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„Ohne Wasser geht’s gar nicht“

Anna-Lena Schulte: Als Wasserratte bei der Öffentlichen Versicherung Braunschweig

Anna-Lena Schulte ist seit 2008 bei der Öffentlichen Versicherung Braunschweig, wo sie Kauffrau für Versicherungen und Finanzen gelernt hat. Aktuell ist sie in der Abteilung Produktpartner- und Verkaufsmanagement tätig. Nebenbei engagiert sich die 25-Jährige bei der DLRG in Braunschweig und ist seit Jahren als Rettungsschwimmerin überall in der Region im Einsatz. Auch am 16. DLRG Wasserrettungscup, der im September am Salzgittersee stattfindet, wird Anna-Lena teilnehmen. Wir haben mit ihr über die Bädersituation in Braunschweig, die Tätigkeiten eines Rettungsschwimmers und die schönsten Strände der Welt gesprochen – und erfahren, was die DLRG in Braunschweig eigentlich mit der Kultserie „Baywatch“ zu tun hat …

Anna-Lena, wie lange bist du schon für die DLRG tätig und was sind deine Aufgaben?

Ich komme ursprünglich vom Leistungsschwimmen in Magdeburg. 2006 bin ich dann zur DLRG gewechselt und war noch in Magdeburg im Wettkampfbereich aktiv. Mit dem klassischen Wasserrettungsdienst habe ich es erst 2009 hier in Braunschweig zu tun bekommen. Wir bieten vom Kinder- über Erwachsenen- bis hin zum Rettungsschwimmen verschiedene Ausbildungen an. Ich selber habe lange eine eigene Kindergruppe trainiert, unterstütze weiterhin andere Trainer und bin im Jugendvorstand tätig. Meine absolute Leidenschaft gilt dem Wettkampfbereich mit regelmäßigem Training. Und trotzdem sind Wettkampf und der Wachdienst für mich keine verschiedenen Dinge, sondern sehr gut in Einklang – man kann mit Spaß seine Kräfte messen, um für den Ernstfall 100 Prozent fit zu sein.

Wie lange trainierst du für das alles insgesamt?

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Anna-Lena Schulte in Ihrem Büro bei der Öffentlichen Versicherung Braunschweig.

Fest eingeplant sind mindestens drei Stunden Wasser in der Woche, wenn wir im Sommer im Open-Water trainieren, sogar noch wesentlich mehr. Hinzu kommen noch Laufen und Rennrad-Einheiten. Vor Landes-, Deutschen oder Weltmeisterschaften wird das Training natürlich intensiviert. Da geht man dann auch schon mal sechs, sieben Mal ins Wasser, auch morgens um 06.00 Uhr vor der Arbeit. Nach dem Wettkampf ist dann aber auch Faulenzen angesagt – das können wir auch sehr gut (lacht).

Woher stammt eigentlich deine Leidenschaft für das Wasser?

Die wurde mir eigentlich schon direkt in die Wiege gelegt: Mein Opa war auch ein leidenschaftlicher Schwimmer, ein Sportverrückter sowieso. Diese Leidenschaft hat er mir anscheinend weitergegeben und bei ihm habe ich schon sehr früh schwimmen gelernt. Ich war daher auch gar nicht in einem klassischen Seepferdchen-Kurs, sondern bin schnell in Trainingsgruppen reingerutscht. Schon in der Grundschule habe ich mindestens dreimal die Woche trainiert, was sich dann über meine gesamte Schulzeit hingezogen hat. Ohne Wasser geht’s gar nicht (lacht).

Stichwort Schwimmen lernen: Mittlerweile zeigen Statistiken, dass immer weniger Kinder schwimmen lernen und auch die Schulen das inzwischen kaum noch leisten können. Inwiefern merkt ihr das bei der DLRG?

