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Thomas Spork im Interview zum Charity-Projekt-Löwenzahn

Vergangenen Monat rief die Braunschweiger Initiative Weihnachten für alle ein neues Projekt für Obdachlose und Bedürftige in der Region Braunschweig-Wolfsburg ins Leben – den Löwenzahn. Die Idee dahinter entstammt einer italienischen Tradition, dem „caffè sospeso”, die ihren Ursprung in Neapel hatte. Heutzutage ist sie unter dem Namen „suspended coffee“ weltweit bekannt: Ein Kunde bezahlt in einem Lokal für zwei Kaffee, konsumiert jedoch nur einen. Dabei wird das zusätzlich erworbene Getränk für einen Bedürftigen aufgehoben, das er zu einem späteren Zeitpunkt verzehren kann.

Seit 2016 setzt sich Weihnachten für alle für die Belange von armen und wohnungslosen Menschen ein. Inzwischen befindet sich die Initiative sogar in der Gründungsphase zum angehenden Verein. Ein Gespräch mit dem Projektleiter Thomas Spork bringt Licht ins Dunkel, was sich genau hinter Weihnachten für alle und dem zugehörigen neuen Projekt verbirgt.

Guten Tag Herr Spork, bitte erklären Sie uns kurz, in welcher Verbindung der angehende Verein Weihnachten für alle zum Projekt Löwenzahn steht.
Der Löwenzahn ist der Versuch von Weihnachten für alle, auch unterjährig Hilfe zu leisten und nicht nur zum Jahresende. Wir verstehen uns als Sprachrohr der Armen und Obdachlosen und wollen, dass sie und ihre Belange gehört und gesehen werden.

Warum wurde der Name Löwenzahn gewählt, worauf nehmen Sie damit Bezug?
Wir haben das Projekt aus zwei Gründen Löwenzahn genannt: Zum einen, weil es dabei um mehr als nur Kaffee gehen soll. Wir wollen, dass auch andere Produkte wie Softdrinks, belegte Brötchen, Pizzas oder Suppen gespendet werden können. Zum anderen soll sich die Hilfe ähnlich wie beim Löwenzahn oder der Pusteblume verbreiten. Es genügt ein zarter Hauch als Anstoß und schon geht der Samen der Hilfe auf die Reise, wobei man nie genau weiß, wohin er weht. Wenn ich als Kunde ein Produkt spende, weiß ich nicht genau, wem ich damit helfe, ich weiß nur, dass meine Hilfe ankommen wird.

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(Foto: Café Bruns)

Wie und wo wird dieses Projekt in Braunschweig und Wolfsburg konkret umgesetzt?
Inzwischen haben wir zwölf teilnehmende Geschäfte am Löwenzahn, elf in Braunschweig und eines in Wolfsburg. In Wolfsburg ist es das Tête-à-Tee in der City-Galerie. In Braunschweig nehmen zurzeit das Café Bruns, das Deli Circle, das Café Piccolo, BellyButtonFood, das Schnittchen, das Café Kreuzgang, das Riptide, das Café Drei, das Soldekk, Miner’s Coffee und das Café Fischer teil. Wir hoffen, dass sich noch weitere Cafés, Restaurants und andere Geschäfte am Löwenzahn beteiligen.

Welche Lokale können sich am wohltätigen Projekt beteiligen? Welche Voraussetzungen müssen hierfür erfüllt sein?
Im Prinzip kann sich jedes Lokal beteiligen, wir stellen alle erforderlichen Materialien zur Verfügung und machen Werbung für die Teilnehmer. Es entstehen für die Beteiligten keinerlei Verpflichtungen oder Auflagen. Jeder Gastronom, der seine Gäste dazu ermuntern möchte, etwas für Bedürftige zu spenden und die gespendeten Produkte anschließend auszugeben, ist herzlich eingeladen, am Löwenzahn teilzunehmen.

Wer kann das aufgeschobene Getränk oder die Speise in Anspruch nehmen? Müssen sich die Bedürftigen in irgendeiner Art ausweisen oder rechtfertigen, weshalb sie Anrecht auf die Wohltat haben?
Nein, das wollen wir ganz bewusst nicht. Jeder, der nach einem gespendeten Produkt fragt, wird seine Gründe dafür haben. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Hemmschwelle, nach einer Spende zu fragen, sehr hoch ist. Für die Bedürftigen ist es sehr unangenehm, in einem Geschäft zu „betteln“. Wir hoffen, dass wir mit dem Löwenzahn hier eine Brücke bauen können. Darüber hinaus überlassen wir die „Spielregeln“ den teilnehmenden Geschäften: Wenn beim Gastronom Zweifel an der Redlichkeit der Fragenden besteht, können sie die Herausgabe der Produkte auch verweigern.

