(c) Pieter Hugo, Priska Pasquer, Köln

Pieter Hugo im Interview zu »Between the Devil and the Deep Blue Sea« Teil II

Der südafrikanische Fotograf Pieter Hugo geht in seinen außergewöhnlichen wie ausdrucksstarken Porträts, Stillleben und Landschaftsbildern den sichtbaren Spuren von gesellschaftlichen Dissonanzen nach und gewährt überwältigende Einblicke in verborgene Orte und soziale Randgruppen. Das Kunstmuseum Wolfsburg zeigt mit 254 Fotografien aus mehreren Serien die erste institutionelle Einzelausstellung des Künstlers in Deutschland. Zusammen mit Kuratorin Dr. Uta Ruhkamp führte Pieter Hugo durch die Ausstellung und erläuterte seine bewegenden Werke. Hier geht es zum ersten Teil des Interviews.

Die Serie „Flat Noodle Soup Talk“ zeigt private Einsichten in China.
Ich war in Peking und habe umsonst Familienporträts angeboten, weil ich in die privaten Wohnungen gelangen wollte. Das ist für Ausländer in China extrem schwierig. Ich wollte dort die postrevolutionäre Gesellschaft sehen, wo es zum einen die Generation von Menschen gibt, die unglaubliche Aufopferungen für ihr Land erbracht haben, und zum anderen die Generation danach, die diese Erfahrung nicht gemacht hat. Die jetzt in einer politisch stabilen, aber konsumorientierten Gesellschaft leben. Man kann eigentlich alles tun und sich alles leisten, was man sich wünscht, solange man die Regierung nicht kritisiert. Und dann Ansichten zu geben, die so etwas wie Vanitas-Elemente zeigen, so wie Risse in der Hausfassade oder auf den Möbeln. Nach so etwas hatte ich dort gesucht, nach den sichtbaren Gegensätzen.

(c) Pieter Hugo, Priska Pasquer, Köln

Guo Family, Beijing, aus der Serie „Flat Noodle Soup Talk”, 2015-2016 (c) Pieter Hugo, Priska Pasquer, Köln

Viele Ihrer Bilder erinnern an Gemälde, wie ist Ihre Beziehung zur Malerei?
Ich denke, ich bin inzwischen tatsächlich nicht mehr so sehr an der Fotografie an sich interessiert. Sondern daran, einfach Bilder zu machen, die eine eigene Logik haben und sich und was damit dargestellt wird unsentimental erschließen.

Versuchen Sie, fotografisch die Ästhetik von Gemälden zu erreichen?
Nicht bewusst. Aber ich komme aus einer Künstlerfamilie, meine Mutter war Künstlerin, wir hatten immer sehr viel Kunst im Haus. Auch wenn nicht unbedingt bewusst, das sind Dinge, auf die ich Bezug nehme. Ich habe zum Beispiel immer schon flämische Stillleben geliebt, wo das Profane und das Alltägliche zu einer Allegorie für eine Erfahrung werden, die größer ist, als das Dargestellte. Ich finde das spannend. Man kann Fotografien auf zwei Arten lesen: Entweder so, dass das Einzige, was sie können, ist die Oberfläche von Sachverhalten zu zeigen, oder, was natürlich viel mehr ist, was wir damit verknüpfen und was wir mit hineinbringen.

(c) Pieter Hugo, Priska Pasquer, Köln

Zeng Mei Hui Zi, Beijing, aus der Serie „Flat Noodle Soup Talk”, 2015-2016 (c) Pieter Hugo, Priska Pasquer, Köln

Wie ist die Serie „The Journey“ entstanden?
Ach ja, der Horror eines Langstrecken-Familienflugs (lacht). Das ist eine der wenigen Serien, bei denen ich die Fotografierten nicht nach Erlaubnis gefragt habe. Ich hoffe, sie sehen die Bilder nie, sonst verklagen sie mich vielleicht (lacht). Also auf dem Flug hatte ich Langeweile und habe mit einer ganz schlechten Infrarotkamera rumprobiert und fand das interessant. Ich bin dann durch das Flugzeug gegangen und habe die schlafenden Menschen fotografiert. Und dann haben mich die Fotos an die Irakbilder erinnert, die überall in den Medien waren. Die Truppeninvasion in Bagdad, wie sie da durch die Häuser gelaufen sind. Diese völlige Schutzlosigkeit der Menschen. Und daran sieht man, wie sich unsere Deutung solcher Bilder verändert hat. Früher wären meine Assoziationen eher Wildnis-Aufnahmen gewesen. Es gibt also eine Verschiebung in der Interpretation der Bildsprache. Als ich vor mehr als 20 Jahren mit der Fotografie angefangen habe, war ich zuerst enthusiastisch. Aber über die Zeit wird man natürlich kritischer und analytischer gegenüber dem Medium, in dem man arbeitet.

Sie integrieren oft ein Selbstportrait oder Portraits Ihrer Familienmitglieder in derselben Ästhetik in Ihre Serien, warum?
Nun, zum einen ist es wichtig, sein Rechteeigentum zu sichern (lacht). Zum anderen ist es für landfremde Betrachter sehr leicht, zu glauben, das Leben, das ich führe, oder die Orte, die ich besuche, seien irgendwie exotisch. Irgendwie muss man das dann erden. Denn tatsächlich ist das ja meine Realität. Selbstinszenierung ist dafür essentiell. Es entzaubert.

Die Übersichtsausstellung von Pieter Hugo „Between the Devil and the Deep Blue Sea“ kann noch bis zum 23. Juli im Kunstmuseum Wolfsburg, Hollerplatz 1, besucht werden. Weitere Informationen gibt es unter (0 53 61) 2 66 90 sowie online unter www.kunstmuseum-wolfsburg.de.

Evelyn Waldt (SUBWAY Magazin – oeding magazin GmbH) / Fotocredit: Pieter Hugo, Priska Pasquer, Köln

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.