(c) Björn Hickmann

Regisseur Mario Holetzeck im Interview zu Ibsens »Die Frau vom Meer«

Das Staatstheater Braunschweig feiert mit Vladimir Nabokovs „Der Pol“ in der Inszenierung von Christoph Diem und Henrik Ibsens „Die Frau vom Meer“, inszeniert von Mario Holetzeck, diese Woche eine Doppel-Premiere im Schauspiel. Wir haben beide Regisseure zu ihren Inszenierungen und der Umsetzung des spannenden Spielzeit-Mottos „Braunschweig liegt am Meer“ befragt.

Im ersten Interview berichtete Regisseur Christoph Diem von seinem musikalischen Schauspiel „Der Pol“. Mario Holetzeck spricht im Interview über seine Umsetzung von Henrik Ibsens Ehedrama „Die Frau vom Meer“. Das Schauspiel in fünf Akten von 1888 handelt von Ellida, die als Tochter eines Leuchtturmwächters schon immer eine tiefe Verbindung zum Meer hatte. Sie lebt als zweite Ehefrau eines Kleinstadt-Arztes mit dessen Töchtern in Norwegen, fühlt sich in der Ehe aber nicht wohl und lebt immer mehr ihrer Sehnsucht nach. Der Seemann, mit dem sie zehn Jahre zuvor eine Art geheime Verlobung auf offener See hatte, musste zwar plötzlich fliehen, bat sie aber, auf ihn zu warten. Als dieser nun zurückkommt, muss sich Ellida entscheiden.

Das Motto der Spielzeit „Meer“ ist ein wesentliches Motiv des Stücks. Wofür steht es?
„Die Menschen sind verwandt mit dem Meer. Möchten dorthin zurück … Das Meer beherrscht die Macht der Stimmungen, eine Macht, die wie ein Wille wirkt. Das Meer kann hypnotisieren. Das große Geheimnis ist die Abhängigkeit des menschlichen Willens vom ‚Willenlosen‘.“ – Henrik Ibsen. Im Zentrum der Geschichte steht Ellida Wangel, die „Frau vom Meer“, wie sie genannt wird. Sie glaubt an das Wirken schicksalhafter Kräfte. Die Tochter eines Leuchtturmwärters fühlt sich zum Urelement Wasser in Form des wilden Meeres hingezogen. Einst liebte sie einen finnischen Seemann, der sie mit zusammengeketteten Ringen, die er ins Wasser warf, an sich und das Meer binden wollte. Ellida aber bricht das Versprechen, indem sie den verwitweten Lungenarzt Dr. Wangel ehelicht und mit ihm in einen Badeort ans Ende eines Fjords zieht. Die Ehe ist von Anfang an belastet. Wangel suchte nur den Ersatz für seine verstorbene Frau und auch die Töchter Bolette und Hilde können den Tod der Mutter nicht verwinden. Vieles in dieser Beziehung scheint zerbrochen und aus dem Lot. Alle Figuren in diesem Stück sind verzweifelt suchende Menschen, die in den Strudel lebensverändernder Leidenschaft gezogen werden, im Kampf für einen Sinn des Lebens.

Das Drama thematisiert die Unvereinbarkeit von Freiheit und Sicherheit. Inwieweit ist es auch eine Stellungnahme zu aktuellen politischen Tendenzen?
Freiheit im Sinne von Selbstbestimmung und Sicherheit sind Grundbedürfnisse des Menschen. Aber die Grundwerte unserer westlichen Gesellschaft, die bisher beides garantierten, werden zunehmend erschüttert. Ein Gefühl wird fassbar, dass Freiheit und Sicherheit unvereinbar sind. Für jedes Stück Sicherheit verlieren wir ein Stück Freiheit. Dieser Grundwiderspruch bildet für mich die Essenz des Stückes „Die Frau vom Meer“. Mich interessieren Ibsens Figuren, ihre Zerrissenheit zwischen Selbstbestimmung und Geborgenheit, ihr Verlangen nach dem Abenteuer, dem Fremden und Unkonventionellen, das von Pragmatismus, gesellschaftlichen Konventionen und Angst unterdrückt wird.

Was hat Sie bei Ihrer Inszenierung besonders gefreut?
Das Schauspiel-Ensemble ist einfach toll. Mit ihnen zu proben und sich dem Stück inhaltlich zu nähern, hat mir während der sechswöchigen Zusammenarbeit richtig Freude gemacht.

Sie sind erst kürzlich vom Staatstheater Cottbus nach Braunschweig gekommen. Wie haben Sie sich hier eingelebt?
Neben meiner tollen Vermieterin und ihrem süßen kleinen Hund Momo bleibt mir kaum Zeit, Braunschweig kennenzulernen. Um 8 Uhr fahre ich mit dem Fahrrad ins Theater und komme kurz vor Mitternacht wieder nach Hause. Aber die Menschen, die ich hier kennengelernt habe, zeigen ein großes Herz und viel Empathie.

Welche Wünsche haben Sie für die Spielzeit?
Das neu formierte künstlerische Team um Intendantin Dagmar Schlingmann kann eine bereichernde Inspirationsquelle für diese Stadt und für die Menschen im Heute und Hier sein. Ich wünsche den Zuschauern und diesem kreativen, hochbegabten künstlerischen Team weiterhin einen tollen Start in die gemeinsamen zukünftigen Jahre.

Die Premiere von Henrik Ibsens „Frau vom Meer“ in der Inszenierung von Mario Holetzeck findet am Freitag, 17. November 2017, um 19.30 Uhr im Kleinen Haus des Staatstheaters Braunschweig, Am Theater, statt. Die Premiere von Vladimir Nabokovs „Der Pol“ in der Inszenierung von Christoph Diem mit der Musikalischen Leitung durch Oliver Ziegler findet am Samstag, 18. November 2017, um 20 Uhr im Aquarium des Staatstheaters Braunschweig, statt. Weitere Informationen, Tickets und Termine finden sich unter Telefon (05 31) 1 23 40 sowie online unter www.staatstheater-braunschweig.de.

Evelyn Waldt (SUBWAY Magazin – oeding magazin GmbH) / Fotocredit: Björn Hickmann

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