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(Foto: Loewenzahn)

Was hat Sie dazu bewogen, Weihnachten für alle zu gründen?
Als wir im Jahr 2016 mit der Initiative Weihnachten für alle begannen, wollten wir armen und obdachlosen Menschen zur Adventszeit statt einer Geldspende unsere Arbeit zur Verfügung stellen. Wir haben dann sehr schnell festgestellt, dass die Themen „Armut“ und „Wohnungslosigkeit“ oftmals übersehen, ignoriert, verschwiegen oder stigmatisiert werden. Dass es so wenig Hilfe für Betroffene dieser Problematiken gibt, hat uns dazu bewogen, weiterzumachen und dauerhaft zu helfen. Unter dem Dach der Bürgerstiftung Braunschweig haben wir dann als bürgerschaftliche Initiative weiterarbeiten können.

Warum hat in der Braunschweiger und Wolfsburger Region eine derartige Initiative gefehlt?
Es gibt schlichtweg zu wenig Hilfe für diesen Bereich. Die ärmsten Mitglieder unserer Gesellschaft müssen gehört und gesehen werden, denn Armut und Wohnungslosigkeit sind nicht allein ein Mangel an wirtschaftlich messbaren Dingen. Die oftmals viel größere Problematik der Betroffenen entsteht aus den Gefühlen von Ohnmacht, Ausweglosigkeit, Schutzlosigkeit und Ausgrenzung. Dem gilt es entgegenzutreten, damit die ärmsten Mitglieder der Gesellschaft angemessen wahrgenommen werden.

Welche Ziele möchten Sie kurzfristig und langfristig erreichen?
Weihnachten für alle will sowohl die Themen „Armut“ und „Wohnungslosigkeit“ als auch die davon betroffenen Personen zurück in die Gesellschaft bringen. Deshalb wollen wir den Betroffenen auf Augenhöhe begegnen und für sie zum Sprachrohr werden. Wir wollen auf die Thematik aufmerksam machen – und das in immer neuen und zeitgemäßen Formen, die das Interesse der Mitmenschen wecken. Nur wer wahrgenommen wird, hat auch Aussicht auf Lösungen. Dazu bedienen wir uns moderner Methoden und Medien, um auf die Anliegen der Betroffenen aufmerksam zu machen. Aufmerksamkeit soll dabei kein Selbstzweck sein. Die Anliegen müssen stattdessen so platziert werden, dass sie sowohl bürgerliches Engagement wecken als auch relevante Entscheidungsträger von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft erreichen.

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(Foto: Miner’s Coffee)

Es wird eine Kooperation mit der App Einkaufshelden angestrebt. Wie wird diese aussehen?
Die Einkaufshelden-App soll Menschen dabei helfen, passende Produkte in der Stadt zu finden. Die Idee der Einkaufshelden ist aber auch, die Stadt als funktionierende Gesamtheit vieler Menschen zu stärken. Diese Menschen können Kunden, Besucher, Reisende, Geschäftsleute, Gastronome oder anderes sein. Nur wenn diese Gemeinschaft als Ganzes funktioniert, kann auch die Stadt funktionieren. Der Gastronom braucht den Einzelhändler genauso wie die Kunden oder die Touristen. Wenn man zukünftig als Kunde innerhalb der Einkaufshelden-App nach Produkten sucht, soll man auch Gelegenheit haben, etwas für Bedürftige spenden zu können. Denn auch die wirtschaftlich schwächer Gestellten sind Teil unserer Gemeinschaft in der Stadt. Gemeinsam mit den Einkaufshelden wollen wir dabei helfen.

