Patrick Schmitz Poetry Slam (c) Andreas Reiffer

Patrick Schmitz: »Ein Slam ist eine Wundertüte«, Teil II

Science Slammer, IT-Profis und Digital-Nerds trafen sich am 15. November im Hallenbad – Kulturzentrum am Schachtweg zum zweiten Digital Slam, bei dem sie erneut unterhaltsame eigene Texte zu den vielfältigen Themen der Digitalisierung vortrugen – „fachlich, kritisch aber auch lustig“, wie uns Patrick Schmitz, der zusammen mit Dominik Bartels durch den Abend führte, im ersten Teil des zweiteiligen Interviews zur Veranstaltung sagte. Im folgenden zweiten Teil spricht der 46-jährige Braunschweiger Slammaster über die Entwicklung des Poetry Slam sowie die Bedeutung des Applausometer.

Die nächsten Poetry Slam Termine finden mit dem „Best of Poetry Slam“ mit dem „Stand-up-Comedy“-Special am Freitag, 23. November ab 20 Uhr im LOT-Theater Braunschweig sowie einem Poetry Slam mit offener Liste am Donnerstag, 29. November 2018 ab 20 Uhr in der Barnabys Blues Bar Braunschweig statt. Weitere Informationen und Tickets finden sich online unter www.poetry-slam-braunschweig.de.

 

Ist der Poetry Slam im Mainstream angekommen?

Ja, das kann man schon so sagen. Die literarische Elite, die man sich noch vorstellt, kriegen Slams nicht mehr, die ist weg. Wir sind im Mainstream und wir haben kein Publikum, das sich ernsthaft für Literatur interessiert, die Zeiten sind vorbei. Es ist weitestgehend ein Publikum, was sich für das Event, eine Marke, interessiert. Die wollen zum Teil nicht einmal wissen, welche Künstler an dem Abend auftreten. Für die regionalen Schriftsteller und Verleger sind die Veranstaltungen zu langweilig. Weißt du, verschwunden sind dabei zum Beispiel die Dadaisten, die Laut- und Wortmaler, gibt es kaum noch, und die „Freaks“. Diese Entwicklung sehe ich teilweise sehr kritisch. Deswegen machen wir in Braunschweig auch im November einen „Back to the Roots“-Slam, in einer Kneipe, mit offener Bühne und wo es nur um Spaß geht. Solange es solche Veranstaltungen noch gibt, habe ich nichts gegen eine allgemeine Öffnung für ein breiteres Publikum.

Dass man als Poet nun ein großes Publikum erreicht und Gage bekommt, ist schon vorteilhaft.

Absolut. Wenn man sich das wirtschaftlich anguckt, ist das, glaube ich, eine der wenigen Szenen im Bereich Kultur- und Veranstaltung, die einen recht großen Wirtschaftszweig bildet und richtig viel Geld umsetzt. Bestimmte Poetry Künstler sind heute viel teurer als irgendwelche Fernsehstars. Aber sie machen im deutschsprachigen Raum auch wirklich die Hallen voll. Es ist so groß geworden, man müsste denken, es gibt einen Poetry Slam Bundesverband, der alles regelt. Gibt es aber nicht, weil es diesen nicht braucht. Es basiert alles auf gegenseitigem Vertrauen und reglementiert sich darüber sehr gut.

Was ist denn das Tolle an Poetry Slams, warum ihr dranbleibt?

Ein Slam ist eine Wundertüte. Es hat etwas sehr Menschliches, deswegen ist das mit dem digitalen Thema auch ganz besonders spannend. Ich glaube, eines der Geheimnisse beim Slam ist, das es nicht immer perfekt durchgeprobt ist, dass ich Überraschungen erleben kann. Das sind wir nämlich, glaube ich, alle Leid, das Perfekte, Durchgeplante. Auch diese typischen Comedy-Sendungen mit den eingespielten Lachern und der fertigen Dramaturgie. Beim Slam stehen immer Menschen auf der Bühne. Es versuchen natürlich immer alle, fehlerfrei abzuliefern, aber irgendein Lapsus passiert dir immer. Aber das ist ja genau das, was sich die Leute später am meisten erzählen. Die Leute finden das ja meist gar nicht so peinlich wie man selbst und nehmen es einem nicht krumm.

