) Volker Beinhorn

Neujahrskonzert – Interview mit Orchesterdirektor Martin Weller

Ob per Übertragung im Fernsehen oder live vor Ort: Das Jahr beginnt für viele Menschen mit einem Neujahrskonzert. Das 84-köpfige Staatsorchester Braunschweig bietet Anfang Januar 2017 an sechs Terminen Konzerte in der Region. Mit dem rein britischen Programm „Pomp & Circumstance“ wird es am 1. Januar in Gifhorn und am 2. Januar in Braunschweig schwungvoll aber auch nachdenklich, denn die Auswahl nimmt Bezug auf die aktuelle Situation in Europa. Unter dem klassischeren Motto „Bürgersinn“ gibt es weitere Konzerte in Bad Harzburg, Wolfsburg, Celle und Salzgitter-Bad. Wir sprachen mit Orchesterdirektor Martin Weller.

Herr Weller, warum sind Sie ursprünglich nach Braunschweig gekommen und haben den Posten des Orchesterdirektors angenommen?
So direkt kann man das gar nicht sagen. Ich stamme aus Königslutter. Das Braunschweiger Orchester habe ich schon während meiner Schulzeit gehört. Es hat mich animiert. Letzten Endes hatte es dann einen Einfluss auf meine Berufswahl. Eigentlich hatte ich einen Studienplatz in Philosophie und Germanistik und bin dann doch noch auf Musikwissenschaften umgeschwenkt und später auf eine Musikhochschule gegangen. Ich war auch kurz in Südfrankreich, aber durch einen Krankheitsfall ist in Braunschweig eine Stelle frei geworden. Auf die habe ich mich beworben und ich habe sie bekommen. Nach wenigen Jahren bin ich Orchestervorstand geworden. Dieser ist die Interessenvertretung des Orchesters. 1998 bin ich von der Seite der Orchester-Interessenvertretung auf die Orchester-Management-Seite gewechselt. Seitdem habe ich zwei Berufe. Für mich ist es ein Glücksfall, weil mir das alles sehr viel Spaß macht – spielen, Musik zu vermitteln, Programme zu entwickeln.

Orchesterdirektor Martin Weller (c) privat

Orchesterdirektor Martin Weller (c) privat

Was hat sich seit Ihrem Dienstantritt geändert?
Wir haben viele neue Formate entwickelt: Die deutsche Erstaufführung des Helikopter-Streichquartetts fand in Braunschweig statt, wir haben beispielsweise unter einer Bahnbrücke gespielt und sind in die Landschaft gegangen. Das Orchester hat sein Profil ganz entscheidend geändert. Als ich vor 33 Jahren hergekommen bin, hat es zehn Sinfoniekonzerte gespielt und sonst nur Musiktheater. Jetzt wird die Hälfte des Dienstaufkommens für Konzerte verwendet. Es ist ein ganz anderes Orchester. Das war eine Aufgabe, die ich mir so nicht vorgenommen hatte, sondern die sich einfach so entwickelt hat. Anfangs war ich neben dem Orchesterdienst viel als Trompetensolist unterwegs und wäre nie auf die Idee gekommen, mich vor Publikum zu stellen und etwas über Musik mitzuteilen oder Konzerte zu moderieren. Heute freue ich mich, dass unser Orchester sich hier in der Region behaupten kann. Bei der klassischen Form des Sinfoniekonzertes gab es zwar auch Rückgänge von Besucherzahlen, aber insgesamt haben wir in den letzten 25 Jahren Publikum gewonnen. „Klassik im Park“ mit 20.000 Zuschauern zähle ich jetzt gar nicht dazu, weil es ein „Umsonst-Format“ ist. Aber wir gehen auch zu denjenigen, die nicht in Braunschweig sind. Wir haben eine eigene Reihe in Celle, spielen u.a.  in Wolfsburg, Seesen, Hameln, und fahren bis Bamberg. Das Orchester ist unterwegs.

