Pressefoto Theater Endlich_1(c) Theater Endlich

Wechselblick Festival: »Ohne ein Umdenken hat Inklusion nicht viel Perspektive«

Wechselblick Festival  – Martin von Huene im Interview

Auch in diesem Jahr findet das Braunschweiger Wechselblick-Festival statt. Bis zum 24. September sind unter dem Themenschwerpunkt „Sinneswahrnehmungen und Sinnesbeeinträchtigungen“ im LOT-Theater, in der DRK Kaufbar sowie in der Fußgängerzone Theateraufführungen, Diskussionen, Präsentationen, Ausstellungen, Lesungen und Filmvorführungen zu sehen. Martin von Huene aus dem LOT-Theater spricht über Inklusion, Vorurteile gegenüber Behinderten und das diesjährige Programm.

Herr von Huene, bitte beschreiben Sie Ihre Position beim Wechselblick-Festival.
Ich bin Leiter, Kurator und Organisator des Wechselblick-Festivals.

Wie darf man sich die Vorbereitungen für das Festival vorstellen?
Zunächst geht es um einen Themenschwerpunkt ­– in diesem Jahr die Sinne Hören und Sehen. Als nächstes muss ein ungefähres Design entworfen werden, was dann die Grundlage für Anträge und Geldakquise ist. Entsprechend des Designs werden die einzelnen Programmpunkte ausgewählt und angefragt. Folglich müssen Verträge gemacht, Hotels gebucht und Werbung organisiert werden. Schließlich braucht man noch eine genaue Personaldispo, also wer welche Veranstaltungen begleitet.

Wie sieht das Programm in diesem Jahr aus?
Mit dem Theater Endlich haben wir eine „Heimmannschaft“ die seit 19 Jahren in Braunschweig aktiv ist und sich diesmal mit dem Themenbereich der Wahrnehmung befasst hat. Dazu kommt aus Berlin die Gruppe Possible World mit dem Stück „Die Taube Zeitmaschine“, einem Werk über die Geschichte des Umgangs mit Hörbeeinträchtigungen.
Im LOT-Foyer läuft eine Ausstellung mit Malereien aus der Villa Luise der Evangelischen Stiftung Neuerkerode, die sich ebenfalls mit Wahrnehmungen befasst.
In der Kaufbar wird am 13. September eine Fotoausstellung eröffnet, die von der Peter Räuber Schule aus Wolfenbüttel bestückt wird. Diese feiert nämlich gleichzeitig ihr 40-jähriges Jubiläum und hat viele Kulturprojekte am Start, nicht zuletzt zwei Fotoaktionen, in welchen die Schüler experimentieren durften. Unter anderem wurden Fotoapparate und Buzzer zum Auslösen an die Rollstühle von schwerer Beeinträchtigten Schüler und Schülerinnen montiert. Diese sind dann durch Wolfenbüttel gefahren und haben die Stadt aus ihrer Perspektive fotografiert. Zur Vernissage spielen die NaGrus – eine Freizeitgruppe aus Neuerkerode – eine kleine Performance.
Ein Tag wird speziell dem Thema Sehbeeinträchtigung gewidmet sein mit Simulationsbrillen und Erlebnissen im Dunklen. In Zusammenarbeit mit der Hans-Würtz-Schule, wo der „Mobile Dienst Sehen“ angesiedelt ist, soll davon ausgehend eine Theatergruppe speziell für Kinder und Jugendliche mit Sehbeeinträchtigung gestartet werden. Abschließend gibt es einen Filmabend, an dem inklusive Filmprojekte aus der Region gezeigt werden – unter anderem vom Theater im Glashaus (die Gruppe der Lebenshilfe), vom Theater Endlich und wiederum von der Peter Räuber Schule, die damit sogar einen Preis gewonnen hat.

Haben Sie persönliche Highlights?
Das Theater Endlich ist ein Highlight meines Lebens, da ich nun 15 Jahre mit der Gruppe gearbeitet habe. Für das Festival bin ich sehr gespannt auf „Die Taube Zeitmaschine“, die Ausschnitte, die ich gesehen habe, weisen auf einen tollen multimedialen Theaterabend hin.

Begegnen Sie auf dem Festival vielen Menschen, die Vorurteile gegenüber Behinderten haben?
Auf dem Festival selber sollte man meinen, dass vor allem Menschen, die dem Thema schon näher stehen, zu uns kommen, aber ich erlebe nach so vielen Jahren immer noch Menschen, deren Kommentar über „süß“, Mitleidsbekundungen oder „toll, dass die eine Stunde auf der Bühne stehen können“ nicht hinaus kommen. Aber in Summe wird – wenn auch manchmal überrascht – der künstlerische Gehalt doch gesehen. Wir machen auch immer wieder Aktionen im städtischen Raum. Da trifft man natürlich auch auf mehr Vorurteile.

Könnte die Inklusion schon weiter sein? Gibt es immer noch große Barrieren in den Köpfen der Menschen?
Definitiv. Das war auch unser Thema im letzten Jahr. Wir haben in unserer Gesellschaft sehr festgefahrene Parameter für „Leistung“ und „Wert“, ohne ein Umdenken hat Inklusion nicht viel Perspektive, da helfen am Ende auch ein paar Rampen nicht.

Wie geschieht die Zusammenarbeit mit behinderten Teilnehmern? Gibt es besondere Coaches?
Ich arbeite seit 15 Jahren mit dem Theater Endlich, da habe ich jede Menge lernen dürfen. Behinderung ist ja auch nicht gleich Behinderung, da muss man differenzieren zwischen körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen und auch da genauer hinsehen: Menschen mit Autismus funktionieren anders als zum Beispiel Menschen mit Down Syndrom, beides haben wir im Theater Endlich. In unseren Projekten machen wir gerne die Mischung aus Theaterleuten und Heilerziehungspfleger.

Mit Sicherheit ist es ein großer Aufwand das Festival zu veranstalten. Haben Sie Einrichtungen oder Partner, die Sie unterstützen?
Ja, das haben wir. In der praktischen Umsetzung wäre das nicht möglich ohne die Zusammenarbeit mit dem LOT-Theater und Spielraum TPZ, die Evangelische Stiftung Neuerkerode ist Kooperationspartnerin, insbesondere von der Fachschule für Heilerziehungspflege hat immer tolles Personal für uns, und natürlich ist auch die finanzielle Unterstützung von Aktion Mensch, der Erich-Mundstock-Stiftung, der Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz und der Stadt Braunschweig Voraussetzung, um so etwas machen zu können.

Wenn Sie zurückblicken, wie verliefen die letzten Jahre des Festivals?
Ich bin sehr stolz darauf, dass es inzwischen eine Kontinuität gibt, nachdem 2003 und 2007 und dann 2013 die Abstände groß und unregelmäßig waren, zudem sind mir die konzeptionellen Unterschiedlichkeiten sehr wichtig. Manchmal hat man zu kämpfen, weil im Spätsommer das Konkurrenzprogramm groß ist, aber insgesamt glaube ich, dass wir mit diesen Themen mehr und mehr Menschen erreichen und deshalb einen großen gesellschaftlichen Wert vertreten, auch wenn Inklusion zurzeit nicht das Schlagzeilenthema Nummer Eins ist. Nächstes Jahr wird das Theater Endlich 20 Jahre alt, mal sehen, wie wir das feiern.

Lisa Matschinsky (SUBWAY – Oeding Druck) / Fotocredit: Theater Endlich

 

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