Bernhardine Bahri Kurstreffen So14

»SHOW UP 5« – eine internationale Gruppenausstellung

Eine Künstlergruppe bestehend aus 24 Kunstschaffenden nahm 2014 am Kurs eines bedeutenden deutschen Malers – Norbert Bisky – in der Salzburger Internationalen Sommerakademie teil. Wie der englische Name „SHOW UP 5“ impliziert, treten sie seitdem mit ihrem damaligen Dozenten einmal im Jahr mit einer Gruppenausstellung an die Öffentlichkeit und präsentieren einander, aber auch Interessierten der zeitgenössischen Malerei ein breites Spektrum ihrer Arbeiten – im aktuellen Jahr zum fünften Mal. Wir nahmen diese außergewöhnliche Zusammenkunft zum Anlass, um mit einer der ausstellenden Künstlerinnen, der Braunschweigerin Bernhardine Bahri, ein Gespräch über das ungewöhnliche Verhältnis der Ausstellenden, persönliche Erfahrungen bei der Internationalen Sommerakademie und ihre künstlerischen Schöpfungen zu führen.

Die Vernissage der internationalen Gruppenausstellung findet am Freitag, 19 Oktober um 19 Uhr in Anwesenheit der überwiegenden Anzahl der teilnehmenden Künstler im Studio Hoppe, Hamburger Straße 273B, Braunschweig statt und kann danach bis zum 2. November dienstags von 15 bis 20 Uhr sowie  donnerstags, freitags und samstags von 13 bis 17 Uhr besucht werden – der Eintritt ist kostenfrei. Neben den Malereien der ehemaligen Kursteilnehmer von Norbert Bisky werden auch einige Werke der Bildhauerin Sabine Hoppe zu sehen sein. Weitere Informationen finden sich unter: www.bernhardinebahri.de.

(c) Bernhardine Bahri

Neuland, (c) Bernhardine Bahri

Guten Tag Frau Bahri. Bitte erklären Sie uns, was in Ihren Augen „SHOW UP 5“ auszeichnet.
Die Zeitspanne 2014 bis heute: Es ist ein spannendes Projekt, ein Beispiel für 5 Jahre internationale Künstlergemeinschaft und Freundschaft, eine Vernetzung über Ländergrenzen hinweg. Dass eine Klasse über Jahre verbunden bleibt, gar eine eigene Ausstellungsreihe entwickelt, ist ungewöhnlich. Die diesjährige Gruppenausstellung ist dabei wie ein Zoom auf die jeweilige individuell-originelle Position zu verstehen.

Wie erklären Sie sich diese vier Jahre anhaltende Verbundenheit über Ländergrenzen hinweg?
Es ist ein ganz besonderer Glücksfall. Wir staunen selbst immer wieder darüber. Aleksandra Ianchenko organisierte die erste gemeinsame Gruppenausstellung in ihrer Heimatstadt Irkutsk in Sibirien, zu der wir ihr unsere Bilder noch per Post zuschickten. 2015 zeigten wir dem Berliner Publikum und einander neue Werke, 2016 fand die dritte gemeinsame Gruppenausstellung in München statt, 2017 die vierte in den Räumen des BBK Osnabrück. Als ich im Herbst 2017 den Mut fasste, für 2018 ein Treffen in Braunschweig vorzuschlagen und zu organisieren, war ich überwältigt von der Resonanz, der großen Freude und der Zustimmung der Gruppenmitglieder. Immerhin 18 von 24 werden auch zur Vernissage persönlich anwesend sein.

Warum eignen sich die Räumlichkeiten vom Studio Hoppe für die Gruppenausstellung?
Es war nicht einfach, in Braunschweig Räumlichkeiten zu finden. Ich bin Sabine Hoppe sehr dankbar dafür, dass sie diese Ausstellung in ihrer Galerie ermöglicht und unterstützt. Angesichts der großen Zahl der teilnehmenden Künstlerinnen und Künstler wird dieses Jahr eng zusammengerückt – die Ausstellungsfläche des Studios ist begrenzt. Keine Arbeit darf größer sein als ein Quadratmeter, das ist in diesem Jahr die Bedingung für alle Teilnehmer.

(c) Bernhardine Bahri

Einraum, (c) Bernhardine Bahri

Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede nehmen Sie zwischen den einzelnen Werken wahr?
Künstler sind Individualisten, ihre Arbeiten sind Ausdruck der individuellen Persönlichkeit, geprägt durch eine ganz persönliche Handschrift, eigene Lebenserfahrungen und unterschiedliche Herkunft. Deshalb arbeiten wir alle sehr verschieden. Inwieweit man einen Einfluss von Norbert Bisky erkennen kann, können wohl nur Außenstehende beurteilen. Gemeinsam ist uns die Arbeit an der persönlichen Weiterentwicklung, am Herausfinden der eigenen Stärken und des persönlichen Stils. Durch die jährliche Zusammenkunft haben wir unsere Veränderung seit Salzburg 2014 im Blick. Wir können uns den aktuellen Stand der Arbeit zeigen und in einem gemeinsamen Forum die persönliche künstlerische Weiterentwicklung vorstellen und diskutieren.

