Christoph Diem (c) Staatstheater Braunschweig

»Wer Humor mitbringt, wird ein Lächeln mit nach Hause nehmen« – