Welturaufführung von »Oskar Schindlers Liste«

Im Jahr 1945 kaufte ein deutscher Unternehmer insgesamt 1.100 jüdische Arbeitskräfte – 300 Frauen und 800 Männer – mit seinem eigenen Vermögen und bewahrte die Menschen dadurch vor dem sicheren Tod. Die 1993 verfilmte Geschichte dieses eindrucksvollen Mannes namens Oskar Schindler nahm Autor, Regisseur, Schauspieler und Intendant Florian Battermann weltweit als erster zum Anlass, um sie für die Theaterbühne zu adaptieren. „Auch 25 Jahre nach dem Film hat mich besonders der Mensch Oskar Schindler interessiert. Mich hat die Frage umgetrieben, was passieren muss, damit ein Deutscher, der ganz offensichtlich von dem System der Nationalsozialisten profitiert hat, plötzlich in großem Stil gegen sie arbeitet“, erklärt Battermann im Programmheft. Für die Rolle des Protagonisten fiel seine Wahl auf Stefan Bockelmann. Wir sprachen mit dem Schauspieler im Vorfeld über das Theaterstück, aber auch philosophische Themen.

Guten Tag Herr Bockelmann, wie haben Sie die Geschichte von Oskar Schindler aufgenommen?
Wie wahrscheinlich die meisten Deutschen habe ich erst mit Steven Spielbergs Kinofilm „Schindlers Liste“ von Oskar Schindler und seinem Handeln erfahren. Der Film hat mich damals schockiert und sprachlos gemacht. Ich erinnere mich noch ziemlich genau an diesen Kinobesuch. Während des gesamten Films herrschte in dem Kinosaal eine gespenstige und gleichzeitig andächtige Stimmung. Jeder blieb bis zum Ende des Abspanns auf seinen Plätzen, bis die Kinoleinwand schwarz war. Auch beim Verlassen des Kinos hat kaum einer gesprochen. Auf dem Schulhof sprachen wiederum alle von diesem Film und dem Holocaust.

Haben Sie die Original-Listen von Oskar Schindler zu sehen bekommen?
Leider nein. Über den Verbleib dieser Listen gibt es verschiedene Informationen. Nach meiner Recherche befinden sich einige Original-Listen im Besitz der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem, dem Washingtoner Holocaust-Museum und im Bundesarchiv in Koblenz. Für mich als Normalbürger ist es schier unmöglich, eines der originalen Dokumente in den Händen zu halten. Dem Zuschauer unserer Theaterversion „Oskar Schindlers Liste“ wird diese Liste jedoch während des gesamten Stücks sehr präsent sein. Lajos Wenzel, Regisseur des Theaterstücks, hat gemeinsam mit dem Bühnenbildner Tom Grasshof meiner Meinung nach Schindlers Liste perfekt in das Bühnenbild integriert.

Worin sehen Sie Herausforderungen, wenn Sie an die Darstellung des Protagonisten denken?
Die Figur Oskar Schindler in einem Theaterstück als Welturaufführung verkörpern zu dürfen, ist für mich eine sehr ehrenvolle Aufgabe. Ich habe zur Vorbereitung auf die Rolle mehrere Biografien gelesen, mir mehrere Reportagen und auch mehrmals den Film angeschaut. So konnte ich mir ein eigenes Bild über Oskar Schindler und seine Charakterstärken wie -schwächen machen. Schindler war ein Genussmensch, ein Abenteurer, ein rücksichtsloser Lebemann, ein treuloser Ehemann, ein Frauenheld und ein Kriegsgewinnler. Die Verkörperung einer solch großen geschichtsträchtigen Person und seine Wandlung vom Judenausbeuter zum Judenfreund, dem Lebensretter von 1.100 „Schindlerjuden“, ist für mich eine große Herausforderung, der ich mich sehr gerne stelle.

Inwiefern musste die Handlung an die heutige Zeit angepasst werden, damit die Geschichte authentisch ist?
Battermanns Theaterversion von Oskar Schindlers Geschichte wird aus der Gegenwart erzählt und lässt Zuschauer immer wieder, fast filmisch, durch kurze Teilsequenzen in die Vergangenheit eintauchen. Ein Theaterstück der besonderen Art, mit einigen Neuigkeiten und neuen Personen, die wesentlich zur Rettung der Juden beigetragen haben. Regisseur Lajos Wenzel ist mit sehr viel Fingerspitzengefühl gelungen, diese Vorgabe des Autors mit Mitteln der Theaterkunst stilvoll und mit Respekt gegenüber der Geschichte in Szene zu setzten. Reduziert auf einen Raum, zwölf Schauspieler und einem wandelbaren Bühnenbild.

