Was kann man vom Profiboxen über den Büroalltag lernen?

Interview: Ex-Boxweltmeisterin Ina Menzer trainiert Mitarbeiter der Öffentlichen Versicherung Braunschweig

Was haben eigentlich eine Boxkarriere und der Büroalltag in einer Versicherung miteinander gemeinsam? Eine ganze Menge, behauptet die 17-fache Ex-Boxweltmeisterin Ina Menzer. Denn letztendlich geht es bei allem im Leben um Motivation und konkrete Ziele. Heute lässt sie statt ihren Fäusten ihre eigenen Erfahrungen sprechen und spricht als Gastrednerin sehr offen darüber, „wie man dem inneren Schweinehund ein Schnippchen schlagen kann“. Auch bei der Öffentlichen Versicherung Braunschweig spricht Ina Menzer vor den Mitarbeitern und bietet ein exklusives Boxtraining an: „Raus aus dem Büro, rein in die Sportkleidung“. Wir haben vorab mit der Weltmeisterin gesprochen – über den einzigen verlorenen Kampf ihrer Karriere, den tragischen Unfall des Gifhorner Boxers Eddy Gutknecht, kleine Tricks für Sportmuffel und darüber, welchen Promi sie selbst gern mal im Ring herausfordern würde.

Frau Menzer, diese Frage bekommen Sie wahrscheinlich sehr häufig zu hören – aber wie kommt man als junge Frau überhaupt dazu, in den Boxsport zu gehen?

Ich bin gemeinsam mit zwei Jungs aufgewachsen – wahrscheinlich hatte ich keine andere Wahl, um mich zur Wehr zu setzen. Ich musste mich auch körperlich gegen die beiden behaupten (lacht). Diese Frage bekomme ich tatsächlich oft gestellt und ehrlich gesagt weiß ich es wirklich nicht. Mit zehn Jahren habe ich mich bereits für Kampfsport interessiert. Außerdem konnte ich mich als kleines Mädchen sehr für Karate- und Kung-Fu-Filme begeistern. Meine Vorbilder waren Jean-Claude van Damme und Jackie Chan. So bin ich irgendwie reingewachsen.

Welcher Weg hat Sie vom Jackie-Chan-Fan schließlich zur Weltmeisterin geführt?

Ich habe tatsächlich mit zehn Jahren mit Kung-Fu angefangen und war noch weit davon entfernt, mich für den Boxsport zu begeistern – geschweige denn, ihn selbst auszuüben. In meiner Vorstellung damals passten Boxen und Frauen nicht zusammen, weil diese Sportart viel zu brutal für eine Frau ist. Davon bin ich ausgegangen, bis ich selbst mehr oder weniger durch Zufall die erste Boxstunde genommen habe. Von da an war ich vom Boxsport fasziniert und habe mich immer mehr dafür interessiert. Denn man kann diesen Sport nur verstehen, wenn man ihn mal selbst ausgeübt hat.

Und wie kam es dann zum Sprung auf die professionelle Ebene?

Langsam habe ich damals auch angefangen, mich für die großen Boxkämpfe zu begeistern, zum Beispiel für die Klitschkos. Es wurde ein ganz großes Ziel, selbst mal einen solchen Kampf zu bestreiten. Ich wollte auch mein Können auf einer großen Bühne zeigen. Da, wo sich Männer und Frauen gegenüberstehen und der Bessere gewinnt. Trotzdem hätte ich mir nie träumen lassen, dass ich dieses Ziel wirklich mal erreichen werde. Denn mehr kann man wirklich nicht erreichen, gerade als Frau nicht. Und spätestens als ich meinen Profivertrag unterschrieben hatte, war es ganz klar mein Ziel, Weltmeisterin zu werden.

In Ihrem Vortrag hier bei der Öffentlichen Versicherung Braunschweig, den Sie am 29. März vor unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter halten werden, geht es unter anderem um diese Motivation, sich ein Ziel zu setzen und durchzuhalten. Über welche Themen werden Sie noch sprechen?

Das Thema Sport liegt natürlich ganz nah: Ich werde Parallelen ziehen zwischen Spitzensport und dem „normalen“ Berufsleben. Ich werde Tipps geben, wie man gewisse Dinge in seinen Alltag einbauen kann. Das wird das Hauptthema meines Vortrages sein.

Zu jeder Karriere gehören aber natürlich auch Höhen und Tiefen …

… ja, darauf werde ich auch eingehen. Ein Fokus des Vortrages wird die Selbstmotivation sein. Aber ein wichtiger Punkt für mich ist auch, dass es extrem wichtig ist, Fehler zu machen beziehungsweise Niederlagen zu erleiden, um daraus zu lernen. Denn aus Niederlagen lernen wir definitiv mehr als aus Erfolgen. Denn Erfolge stecken wir oft wie selbstverständlich einfach weg. Ich habe in meiner Karriere einen einzigen Kampf verloren. Und mit keinem Kampf habe ich mich mehr auseinandergesetzt als mit diesem.