Weshalb würden Sie anderen Künstlern empfehlen, an der Sommerakademie teilzunehmen?
Die Internationale Sommerakademie in Salzburg, 1953 von Oskar Kokoschka gegründet und von ihm stets als eine „Schule des Sehens“ betrachtet, hat unter Bildenden Künstlern einen hervorragenden Ruf. Bekannte Kreative sollten Wissbegierigen Einblicke in spezielle Arbeitsweisen geben. Das ist bis heute so geblieben. Sie ist eine der ältesten und beliebtesten ihrer Art und versammelt alljährlich rund 300 Teilnehmer aus aller Herren Länder in Sommerkursen auf der Festung Hohensalzburg. Gut zwei Drittel der Teilnehmer sind professionelle Künstler oder Kunststudierende. Für jeden Kurs muss eine Bewerbung mit Portfolio eingehen. Eine Sommerakademie bietet die Möglichkeit, für längere Zeit aus dem normalen Alltag auszuscheren, sich nur mit künstlerischen Fragen und dem eigenen Kunstschaffen auseinanderzusetzen. Dabei ist die Atmosphäre hinter den dicken Festungsmauern besonders anregend, zeitgleich finden die Salzburger Festspiele statt mit der Möglichkeit von Konzertbesuchen und Open Air Übertragungen.

(c) Bernhardine Bahri

Mercato, (c) Bernhardine Bahri

Was macht Norbert Bisky für Sie zu einem der bedeutendsten zeitgenössischen Künstler Deutschlands?
Norbert Bisky, 1970 in Leipzig geboren, lebt und arbeitet in Berlin. Er studierte an der Universität der Künste Berlin sowie unter anderem in Madrid und Salzburg. Seine Bilder sind in zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland zu sehen und gehören zum Teil zur Sammlung des New Yorker MoMA. Er ist ein zentraler Vertreter des Neuen Realismus. Persönliche Erfahrungen von erlebtem Terror, Reisen nach Brasilien sowie Einflüsse aus der Medienwelt formuliert der Künstler mit farbintensiven Tönen zu Szenen von Schönheit, Sexualität, Gewalt und Zerstörung. Viele Arbeiten thematisieren Ängste und Verfall und zeigen damit einen ungeschönten Blick auf unsere Gegenwart, auf unsere immer komplexer und undurchschaubarer werdende Welt.

Inwiefern hat Sie die Teilnahme an der Klasse von Norbert Bisky im Sommer 2014 geprägt – als Künstlerin und Person?
„Figur. Grund. Wahrnehmung“ nannte sich unser Kurs, der auch philosophische Fragen streifte. Wir beschäftigten uns mit dem Verhältnis von Wahrnehmung und Bildfindung: Wie und was nehmen wir in unserer Umwelt wahr, wie entsteht davon ein Bild in unserem Kopf und in welcher Relation steht es zu dem Bild, das wir auf die Leinwand oder das Papier bringen? Die Arbeit in der Gruppe war geprägt von konzentriertem Arbeiten, aber auch gegenseitigem Interesse, Tipps und Hilfestellungen und das zwölf Stunden am Tag. Norbert Bisky und seine Assistenten Markus Proschek und Céline Burnand waren offen für alle Fragen und bereit, jedem durch individuelle Gespräche und Beispiele aus der aktuellen Kunstszene neue Blickwinkel und Gedankenanstöße zu geben, in gemeinsamen Foren aber auch Positionen kritisch zu hinterfragen. Dies hat, verbunden mit Aktstudien am Vormittag, Mittagsvorträgen der Dozenten und dem Besuch des Kurators und Autors Marc Gisbourne, mein Wissen in drei Wochen ungeheuer bereichert, mich klarer erkennen lassen, was meine Stärken sind und mir Mut gemacht, neue Wege zu beschreiten und Dinge auszuprobieren. Das Problem der Wahrnehmung und der künstlerischen Umsetzung auf ganz unterschiedlichen Wegen in Collagen oder Malerei beschäftigt mich auch heute noch intensiv.

(c) Bernhardine Bahri

Tabak, (c) Bernhardine Bahri

Wann haben Sie Kunst zu Ihrer Passion erklärt und was hat Sie damals dazu bewegt?
Geprägt hat mich mein Elternhaus und der Einfluss meines Vaters, der neben seinem Beruf als Dekorationsmeister und Innenarchitekt viel Zeit mit Entwürfen und ornamentalen Zeichnungen verbrachte und mich schon früh mit den Kunstschätzen meiner Heimatstadt Siegburg, Köln und der rheinischen Umgebung bekannt machte. Kunst und Werken waren dann auch meine Studienschwerpunkte und Schwerpunkt meiner Lehrtätigkeit in Grund- und Hauptschule. Dem eigenen Schaffen habe ich erst ab 2007 wieder bewusst viel mehr Raum eingeräumt.