Wir merken das allein dadurch, dass unsere Wartelisten förmlich aus allen Nähten platzen, egal in welcher Altersstufe – von den ganz Kleinen bis hin zum Erwachsenenschwimmen. Montags sind wir auf zwei Bahnen teilweise über 18 Leute. Bei den Kindern merkt man es aber noch deutlicher. Es sollte zwar von Seiten der Schulen Schwimmunterricht geben, aber der fällt auf Grund von Lehrermangel immer häufiger aus. Oder weil der Platz auf den Bahnen in den Schwimmbädern – auch auf Grund von Bäderschließungen in der Region ­– einfach nicht ausreicht. Man kann mit seinen Kindern nicht mehr mal eben ins Schwimmbad nebenan gehen, um dort mit ihnen schwimmen zu lernen. Denn selbst wenn ein tolles neues Schwimmbad gebaut wird, vergrößert sich dadurch nicht unbedingt der Raum, den man als Ausbilder zur Verfügung hat. Das führt zu langen Wartezeiten und vollbesetzten Bahnen. Dies wiederum ist sehr anstrengend für die Trainer und Ausbilder, denn es muss immer mindestens zwei Trainer pro Bahn geben, um die Sicherheit gewährleisten zu können.

Was würdest du Eltern raten?

So früh wie möglich die Kinder ans Wasser gewöhnen, damit sie die Scheu vorm Wasser verlieren. Dies kann man auch schon Daheim in der Badewanne üben. Das entlastet später die Trainer in der Ausbildung: Es ist nämlich ziemlich anstrengend, sehr schreckhafte Kinder zu betreuen. Außerdem sollte man sein Kind möglichst zeitig zum Schwimmkurs anmelden – man kann sich in Schwimmbädern, Vereinen und natürlich bei uns informieren.

Wie ist dein ganzes Engagement überhaupt mit deinem Job vereinbar?

Bisher sehr gut. Ich habe bei der Öffentlichen glücklicherweise flexible Arbeitszeiten, weswegen auch das Training morgens um sechs im Heidbergbad möglich ist – wobei man natürlich immer noch den eigenen Schweinehund überwinden muss. Auch jetzt im Sommer, wenn es in das aufwendige Open-Water-Training geht, kann ich meistens Zeit und Arbeit gut einteilen. Es ist alles eine Frage der Selbstdisziplin und die Möglichkeiten sind bei entsprechender Selbstorganisation allemal gegeben.

Ein wichtiges Event ist für euch der DLRG-Wasserrettungscup, der dieses Jahr im September in Salzgitter stattfinden wird. Wie kann man sich einen solchen Wettkampf vorstellen?

© DLRG Braunschweig

Es ist ein freundschaftlicher Wettkampf, bei dem Gruppen überall aus der Region, von Braunschweig über Salzgitter und Goslar bis nach Wolfsburg und Helmstedt, anreisen. Es werden lebensrettende Situationen nachgestellt, mit denen man im Alltag eines Rettungsschwimmers im Ernstfall konfrontiert werden könnte. Eigene Fitness und Schnelligkeit werden mit anderen gemessen. Es gibt vier verschiedene Übungen: In der ersten Simulation muss eine ertrunkene Person per Schnorcheltauchkette und Einweisung vom Land systematisch gesucht werden. Diese Puppe muss möglichst schnell gefunden und regelgerecht an einen Helfer an Land übergeben werden. Dann folgt der zweite Wettbewerbsbereich, für den die Puppe beatmet und wiederbelebt werden muss. Jeder Schritt wird von Kampfrichtern begutachtet und bewertet. Im dritten Block gilt es, mit einem Rettungsbrett, einem etwas dickeren Surfbrett, einen Verunfallten aufzunehmen: Einer aus der Mannschaft schwimmt zu einer Boje, woraufhin ein Teamkamerad mit dem Rettungsbrett zu ihm aufschließt und mit ihm zusammen an den Strand zurückpaddelt. Die vierte Disziplin nennt sich „Beach Flags“ und funktioniert nach dem Prinzip der „Reise nach Jerusalem“: Die Teilnehmer liegen im Sand und müssen nach dem Pfiff zu den Flaggen sprinten und eine ergattern, wobei es immer eine Flagge weniger als Läufer gibt, bis nur noch ein Teilnehmer übrig ist.