Was genau haben Sie aus diesem verlorenen Kampf lernen können?

Es war mein insgesamt 29. Kampf – bis dahin habe ich eine makellose Bilanz vorweisen können. Ich war damals so vom Erfolg verwöhnt, dass ich meine Gegnerinnen irgendwann nicht mehr ernst genommen habe. Ich habe mich zwar auf alle Kämpfe vorbereitet, war aber im Kopf nicht mehr voll dabei, weil ich mich für die definitiv Bessere gehalten habe. So habe ich meine Gegnerin ganz klar unterschätzt. Und das war das wichtigste, das ich aus meinem einzigen verlorenen Kampf damals gelernt habe: niemals einen Gegner unterschätzen, immer seine Hausaufgaben machen.

Was aus der Karriere eines Profisportlers kann man noch auf den Berufsalltag, zum Beispiel eines Versicherungsmitarbeiters, übertragen?

Dass es besonders wichtig ist, sich Ziele im Leben zu setzen. Und dann gibt es bestimmte Tricks, um diese Ziele auch zu erreichen. Ich habe für mich persönlich einige Schritte herausgearbeitet, dir mir sehr gut helfen, um damals wie heute meine Ziele zu erreichen.

Können Sie Beispiele für solchen Motivationstricks nennen?

Das allerwichtigste ist es, sich ganz klare und realistische Ziele zu setzen. Das ist für mich die halbe Miete: Nur wer weiß, was er will, weiß, wo für ihn die Reise hingehen soll. Aber es geht zum Beispiel auch darum, Energieräuber aus seinem Leben zu eliminieren. Denn sie hindern uns oft daran, unsere Ziele zu erreichen. Außerdem müssen wir aufhören, uns ständig mit anderen zu vergleichen. Die Konkurrenz im Auge zu behalten ist gut, aber man darf sich nicht zu sehr darauf fokussieren, was die Konkurrenz gut macht. Denn so vergessen wir schnell unsere eigenen Stärken. Und das ist manchmal gefährlich.

… und wenn es in meinem Alltag Energieräuber gibt, die ich nicht entfernen kann?

Aber selbst dafür gibt es Tricks. Energieräuber aus dem privaten Umfeld zu eliminieren ist oft einfacher als aus dem Berufsleben. Ich kann dabei aus Erfahrung sprechen: Es gibt Leute, mit denen muss man (z.B. aus beruflichen Gründen) einfach in Kontakt bleiben. Oft fühle ich mich nach einem Treffen mit diesen Menschen völlig ausgelaugt. Ich bekomme schlechte Laune durch diese Treffen. Darum habe ich mir angewöhnt, nicht persönlich mit solchen Menschen zu sprechen, sondern per Email oder per SMS mit ihnen zu kommunizieren. Das funktioniert wunderbar. Man kann den Menschen aus dem Weg gehen. Leider nicht immer, aber öfter, als man denkt. Das kann man durchaus steuern.

Sie bieten hier bei der Öffentlichen auch ein Boxtraining für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an – in einem Unternehmen, in dem allgemein sehr viel am Schreibtisch gearbeitet wird. Welche Tipps haben Sie, sich allgemein zum Sport zu motivieren – welche Ziele sind da realistisch?

Das hängt ganz wesentlich davon ab, was ich mit den Trainingseinheiten eigentlich erreichen möchte: Will ich besser aussehen? Will ich generell fit sein? Oder will ich einfach super in einer Sportart werden? Diese Motivation muss ich mir immer vor Augen halten. Ein ganz klassischer Fall: Die Leute melden sich im Fitnessstudio an und wollen zwei- oder dreimal die Woche hingehen. Dann halten sie sich aber doch nicht daran, aus welchen Gründen auch immer. Meistens ist es aber der innere Schweinhund, der am Ende stärker ist. Mir hilft es an dieser Stelle, wenn ich mich immer wieder frage: Wozu mache ich das eigentlich? Ich habe zwanzig Jahre lang Leistungssport gemacht und kenne meinen Körper nicht anders als trainiert. Mir ist es wichtig, dass ich immer eine gewisse Basis an Muskulatur habe, durchtrainiert aussehe, weil ich nach wie vor sehr oft in der Öffentlichkeit bin. Und ich möchte auf dem roten Teppich eine gute Figur machen. Aber auch das Thema Gesundheit spielt für mich eine Rolle. Diese Ziele sind es, die mich immer wieder motivieren, Sport zu machen. Denn auch ich habe längst nicht immer Lust dazu.

Welche Tipps haben Sie für uns an dieser Stelle als „Nicht-Leistungssportler“?

