Premiere in Berlin (c) 2017 Constantin Film Verleih GmbH

Regisseur Jakob Lass »Kreativität braucht Risikobereitschaft statt Bedenkenträger.«

Interview mit Jakob Lass (Bildmitte)  zu „Tiger Girls“

Keine Förderung, kein Drehbuch und doch gelang Jungfilmer Jakob Lass mit „Love Steaks“ ein echter Coup. Die wichtigen Filmpreise hat er für sein Impro-Stück bekommen, über 100.000 Euro Preisgeld kassiert. Nun der zweite Streich. Erzählt wird von zwei ungleichen jungen Heldinnen, die eine schüchtern, die andere überaus selbstbewusst. Es geht um Gewalt, um Coolness und natürlich um den Sinn des Seins. Erschien das erste Werk noch im Eigenverleih, hat diesmal mit Constantin Film der größte deutsche Verleih zugegriffen. Für die Macher kein Grund sich ihre Kreativität abkaufen zu lassen – behauptet jedenfalls der Regisseur. Mit ihm unterhielt sich Dieter Oßwald.

Herr Lass, sehen Sie Ihr wildes Kino als Antwort auf die betuliche „Berliner Schule“ – die Neuköllner Schule sozusagen?
Wenn man so will! (lacht) Ich versuche einfach, meine Arbeit weiterzuentwickeln und möchte ausprobieren, wie weit man mit diesem Konzept gehen kann. Mich interessiert es, dokumentarische und erzählerische Elemente zu verbinden und beides mit Überhöhung zu kombinieren.

„Tiger Girl“ wird von Constantin Film, dem größten deutschen Verleih, in die Kinos gebracht: „Fack ju, Unabhängigkeit“?
Überhaupt nicht! Wir hätten das nie gemacht, wenn uns nicht alle künstlerischen Freiheiten zugesichert worden wären. Laut Vertrag hatte ich das Recht zum Final Cut. Wichtig ist, dass wir den Film selbst produziert und den größten Teil der Finanzierung selbst gestemmt haben. „Tiger Girl“ ist also voll und ganz unser Baby, wir blieben uns da absolut treu.

Bei „Love Steaks“ haben Sie bewusst auf Subventionen verzichtet. Weshalb haben Sie diesmal in den Film-Fördertopf gegriffen?
Wir hatten damals auf die Förderung verzichtet, weil uns diese bürokratischen Abläufe mit den ganzen Bedenkenträgern viel zu langatmig und umständlich sind. Wir waren alle Studenten und mussten nicht vom Filmemachen leben. Aber das lässt sich ja nicht ewig so machen. Man will nicht immer Student sein – und wie soll man ohne Geld Filme produzieren?

Wie waren die Erfahrungen in der Förder-Mühle?
Im Vergleich zu all den Grusel-Geschichten, die wir gehört hatten, waren unsere Erfahrungen sehr gut. Ich glaube, dass „Love Steaks“ da schon auch ein bisschen ein Weckruf gewesen ist. Immer mehr Filme bekommen Förderung, obwohl sie auch kein Drehbuch im klassischen Sinn haben. Hoffen wir, dass es fortan noch mehr Mut gibt, Filme zu unterstützen, die anders und besonders sind. Kreativität braucht Risikobereitschaft und keine Bedenkenträger.

(c) 2017 Constantin Film Verleih GmbH / Fogma

Knallhart: Tiger (Ella Rumpf) (c) 2017 Constantin Film Verleih GmbH / Fogma

Wie groß war der Erwartungsdruck nach dem gelungenen Coup mit „Love Steak“?
Das Schlimmste sind die eigenen Erwartungen, die man an sich selber hat. Man möchte ja nicht die Dinge, die beim ersten Mal gelungen sind, nur einfach wiederholen, sondern man will sich vor allem weiterentwickeln. Nach meinem Gefühl scheint das gelungen. „Tiger Girl“ ist ein ganz anderer Film als „Love Steaks“ geworden. Dennoch befinde ich mich noch immer auf demselben Pfad und erforsche dieselben Themen.

Wären Sie mit dem Prädikat „Mädchen-Film“ einverstanden?
Es geht in „Tiger Girl“ zwar vordergründig um zwei junge Frauen und ihre Freundschaft – aber in letzter Konsequenz um sehr viel größere Themen. Wie halten wir es mit unserer Wut? Kann man Gewalt legitimieren? Was bedeutet Sicherheit? Was macht eine Uniform mit ihrem Träger und was mit dem Betrachter?

Einer der ersten Kommentare zum Trailer auf YouTube lautet: „Es gibt keinen Grund für diesen Film. Es gibt schon genug asoziale Jugendliche.“
„Tiger Girl“ ist frei ab 16, die meisten Zuschauer dürften also in der Lage sein, reflektieren zu können. Wobei ich ohnehin nicht glaube, dass Filme jemanden gewalttätig machen. Die Ursachen dafür liegen viel mehr in frühkindlichen Erfahrungen oder dem Umfeld, in dem jemand aufwächst. Zudem lautet unsere Aussage keineswegs „Gewalt ist geil“ – sondern nach der überhöhten Darstellung zu Beginn kippt das Ganze ja genau ins Gegenteil.

Ihr Kollege Axel Ranisch dreht gerade seinen zweiten „Tatort“, der auf Improvisation statt Drehbuch setzt – gehört dem Format die Zukunft oder ist das nur ein momentaner Hype?
Für mich ist Improvisation mehr als nur ein Hype. Es ist eine Lebenseinstellung und hat ganz viel damit zu tun, wie man Kreativität begreift. Improvisieren kann ein sehr befreiendes Handwerk sein. Die große Resonanz darauf scheint mir ein Beleg dafür, dass die deutsche Filmbranche kreativ eingeschlafen und eingerostet war. Dieser Rost scheint zunehmend zu schwinden, die aktuellen Produktionen machen jedenfalls viel Hoffnung.

Dieter Oßwald (SUBWAY Magazin – oeding magazin GmbH) / Fotocredit: 2017 Constantin Film Verleih GmbH

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