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»Weitblick«: Ein Blick in die Ferne – und ein Blick auf Braunschweig

Das Städtische Museum Braunschweig hat einen umfassenden Katalog „Weitblick – Städtisches Museum Braunschweig und Kulturen der Welt“ herausgebracht, der die aktuelle Sonderausstellung mit zahlreichen erläuternden Essays, großformatigen Abbildungen und kulturhistorischen Querverweisen begleitet. Die Ausstellung „Weitblick“ im Haus am Löwenwall, die noch bis zum 20. Februar 2018 zu besuchen ist, zeigt eine facettenreiche Auswahl der vielfältigen Sammlungen unterschiedlicher Epochen des Hauses, die die ausgeprägten internationalen Bezüge und den intensiven Kulturtransfer in der Museumshistorie repräsentiert.

In lokale und thematische Schwerpunkt-„Inseln“ aufgeteilt, verknüpft durch zeitliche und geografische Linien, setzt die Ausstellung Kulturräume buchstäblich in Szene. Sie stellt interkulturelle Bezüge her und historisch bedingte Sichtweisen von Braunschweigischen Kulturvertretern auf fremde Länder heraus. Der Blick in die Ferne ist immer zugleich ein Blick zurück auf die Braunschweigische und deutsche Wahrnehmung und hiesige Vermittlung des Exotischen.

Die Entdeckung des neuen Kontinents Amerika gehört zu den interessantesten ausländischen Bildthemen der frühen Neuzeit. Daher widmet sich die Amerika-Insel der Ausstellung unter anderem den ab dem 16. Jahrhundert vermehrt übermittelten Reiseberichten, die von den „Naturvölkern“ und ihren kuriosen Bräuchen erzählen. Beispielhaft sind dafür etwa der berühmte Kupferstich „America“ (1575 – 1580) von Jan van der Straet, Stradanus genannt, oder die illustrierten Reiseberichtsammlungen von Theodor de Bry aus dem späten 16. Jahrhundert, die die europäischen „kultivierten“ Kulturkreise dem, wenn auch zuweilen „edlen“, Wilden gegenüberstellen. Weitere Schwerpunkte des Amerika-Bereichs bilden Leben und Werk des Braunschweiger Reiseschriftstellers Friedrich Gerstäcker (1816 – 1872), Autor vieler bekannter Erzählungen und moderner „Mythen“ über indianische Kulturen, sowie die Reisefotografien und faszinierenden Importe des Kaufmanns und Weltreisenden Carlos Götting (1828 – 1899), unter denen ein knapp fünf Meter langes Birkenrindenkanu aus dem nordöstlichen Waldland in Amerika heraussticht, das zu den wenigen erhaltenen Exemplaren aus dem 19. Jahrhundert gehört.

Ebenso wie die Amerika-Insel den Blick der Europäer auf das Fremde kritisch hinterfragt, zeigt auch die Italien-Abteilung die verklärende Sicht vieler Reisender auf das von Armut und politischen Spannungen bestimmte Land, seine Landschaften, Architekturen und Bewohner während des späten 18. und 19. Jahrhunderts unverstellt. Unter dem Thema „Sehnsucht Italien“ zeigt die Schau hier insbesondere Gemälde und grafische Arbeiten des bekannten Braunschweiger Malers Rudolf Henneberg (1825–1876) aber auch Arbeiten von Heinrich Brandes und Karl Friedrich Adolf Nickel. Römische Antikenstudien von Lambert Krahe repräsentieren die Italien-Impression des 18. Jahrhunderts, Reisefotografien aus dem frühen 19. Jahrhundert zeigen die spätere Sicht und Darstellungsweise des beliebten Reiseziels.

Als weitere Insel zum Thema „Asien“ wird die bekannte „Formsammlung der Stadt Braunschweig – Institut für handwerkliche und industrielle Formgebung“ von Walter Dexel (1890–1973) aus der ständigen Ausstellung integriert und mit außereuropäischen Objekten aus dem Depot neu bestückt. Sie zeigt die Entwicklung des Kunstgewerbes und Beispiele für vermeintlich „gutes“ und „zeitgemäßes“, d. h. material- und funktionsgerechtes, Design aus der 1941 unter anderem mit einem Steinzeugtopf aus einer südchinesischen Töpferei begonnen Sammlung Dexels. Islamisches Glas, Metallgefäße aus dem Vorderen Orient und Ostasien sowie chinesische und japanische Keramiken bildeten die Schwerpunkte im außereuropäischen Bereich. Zielsetzung der Sammlung war es, universell gültige Formprinzipien zu erschließen und stilistische Verbindungen über Kulturkreise und Epochen hinweg aufzuzeigen.

Neben anderen faszinierenden Exponaten ist ein besonderes Prunkstück der Ausstellung der „Herzog-Ernst“-Teppich aus der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts, der eine Aventüre des Herzogs Ernst, eine wundersame Bewährungsreise nach dem Schema des mittelhochdeutschen Epos in ein von sagenhaften Wesen bevölkertes Land darstellt. Unter dem Motto „Stoff Gottes“ präsentiert das Museum auf einer Insel mehrere berühmte Paramente und Bildteppiche aus dem 14. und 15. Jahrhundert, die fast sämtlich aus Kirchen, Kapellen und Konventen Braunschweigs stammen und damit spannende Zeugnisse der Stadtgeschichte darstellen. Das Besondere dieses Teppichs, dessen Stickerei in der ebenfalls ausgestellten Restaurierung gut zu sehen ist, ist die Abwandlung vom überlieferten Versroman „Herzog Ernst“ im letzten Erzählabschnitt: Statt des Königs aus der Geschichte ist hier der Braunschweiger Löwe abgebildet.

Der Hardcover-Katalog „Weitblick“ mit Beiträgen von Heidemarie Anderlik, Viola Beier, Lars Berg, Andreas Büttner, Eszeter Fontana, Evelin Haase, Peter Joch, Ursula Lingscheid, Sabine Mollowitz und Thomas Ostwald, herausgegeben für das Städtisches Museum Braunschweig von Peter Joch, umfasst auf 240 Seiten 228 Farbabbildungen und ist für 29,95 Euro erhältlich.

Die Sonderausstellung „Weitblick“, organisiert von Lars Berg, mit rund 270 Exponaten im Haus am Löwenwall, Steintorwall 14, Braunschweig, kann noch bis zum 20. Februar 2018 besucht werden. Weitere Informationen finden sich unter Telefon (05 31) 4 70 45 05 sowie online unter www.braunschweig.de.

Evelyn Waldt (SUBWAY – oeding magazin GmbH) / Fotocredit: Städtisches Museum

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