Welche Entwicklung sehen Sie zwischen den Werken aus Ihrer Anfangszeit und Ihrer heutigen Kunst?
Die schwierigste Frage ist die nach dem Blick aufs eigene Werk. Lange ging es mir um die Vervollkommnung künstlerischer Techniken und die Wiedergabe von Realität – um das Handwerk. Kunst kommt von Können. Malerisch umzusetzen, was sich hinter dem Sichtbaren verbirgt, fordert mich immer wieder heraus. In meinen Collagen werde ich immer freier und mutiger. Es sind heute teils abenteuerliche Kombinationen, auf denen es viel zu entdecken und zu sinnieren gibt.

In Ihrem Portfolio finden sich Collagen, Malereien, Monotypien und Objekte wieder. Woher nehmen Sie die Inspiration zu Ihren vielfältigen Werken und welchen Einfluss nehmen aktuelle Gegebenheiten auf Ihr künstlerisches Schaffen?
Meine Ölbilder basieren in der Mehrzahl auf eigenen Beobachtungen, Erlebnissen und Reiseerfahrungen. Außerdem beschäftigt mich die Darstellung von Kindern in ihrer jeweiligen Zeit – 1920, 1955, 2000. Die Collagen sind im Kern Reproduktionen von fotografischen Vorbildern realer Ereignisse, Motive und Orte, die teilweise als Bilder in die mediale Öffentlichkeit gelangten und im kollektiven Gedächtnis verankert sind. Sie sind spielerisch leicht und farbenfroh, erfassen aber auch immer präzise den Charakter der Menschen, ihrer Beziehungen und die Atmosphäre des Raumes, der sie umgibt. Meine Kunst ist nicht nur als dekorativer Selbstzweck zu sehen, sondern verfolgt einen sozialkritischen politischen Ansatz als Diskussionsanreiz. Es geht um den Glanz von Macht, Politik, Konsum und Werbung, wie auch um die Mahnung zügelloses Konsumverhalten und den Umgang mit den Ressourcen unserer Erde in Frage zu stellen. Monotypien sind eine Form von Spiel mit dem Zufall und eröffnen mir einen Weg auch bei der Ölmalerei losgelöster vom Realen zu arbeiten. Die Objekte beziehen sich immer auf spezielle Ausstellungsorte wie beispielsweise das Torhaus am Botanischen Garten oder den Gewölbekeller in der Altstadt von Quedlinburg.

(c) Bernhardine Bahri

o. T., (c) Bernhardine Bahri

Was möchten Sie in Ihrem Publikum bewirken?
Wenn ich es schaffe, dass der Betrachter ein wenig vor meiner Arbeit verweilt, nachdenkt oder schmunzelt, habe ich viel erreicht.

Inwiefern hat die Braunschweiger Kunstszene Ihren künstlerischen Werdegang beeinflusst und was halten Sie für verbesserungswürdig?
Ganz besonders beeinflusst hat mich der Braunschweiger Künstler Lars Eckert, der mich über viele Jahre in meiner persönlichen künstlerischen Entwicklung gefördert hat. Kennengelernt haben wir uns im Herzog Anton Ulrich Museum beim „Zeichnen vor den alten Meistern“ und fortgesetzt hat es sich bis 2017 im Gasthörerstudiengang der HBK Braunschweig unter seiner Leitung. Es ist äußerst bedauerlich, dass dieser Studiengang ohne wirklich nachvollziehbare Gründe am Ende des Sommersemesters 2017 von heute auf morgen eingestellt wurde und damit eine Möglichkeit entfiel, sich hier in Braunschweig mit anderen in einer Gruppe und regelmäßig künstlerisch auszutauschen. Schön wäre außerdem, wenn die hiesigen Medien mehr über die regionale Kunstszene berichten und damit ihren Beitrag zur Förderung des Interesses an der Bildenden Kunst in Braunschweig leisten würden.

Wie sehen Ihre kurzfristigen und langfristigen Zukunftspläne aus, ist das nächste Kunstprojekt bereits in Planung?
„Summa_folia – Collagen“ heißt meine kommende Ausstellung im „Kunstquartier“, den Räumen des BBK Osnabrück vom 12. Oktober bis 3. November 2018. Die Vernissage ist am Freitag, 12. Oktober 2018 um 19 Uhr. Gern würde ich aber auch wieder einmal in Braunschweig ausstellen.

Haben Sie vielen Dank für das informative und angenehme Gespräch.

Viktoria Knapek (SUBWAY Magazin – oeding magazin GmbH) / Fotocredit: Bernhardine Bahri

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