Erzählen Sie bitte etwas über das diesjährige Programm des Neujahrskonzerts für Braunschweig und Gifhorn.
Ich habe lange über das Programm nachgedacht. Es sieht so einfach aus, wenn es auf dem Papier steht. Die Frage war: Was macht man aktuell zu einem Jahreswechsel? Gesellschaften nehmen den Jahresbeginn als Anlass, darüber nachzudenken, wie wir uns eigentlich verhalten wollen. Dieses Jahr haben wir das Thema „Pomp & Circumstance“, das sich erst mal nach Unterhaltung anhört, denn es ist ein Pop-Titel aus „Last Night of the Proms“. Aber das ist nur auf den ersten Blick so. Wir sind der Auffassung, dass Europa auseinanderdriftet und wir uns deswegen ganz besonders um die gemeinsame Kultur kümmern sollten. Der erste Teil des Programms ist Barockmusik und beginnt mit Händel, einem Komponisten, der in Deutschland wie auch in England als Nationalheiliger begriffen wird. Er war, für damalige Verhältnisse, ein Kosmopolit. Wir spielen die Feuerwerksmusik, die 1748 anlässlich des Aachener Friedens komponiert wurde. Wir haben zwei junge Sängerinnen dabei. Die Mezzosopranistin Veronique Miller, welche zum Beispiel die berühmte Arie „Ombra mai fu“ aus „Xerxes“ singen wird, und die Sopranistin Julia Moorman wird unter anderem eine Arie aus dem Shakespeare-Stoff „Fairy Queen“ singen. Der zweite Teil des Programms bringt die Komponisten des 19. und des 20. Jahrhunderts zusammen, die nationalgekennzeichnete klassische Musik in England vertreten. Weil Patrick Doyle dieses Jahr beim Filmfest zu Gast war, haben wir beschlossen, seine Filmmusik aufzugreifen. Mit Lionel Barts „Oliver!“ und Doyles „Harry Potter“ haben wir ein klassisches und ein modernes Jugendsujet nebeneinandergestellt. Daneben ist William Waltons „Orb and Sceptre“ ein Krönungsmarsch, der für Elisabeth II. komponiert wurde. Es ist ein Programm, das einen hohen Unterhaltungswert hat, aber gleichzeitig ein gutes Vierteljahrtausend gemeinsamer europäischer Kulturgeschichte abbildet. Die Proms-Konzerte sind auf der ganzen Welt beliebt, haben genauso viele Zuschauer wie die Wiener Neujahrskonzerte und werden häufig „nachgemacht“. Es ist uns zwar klar, dass wir keinen direkten Einfluss auf die Politik haben, trotzdem sendet das Programm gegenüber unserem Konzertpublikum die Botschaft, dass wir uns Gedanken über den Zustand Europas machen. Und dass wir den Jahresanfang zwar festlich beginnen, aber nicht einfach mit einem klassischen Neujahrskonzert mit Wiener Programm und ohne weitere Anknüpfungspunkte. Es ist der Versuch, die aktuelle Situation mitzudenken.

Was würden Sie Klassikmuffeln raten? Kann man diese mit der vorigen Einführung umstimmen?
Ich glaube schon, dass unsere bisherigen Vermittlungsanstrengungen eine Wirkung haben. Das war ein langwieriger Prozess, der ganz klein anfing. Wir sind jetzt im großen Saal der Stadthalle und es kommen wirklich viele Leute. Wir wollen mitteilen, warum wir das machen, was wir machen. Deswegen haben wir irgendwann angefangen, die Konzerte zu moderieren. Natürlich ist das auch auf Unterhaltung angelegt, es wird auch mal ein Witz gemacht. Aber es ist kein Small-Talk-Format. Es geht darum, deutlich zu machen, welche Position Musik in der Gesellschaft einnimmt. Und in welcher Weise man mit Kunst agieren kann.

(c) Volker Beinhorn

(c) Volker Beinhorn

Haben Sie eine persönliche Neujahrstradition?
1988 haben wir, glaube ich, das erste Neujahrskonzert in Wolfenbüttel veranstaltet. Ich habe dort fast jedes Jahr auch selbst gespielt. Inzwischen haben wir drei Formate nebeneinander. Wir fangen dieses Jahr am 21. Dezember mit den Proben für das Neujahrskonzert I an, denn ein Konzert muss innerhalb von vier Tagen stehen. Dazwischen ist natürlich noch Weihnachten. Direkt am 27. proben wir zwei Mal das Neujahrskonzert II, am nächsten Morgen haben wir die Hauptprobe dafür. Abends spielen wir eine Toska. Am 7. Januar haben wir ein Gastkonzert in Kissingen, dafür proben wir zwei Mal am 29. Dezember. Nachmittags für Wolfenbüttel. Dann kommt die Generalprobe für das Neujahrskonzert I, Silvester spielen wir zwei Mal im Theater. Innerhalb von zehn Tagen sind es insgesamt sieben Konzerte. Wir sind Dienstleister, die an diesen besonderen Tagen des Jahres höchst aktiv sind. Es sind Wochen, in denen wir extrem eingebunden sind, damit unser Publikum Weihnachten und Neujahr besonders genießen kann.

Auf welche Highlights darf man sich 2017 freuen?
Es gibt unsere Dauerbrenner „Pop Meets Classic“, „Klassik im Park“, erstmals dirigiert vom neuen Generalmusikdirektor Srba Dinic. Unser Ehrendirigent Stefan Soltesz war in den vergangenen drei Jahren Chefdirigent der Sinfoniekonzerte in der Stadthalle und hat sein Abschlusskonzert im  kommenden März mit der 9. Mahler, gewiss auch ein Höhepunkt. Im Herbst gibt es wieder das Filmkonzert. In Wolfsburg haben wir im April ein Filmkonzert mit Tim Burtons „Alice im Wunderland“. Das sind nur einige Beispiele. Wir sind pausenlos unterwegs. Im Grunde genommen gibt es fast jede Woche ein Großereignis mit uns – außer in den Ferien.

Alle Termine des Staatsorchesters Braunschweig finden sich online unter
www.staatstheater-braunschweig.de.

Katharina Holzberger (SUBWAY Magazin – Oeding Druck) / Fotocredit: Volker Beinhorn

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