Spinosaurus: Braunschweigs „Burgdrache“ - REGIO-BLICK
(c) Naturhistorisches Museum Braunschweig

Spinosaurus: Braunschweigs „Burgdrache“

Er war wohl einer der erschreckendsten Raubsaurier der Erdgeschichte: Der Spinosaurus, der mit dem Tyrannosaurus und dem Gigantosaurus zu den größten fleischfressenden Theropoden überhaupt gehörte, hat nach einem Skelettfund in Marokko global neue Aufmerksamkeit bekommen. Berühmtheit erlangte der beeindruckende Spinosaurus nicht nur aufgrund seines großen Rückensegels – auch seine dem Tyrannosaurus Rex überlegene Darstellung hat sich in den Köpfen verankert.

Eine Sonderausstellung des Staatlichen Naturhistorischen Museum Braunschweig widmet sich seit dem 14. April dem „rätselhaften Riesen“, dessen Überreste erstmals schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts ausgegraben wurden. Gezeigt wird in der Burg Dankwarderode unter anderem ein vollständig rekonstruiertes Spinosaurus-Skelett. Dieses und zahlreiche weitere Exponate können am Burgplatz 4 noch bis zum 15. Juli Dienstags bis Sonntags zwischen 10 und 17 Uhr bestaunt werden. Der Biologe und Paläontologe Ulrich Joger, Direktor des Naturhistorischen Museums, gab für REGIO-BLICK Auskunft über die Ausstellung, darüber wie sich unsere Vorstellungen des Spinosaurus mit den neuen Funden verändert haben und wie die Hürde zwischen fundiertem Faktenwissen und Spekulation zu überwinden ist.

Herr Joger, Wie kommt es zu der Ausstellung hier in Braunschweig, was ist der Hintergrund?
Spinosaurus lebte in Nordafrika. Dort haben wir Braunschweiger Paläontologen auch viel geforscht. Im März 2018 waren wir am Originalfundort von Spinosaurus in Ägypten und haben dort auch Dinosaurierknochen gefunden. Diese blieben allerdings in Ägypten. Die Knochen in der Ausstellung sind aus Marokko.

Was sind die Highlights der Ausstellung?
Das gezeigte Spinosaurus-Skelett ist eine ganz neue Rekonstruktion. Dadurch verändert sich das Bild von diesem Saurier erheblich. Er wird jetzt als schwimmfähiger Dino gesehen. Er ist aber immer noch der größte aller bekannten Raubsaurier. Fast ebenso groß ist Carcharodontosaurus, von dem ein Schädel und eine Kopfrekonstruktion in der Ausstellung zu sehen sind. Außerdem weitere Raubsaurier, Krokodile und Riesenfische.

Welche Herausforderungen gab es bei der Beschaffung und Zusammenstellung der Exponate?
Die ursprünglichen Knochen von Spinosaurus sind im Zweiten Weltkrieg in München verbrannt. Erst vor einigen Jahren hat der Paläontologe Nizar Ibrahim in der marokkanischen Wüste neue gefunden. Die Herausforderungen waren dabei das Aufspüren der richtigen Stelle, was als eine Art Detektivarbeit zu verstehen ist, und das Zusammenpuzzeln der ganzen verschiedenen Knochenstücke zu einem Skelett.

(c) Nizar Ibrahim

(c) Nizar Ibrahim

Warum findet die Ausstellung in der Burg – nicht im Naturhistorischen Museum – statt?
Im Naturhistorischen Museum fehlt der Platz für so eine große Ausstellung.

Welche Schwierigkeiten mussten bei der Organisation und Installation der Ausstellung bewältigt werden?
Zunächst mussten wir die Ausstellung aus Spanien nach Deutschland schaffen, was schon mit unvorhersehbaren Schwierigkeiten verbunden war. Zwar stellte uns die Installation im historischen Rittersaal der Burg dann vor Probleme – alles musste die Treppe hochgeschafft werden, es durften keine Wände angerührt werden, eine neue Lichtinstallation war nötig und so weiter – doch hat die Burg auch viele Vorteile. Sie ist direkt im Zentrum am Burgplatz und die Wirkung auf die Betrachter ist grandios. Spino sieht ja aus wie ein Burgdrache.