Weshalb lohnt sich der Wasserrettungscup auch für Zuschauer?

© DLRG Braunschweig

Man bekommt einen enorm guten Einblick in die Tätigkeiten eines Rettungsschwimmers, die dort in einem spielerischen Umfeld präsentiert werden. Als Badegast am Strand sieht man zwar die besetzten Wachtürme, doch einen wirklichen Einsatz bekommt man selten live mit. Beim Wasserrettungscup kann man bei jedem einzelnen Schritt dabei sein und alles hautnah miterleben. Wir freuen uns über viele Zuschauer, denn es macht gleich doppelt so viel Spaß, wenn man angefeuert wird.

Was muss ich als Laie über Wasserrettung wissen, falls ich mal in eine kritische Situation gerate?

Denken wir uns mal folgendes Beispiel: Man geht an einem See spazieren und hört plötzlich Hilferufe aus dem Wasser. Sofort den Notruf wählen, andere Passanten informieren und dem Verunfallten ein Hilfsmittel zuwerfen – einen dicken Ast, eine Jacke oder sonst etwas mit Auftrieb, an dem er sich festhalten kann. Verunfallte schlagen meist in Panik um sich, können dabei eine enorme Kraft entwickeln und im ungünstigsten Fall den Retter selbst unter Wasser drücken oder ziehen. Daher sollte ein Ungeübter auf keinen Fall direkt hinschwimmen, denn der Eigenschutz ist besonders wichtig. Falls der Verunfallte zu weit vom Ufer weg ist und man es sich zutraut hinzuschwimmen, sollte man ebenfalls nur mit einem Hilfsmittel agieren. In den von uns angebotenen Rettungsschwimmkursen bekommt man beigebacht, wie man sich aus Umklammerungen befreit ohne selbst Schaden zu nehmen.

Ob ich nun Ersthelfer bin oder mir selbst etwas passiert – wie ist man in so einem Fall eigentlich versichert?

Als Ersthelfer – egal ob als ausgebildeter Rettungsschwimmer im Dienst oder als Laie – ist man über die gesetzliche Unfallversicherung abgesichert. Wenn man selber der Verunfallte ist, greift die private Unfallversicherung.

Welche extremen Einsätze hast du selbst schon miterleben müssen?

Bisher hatte ich glücklicherweise eher nur mit geringen Verletzungen wie kleineren Wunden, Hitzschlag oder Bienenstichen zu tun. Ich war aber auch schon an größeren Suchaktionen beteiligt. Am Tankumsee hat einmal ein verlassenes Bündel Klamotten uns Retter auf den Plan gerufen. Systematisch haben wir mit einer Schnorcheltauchkette den Badebereich nach der zugehörigen Person abgesucht, später kamen noch Taucher und sogar ein Hubschrauber mit Wärmebildkamera hinzu. Nach über drei Stunden im Einsatz hat sich alles glücklicherweise in Wohlgefallen aufgelöst: Der Badegast ist zum anderen Ufer geschwommen und ist dort spazieren gegangen. Das zeigt: Man sollte unbedingt den Rettungsschwimmern oder auch Nachbarn am Strand Bescheid geben, wenn man sich länger von seinem Platz entfernt. Und beim Wachwechsel hört man von Kollegen doch hin und wieder Berichte von extremen Situationen: vom schwer verletzten Springer von der Seebrücke bis hin zum Leichenfund nach einer nächtlichen Badeaktion.

Bei all den Baderegeln, die man noch aus Schulzeiten kennt: Worauf sollte ich als Badegast unbedingt achten?