Hängen Sie sich Bilder in der Wohnung oder auch in Ihrem Büro auf und machen Sie sich Notizen zu Ihrem ganz persönlichen Ziel. Das wird Sie immer daran erinnern, wozu Sie das Ganze eigentlich machen, weshalb sie sich „quälen“. Oder verabreden Sie sich an festen Tagen mit Kollegen oder Freunden und stellen Sie Regeln auf: Wenn jemand nicht kommt, muss er zum Beispiel zehn Euro in die gemeinsame Kasse werfen. So kann man sich mehr oder weniger dazu zwingen, zum Sport zu gehen.

Sie haben darauf hingewiesen, dass es auch eine Motivation sein kann, in einer Sportart besonders gut sein zu wollen. War das für Sie auch eine Motivation?

Definitiv ja – es war bereits sehr früh mein Ziel, die Beste in meiner Gewichtsklasse zu sein. Dieses Ziel hat mich immer wieder gepusht, gerade in schwierigen Situationen. Es gab oft Punkte, auch während des Trainings, in denen ich nicht nur physisch, sondern auch mental an meine Grenzen gestoßen bin. Auch da habe ich mir immer wieder vor Augen geführt, wieso ich das eigentlich mache. Und das war das Bild, wie ich mit erhobenen Händen im Ring stehe und den Gürtel hochhalte. Das war meine Motivation.

Der Boxsport hat insgesamt das Image besonders gefährlich zu sein – was wir hier in der Region zuletzt an dem schrecklichen Unfall des Gifhorner Boxers Eddy Gutknecht im November 2016 spüren mussten. Wie gefährlich haben Sie den Profiboxsport empfunden?

Wenn Sie sich die Zahlen anschauen, werden Sie im Fußball auf wesentlich mehr Verletzungen stoßen als beim Boxen: Rein statistisch ist Boxen weit weniger gefährlich als es das Image dieses Sportes vermuten lässt. Ich würde diesen Aspekt nicht zu hochhängen. Aber natürlich gibt es schwere Verletzungen – im Falle von Eddy war es meiner Meinung nach leider ein Fehler seines Trainers. Beziehungsweise der Ecke: Ein Boxer selbst wird von allein im Regelfall niemals aufgeben. Da muss der Trainer in seinem Sinne handeln und genau schauen, wie stabil er tatsächlich noch ist: Wie fit ist er, kriegt er alles noch genau mit, weiß er überhaupt noch, was er macht? Und da wurde für Eddy eine klare Fehlentscheidung getroffen, indem der Kampf nicht abgebrochen wurde. Kein Wunder, dass dieser Fall so intensiv diskutiert wurde.

Sie haben gesagt, dass Sie selbst anfangs Frauen als ungeeignet für den Boxsport angesehen haben, um dann durch Ihre eigene Karriere selbst das Gegenteil zu beweisen. Inwiefern hat sich das Image des Frauenboxens heute verändert?

Das ist heute gar kein Thema mehr – die Kurse sind voll mit Frauen.

Glauben Sie, dass der Boxkampf zwischen Stefan Raab und Regina Halmich auch dazu beigetragen hat?

Na klar, damit hat eigentlich alles begonnen.

Angenommen, Sie würden auch einen solchen Kampf bekommen – welchen Promi würden Sie persönlich gern in den Ring holen?

Also, wenn jemand mal Dresche verdient hätte, dann ist das Oliver Pocher (lacht).

Dürfen wir das als Aufforderung verstehen?

Ach, warum nicht (lacht).

Wer ist für Sie der größte Boxer beziehungsweise die größte Boxerin überhaupt?

Es gibt wirklich einige großartige Boxer, zum Beispiel Mike Tyson, Floyd Mayweather, Rocky Marciano.  Ganz aktuell Gennady Golovkin, der wirklich alles aus dem Weg räumt, was ihm in den Ring gestellt wird.

Wie schätzen Sie die Zukunft des Boxsportes generell ein?

Ich hoffe, dass überhaupt etwas passieren wird. Denn im Moment schläft alles ein bisschen ein. Wir haben leider momentan keine Zugpferde, keine Gesichter, keine Typen. Es fehlt an gutem Nachwuchs. Und das finde ich sehr schade.

Könnten Sie sich vorstellen, sich  für dieses Thema noch stärker einzusetzen?

Damit habe ich mich ehrlich gesagt noch nie beschäftigt. Aber wenn ich da etwas tun kann, dann werde ich das natürlich auf jeden Fall machen.

Haben Sie noch ein letztes Wort an unsere Mitarbeiter?

Mal überlegen … wer nicht zum Boxtraining kommt, wird von mir persönlich abgeholt (lacht). Im Ernst – ich beiße nicht, es wird ein spannender Tag und ich bin mir sicher, dass alle Teilnehmer noch lange über das sprechen werden, was sie erleben werden.

Frau Menzer, vielen Dank für das Interview und eine gute Zeit in Braunschweig!

© Sebastian Heise

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.