Eine weitere Aktion im Rahmen der Initiative ist eine Fotoausstellung der Weihnachtswünsche von Bedürftigen. Wie erfahren Sie, was sich diese Menschen genau wünschen? Gibt es eine Frist, bis wann sich Bedürftige mit Ihren Wünschen an Sie wenden können?
Wir kooperieren hier zum einen mit der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften in Wolfenbüttel und zum anderen mit der Diakonischen Gesellschaft Wohnen und Beraten in Braunschweig. Die Diakonische Gesellschaft betreibt Stadtteilläden wie das “Iglu” in Braunschweig. Dies ist eine Tagesstätte für Obdachlose, wo sie Getränke, Essen, Kleidung, Zeitungen, Ansprache erhalten, genauso wie professionelle Hilfe bei Behördenangelegenheiten, Erkrankung oder Süchten. In diese Einrichtungen gehen die Studenten der Sozialen Arbeit und befragen die Besucher nach ihren Wünschen zu Weihnachten. Sie bitten sie dann, diese Wünsche aufzuschreiben und machen anschließend Fotos von diesen Wunschzetteln. Aus den Wunschzetteln machen wir dann eine Ausstellung, bei der die Besucher „Wunscherfüller“ werden können, indem sie die gezeigten Wünsche erfüllen. Die Studenten kündigen ihre Besuche in den Einrichtungen im Herbst rechtzeitig an, sodass die Besuche sehnsüchtig erwartet werden und gut besucht sind. Auf diese Weise haben wir im vergangenen Jahr 89 Wünsche zusammengetragen und auch erfüllen können. Auch in diesem Jahr planen wir wieder eine solche Ausstellung. Die genauen Öffnungszeiten werden wir der Öffentlichkeit rechtzeitig mitteilen, um auch dieses Mal wieder alle Wünsche erfüllen zu können.

Weihnachten für alle mündet in einer gemeinsamen Feier mit Bedürftigen. Was hat sie dazu motiviert, jährlich eine solche Feier zu organisieren?
Schon bei unseren ersten Aktionen 2016 ergab sich recht bald für uns die Gelegenheit, eine eigene Weihnachtsfeier auszurichten. Das entstand aus der Tatsache, dass viele Geschäfte zwar kein Geld, aber Getränke oder Lebensmittel spendeten. Deshalb haben wir uns dann kurzfristig dazu entschlossen, diese Spenden für eine Feier zu verwenden. Thomas Hirche, der Direktor des Theaters Das KULT bot uns an, zu ihm ins Theater zu kommen. Es war eine richtig tolle Feier, die wir auch im Jahr darauf wieder veranstaltet haben. Schon bei der ersten Feier haben wir erkannt, wie wenig solche Hilfe angeboten und wie dringend sie benötigt wird. Wir haben seitdem das Gefühl, die ärmsten Menschen in Braunschweig brauchen unsere Hilfe und unser Weihnachtsfest. Diese Verantwortung übernehmen wir gerne und organisieren 2018 unsere dritte Weihnachtsfeier.

Weihnachten für alle

(Foto: Loewenzahn)

Wie hat sich die Initiative seit der ersten Feier entwickelt?
Für unsere Aktionen sind wir 2017 mit dem Sozialtransferpreises der IHK Braunschweig und 2018 mit dem Marketing-Löwen ausgezeichnet worden. Das hat uns viel Zulauf, Hilfsangebote und Spendengelder gebracht. Auf diese Weise ausgestattet, haben wir uns dann an weitere Projekte wie beispielsweise den Löwenzahn gewagt. Wir sahen in diesem Jahr den Zeitpunkt gekommen, einen eigenen Verein zu gründen. In den kommenden Tagen findet die Gründungsversammlung des Vereins Weihnachten für alle statt. Der Verein wird unsere Möglichkeiten zur Hilfe sicher nochmal verbessern, sodass wir uns an weitere und möglicherweise noch größere Projekte wagen können.

Welche Pläne bestehen momentan für das anstehende Fest im Jahr 2018 und welche anderen Veranstaltungen sind geplant?
Wir haben 2017 festgestellt, dass die circa 150 Besucher Das KULT an seine Belastungsgrenze brachten. Wir erwarten in diesem Jahr eine weitere Steigerung der Besucherzahl und suchen deshalb derzeit nach einer anderen Lokalität für etwa 200 Gäste. Das gestaltet sich recht schwierig und wir suchen noch nach Lösungen. Neben dem Wunscherfüller arbeiten wir gerade an einem Projekt, bei dem wir Obdachlose zurück in Arbeit bringen wollen. Es handelt sich dabei zunächst um einen Versuch und wir sind selbst gespannt auf die Ergebnisse. Ob uns dieser Versuch gelingt, hängt sicherlich von vielen Faktoren ab, daher haben wir uns keine festen Ziele gesetzt. Nach der Vereinsgründung planen wir eine weitere Ausbaustufe des Löwenzahns. Dazu will ich im Moment noch nicht zu viel verraten, da wir hier derzeit die Gespräche mit möglichen Kooperationspartnern führen. Sollten die positiv verlaufen, hoffen wir darauf, unsere Hilfe durch den Löwenzahn noch mehr verstetigen und auch in andere Städte tragen zu können.

Herzlichen Dank für das informative und angenehme Gespräch!

Viktoria Knapek (SUBWAY Magazin – oeding magazin GmbH) / Fotocredit: Café Bruns

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