Gerade jetzt im Sommer sollte die wichtigste Regel jedem bekannt sein: viel Trinken, mindestens drei Liter am Tag! Es eignen sich prima abgekühlte Tees, selbstgemischte Saftschorlen oder einfaches Wasser, auch aus der Leitung. Dazu die Klassiker: eine Stunde vor dem Wasser nichts Schweres mehr essen, eincremen und vor allem eine Kopfbedeckung tragen (auch, wenn man ins Wasser geht) und in den heißen Mittagsstunden die schattigen Plätze aufsuchen. An unbekannten Badeseen oder am Meer sollte man sich an den Wachtürmen über die Wassergegebenheiten, zum Beispiel Tiefe, Strömung und so weiter, informieren. In Schwimmbädern gilt zudem: nicht rennen – das vermeidet schon die meisten Verletzungen. Außerdem sollte man sich vor dem Gang ins Wasser abkühlen und, wenn Kinder dabei sind, diese immer im Auge behalten.

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Anna-Lena Schulte (rechts) mit Anna Sauerbrei (links) der Pressesprecherin der DLRG Ortsgruppe Braunschweig.

Und wie schaut es aus mit der Kombination Baden und Alkohol? 

Da wir hier in der Region und gerade zu dieser Jahreszeit auch die großen Veranstaltungen wie Klassik im Park, das Holi oder die School’s-Out-Feiereien absichern, haben wir immer wieder mit alkoholisierten Menschen zu tun. Sie überschätzen sich häufig und die Hitze tut ihr Übriges. Dabei sinkt die Hemmschwelle und man meint, auch mal kopfüber von der Oker-Brücke springen zu müssen. Das kann richtig schlimme Verletzungen verursachen, bis hin zur Querschnittslähmung, denn die Oker ist nicht tief und Miteiferer ziehen dann auch noch mit.

Um das Interview ein wenig positiver zu beenden und Lust zu machen auf die Badesaison: Welcher war der schönste Badestrand, den du bisher besucht hast?

Der tollste Strand, den ich bisher kennen gelernt habe, liegt in Cornwall im Südwesten Englands. Schneeweißer Sand, der Atlantik ist durch den Golfstrom gar nicht mal so kalt, viele Klippen und vor allem prima Wellen zum Surfen. Aber auch die heimischen Strände auf Sylt, Usedom oder Rügen sind schön, sowohl für den Entspannungsurlaub als auch für den ehrenamtlichen Wachdienst- „Urlaub“. Da passt dann der Spruch „arbeiten, wo andere Urlaub machen“.

Welchen Ort würdest du gern mal sehen, den du bisher noch nicht kennst?

Ich würde gern mal nach Hawaii oder auf eine der Südseeinseln – dort kann man sowohl beim Schnorcheln die wunderbare Unterwasserwelt entdecken als auch über Wasser die besten Wellen surfen.

Und die wichtige Frage zum Abschluss: Kannst du dir „Baywatch“ eigentlich noch anschauen?

Auf diese Frage habe ich ja irgendwie gewartet (lacht). Ich muss gestehen, dass ich tatsächlich noch keine Folge gesehen habe. Wirklich nicht. Aber durch diese Serie ist, trotz aller Klischees, der Beruf, oder besser die Berufung Rettungsschwimmer überall ein Begriff geworden. Prestigetechnisch ist das ja gar nicht so verkehrt. Und als Ortsgruppe haben wir auch eine ganz spezielle Verbindung zur Serie: Während unserer Wachwoche am Tankumsee werden wir traditionell morgens immer mit dem Intro von „Baywatch“ aus dem Bett geworfen und auch die Wachflagge zu Beginn eines Wachdienstes wird zu dem Song gehisst. Er ist quasi schon unsere Hymne.

Anna-Lena, vielen Dank, dass du dir Zeit für dieses Gespräch genommen hast!

© Sebastian Heise

Fotos: Hauke Lahn, DLRG Braunschweig, Sebastian Heise

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