Und was ist das Schönste aus Moderatoren-Sicht?

Man hört unheimlich viele Texte und lernt die Leute dahinter kennen. Damit lernt man auch die Texte anders einzuschätzen, wenn man weiß, was für Menschen diese geschrieben haben. Das ist das Schönste: Die Menschen kennenzulernen und dadurch die vielfältigen Möglichkeiten, wie man sein Leben führen kann. Es ist eine riesen Bandbreite, die man so sieht, und das bringt einen auch persönlich weiter. Bei diesen Veranstaltungen entstehen bundesweit viele Freundschaften und die Slam-Szene ist fast schon wie eine Familie. Wenn man irgendwo zu einem Slam kommt und die Leute gar nicht kennt, ist es trotzdem total herzlich, weil die Menschen einander offen begegnen.

Seid ihr Moderatoren euch mit dem Applausometer immer einig?

Nein, wir liegen durchaus häufig auseinander. Der Applausometer ist ja nur ein Vehikel für das Publikum, um das Ganze zu transportieren, aber eigentlich absolut unerheblich. Die tollsten Slammer sind auch gar nicht die, die gewinnen. Das denken immer nur die, die sich nicht damit auskennen. Am meisten Geld zahle ich zum Beispiel für gute Lyriker. Die finde ich gut und wichtig und die gibt es nicht mehr so häufig. Wenn wir zum Beispiel einen Poetry Slammer wie Frank Klötgen haben, den man für seine hervorragende Lyrik seit über 20 Jahren in der Literatur kennt, den versteht das Publikum nicht immer zwingend. Dann sitzen wir bei seinem Vortrag und denken: Wow, großes Kino! und am Ende kriegt er nur zwei Punkte. Aber er ist schon so lange auf der Bühne, er steht da drüber.

Hast du Tipps für Slam-Einsteiger? Was macht aus deiner Sicht gute Poetry aus?

Ich würde einfach persönlich sehr darauf achten, dass man selbst mit seinem Text leben kann. Nicht nach Sieg und Gefallen gehen, sondern danach, dass der Text mich zu dem jetzigen Zeitpunkt irgendwie widerspiegelt oder eben genau dem entspricht, was ich zeigen will. Es ist das aller beste, sich nicht beeinflussen zu lassen und einfach seinen Weg zu gehen. Das ist, was im Vordergrund stehen muss, dann ärgert man sich hinterher auch nicht, wenn es mal wenig Punkte gab. Ich bin ohnehin der Meinung, dass wenn man immer das macht, wo man hintersteht, sich zwangsläufig auch ein Erfolg einstellen wird. Wobei Erfolg sich ja nicht nur in Geld bemisst, sondern auch in persönlicher Entwicklung bestehen kann. Und darum geht es ja im Leben.

Gibt es auch Dinge, von denen du Slammern abraten würdest?

Texte aus dem rechten Kontext gehen natürlich gar nicht. Ansonsten vielleicht die Themen, die man schon oft gehört hat, vermeiden. (überlegt) Beim letzten Digital Slam war tatsächlich einer, der den Hilfsmitteleinsatz falsch eingeschätzt hat, bei dem dachte ich mir: Ein echtes No-Go. Der hat während des Vortrags mehrere Minuten lang fremde YouTube-Videos gezeigt, die die Inhalte, die er verkaufen wollte, schon vorgefertigt zeigten. Er meinte das als Zitat, aber das kann nicht über mehrere Minuten gehen. Dafür wurde er auch vom Publikum furchtbar abgestraft und das zu Recht.

Poetry Slam Dominik Bartels (c) Andreas Reiffer

 (c) Andreas Reiffer


Evelyn Waldt (SUBWAY Magazin – oeding magazin GmbH) / Fotocredit: Andreas Reiffer

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