Spinosaurus-Knochen wurden erstmals schon 1912 in Ägypten entdeckt. Dennoch war er lange Zeit nicht so populär wie die allgegenwärtigen Tyrannosaurus, Triceratops oder Stegosaurus.
Ja, das lag wohl daran, dass die Knochen nach dem Krieg verloren waren, wie eben erwähnt, und dass er nicht in den USA vorkam wie die drei genannten. Erst „Jurassic Park“ hat ihn wieder populär gemacht.

(c) Naturhistorisches Museum Braunschweig

(c) Naturhistorisches Museum Braunschweig

Warum faszinieren uns Fleischfresser eigentlich mehr als Pflanzenfresser?
Sie machen natürlich mehr „Action“, waren wohl auch intelligenter.

Wie kommt es, dass Spinosaurus in den letzten Jahren so viel mediale Aufmerksamkeit bekommt –etwa dargestellt im Film „Jurrassic Park 3“ oder eben in der aktuellen Ausstellung?
Wahrscheinlich, weil er mit seinem Rückensegel so bizarr aussieht. Und er ist deutlich größer als T.rex.

Wie nah kommt die Darstellung des Spinosaurus in „Jurrassic Park 3“ dem  wissenschaftlichen Bild des Tiers?
Die neue Rekonstruktion zeigt heute ein anderes Bild als „Jurassic Park“. Spinosaurus lief wohl keine großen Strecken aufrecht über das Land, sondern hielt sich am Ufer und im Wasser von Flüssen auf.

(c) Christian Wersig

(c) Christian Wersig

Welche Vorteile hätte ihm diese Lebensweise im und am Wasser gegeben?
Es gab mindestens drei landlebende Raubsaurier im gleichen Gebiet. Spinosaurus konnte ihnen aus dem Weg gehen, indem er sich eine andere Nahrungsquelle erschloss, beispielsweise Fische. Große Fische waren im Gebiet reichlich vorhanden.

Wie kann man Lebensweise und Aussehen dieser urzeitlchen Räuber überhaupt realistisch und objektiv nachvollziehen?
Wissenschaftliche Rekonstruktionen sind immer Annäherungen. Wenn es gut läuft, verbessert jede neue Rekonstruktion das Bild, das heißt sie wird immer realistischer. Die Grundlage dafür sind neue Forschungsergebnisse.

Wie überwinden Paläobiologen überhaupt die Hürde zwischen Spekulation und Wissenschaft?
Man darf sich nicht verleiten lassen, die Fantasie zu weit ausschweifen zu lassen. Wenn die Datenlage für einen Fischfresser spricht, wird das Tier eben nicht im Kampf mit anderen Raubsauriern um die Beute dargestellt, obwohl das dramaturgisch toll wäre.  Auch bei der Farbgebung hält man sich zurück, da darüber nichts bekannt ist. Der Dialog mit Kollegen ist dabei wichtig, um seine eigene Meinung auf den Prüfstand zu stellen.

(c) Naturhistorisches Museum Braunschweig

(c) Naturhistorisches Museum Braunschweig

Welche Vorteile beziehungsweise Nachteile hätte der Spinosaurus denn gegenüber dem ebenso beeindruckenden Tyrannosaurus rex gehabt? Haben diese beiden Dinosaurier überhaupt in derselben Zeit und Gegend gelebt?
Spinosaurus lebte 30 Millionen Jahre vor Tyrannosaurus. Außerdem lebte T.rex in Nordamerika, Spinosaurus in Nordafrika. Im Gegensatz zu T.rex hatte Spinosaurus kräftig entwickelte Vorderbeine, mit denen er Beute packen konnte. T.rex hatte extrem kräftige Hinterbeine, konnte aber nicht schwimmen wie Spinosaurus.

Welche zusätzlichen Informationen erhalten Ausstellungsbesucher, die eine Führung buchen?
Unsere Führer sind Studenten, die selbst an Fossilgrabungen teilnehmen. Sie können also aus eigener Erfahrung berichten. Auch können sie erzählen, wie die Knochen präpariert werden.

Herr Joger, welcher ist ihr persönlicher Lieblingsdinosaurier und warum?
In unserer Ausstellung ist das der eher kleine Raubsaurier Rugops. Er wirkt auf mich wie ein Dino-Hund, den ich gern privat zu Hause halten würde. Die Versicherungsprämie wäre aber wohl erheblich, denn größer als ein Mensch ist er schon gewesen.

Besten Dank für das Interview!

Benyamin Bahri (SUBWAY Magazin – oeding magazin GmbH) / Fotocredit: Naturhistorisches Museum Braunschweig

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