Welche Ähnlichkeiten nehmen Sie zwischen sich selbst und dem von Ihnen verkörperten Schindler wahr?
Als Schauspieler suche ich immer nach einer Parallele zwischen der Rolle und meiner eigenen Persönlichkeit. Das gibt mir die Möglichkeit, authentisch die Geschichte der Figur wiederzugeben. Es wäre vermessen, mich mit Oskar Schindler zu vergleichen, aber eine Gemeinsamkeit haben wir: das Bedürfnis, anderen Menschen zu helfen. Seit fast 15 Jahren bin ich Botschafter der Soonwaldstiftung und Förderverein Lützesoon und setzte mich seither für die Unterstützung krebskranker und notleidender Kinder und deren Familien ein.

Welche persönliche Botschaft möchten Sie Ihrem Publikum vermitteln?
Zum einen möchte ich, dass wir uns alle noch mal bewusst werden, dass sich so etwas wie der Holocaust nicht noch mal wiederholen darf. Und zum anderen, dass es manchmal ganz einfach ist, anderen Menschen zu helfen.

Weshalb ist das Theaterstück im Jahr 2018 von derart großer Bedeutung?
Oskar Schindler wäre in diesem Jahr 110 Jahre alt geworden und ich finde, es gibt zurzeit kein besseres Stück, um einige Menschen unserer Gesellschaft zum Umdenken anzuregen.

Oskar Schindler sagte einst: „Wer auch nur einziges Leben rettet, rettet die ganze Welt.“ Was würde er wohl zu der heutigen Flüchtlingskrise und zu der Tatsache sagen, dass nach dem überstandenen Holocaust fast täglich Dutzende Menschen im Mittelmeer ertrinken?
Dieses Sprichwort stammt ursprünglich nicht von Oskar Schindler, sondern aus dem Talmud und wurde von den „Schindlerjuden“ in einem aus Zahngold geschmiedeten Ring eingraviert, den sie ihrem Retter zum Dank am Ende des Krieges überreichten. Ich denke, Schindler wäre in erster Linie dankbar, dass es Menschen wie ihn heute noch gibt, die sich dem Schicksal dieser Flüchtlinge annehmen und in teils gefährlichen Rettungsaktionen Tausende von ihnen vor dem Ertrinken bewahrt haben. Er wäre sicherlich auch stolz über die vielen ehrenamtlichen Helfer in den unterschiedlichsten Ländern, die dafür sorgen, dass es diesen Flüchtlingen gut geht. Und sicherlich wäre er auch zutiefst erschüttert und auch machtlos gegenüber der Situation, dass so viele Menschen aus ihrer Heimat flüchten müssen und auf ihrer Flucht ertrunken sind.

Wie lässt sich Schindlers schöne Maxime vielleicht doch in der heutigen Welt umsetzen oder halten Sie sie für eine Illusion?
Ich finde, dass sie bereits fester Bestandteil unserer Gesellschaft geworden ist. Wo auch immer auf der Welt ein Unglück oder eine Naturkatastrophe geschieht, sind die Menschen hilfsbereit und spenden. Es gibt zahlreiche Menschen, die regelmäßig Blut spenden oder auch Stammzellen, um kranken und notleidenden Menschen zu helfen. Denken Sie doch nur an die große Hilfsbereitschaft vieler Deutscher während der Flüchtlingskrise, die sich ehrenamtlich für die Flüchtlinge eingesetzt haben.

Denken Sie bitte an das Jahr 1996 zurück, als Sie der Actor´s Company, dem Zentrum für Schauspiel und Sprache in Aschaffenburg beigetreten sind: Hatten Sie schon damals den Wunsch, eine derart prominente Persönlichkeit auf der Bühne darzustellen?
Als junger Schauspieler zog es mich schon immer ins Theater. Eine bestimmte Rolle hatte ich nicht wirklich vor Augen. Mein Ziel war es immer, auch später während meiner TV-Engagements, den Zuschauern Geschichten zu erzählen, die sie berühren. Da zählt es vor allem, authentisch zu sein, egal wie groß deine Rolle ist.

Und denken Sie jetzt bitte an das kommende Jahr 2019: Welche Rolle würden Sie sich aussuchen, wenn Sie die freie Wahl hätten und was für Charaktereigenschaften hätte sie?
Ich habe schon lange den Gedanken in mir, auch mal in einen Arztkittel steigen zu wollen, oder in eine Richterrobe. Dabei darf die Figur ruhig etwas Komödiantisches oder Verschrobenes haben.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Bockelmann.

Die Premiere von Oskar Schindlers Liste findet am Dienstag, 23. Oktober um 19.30 Uhr im Großen Saal des Lessingtheaters, Harztorwall 16, in Wolfenbüttel statt. Interessierte können sich die Welturaufführung zudem an den beiden darauffolgenden Tagen anschauen. Weitere Informationen zum Kartenvorverkauf finden sich unter Telefon (0 53 31) 7 10 84 30 sowie online unter www.lessingtheater-wf.de.

Viktoria Knapek (SUBWAY Magazin – oeding magazin GmbH) / Fotocredit: Stefan Behrens

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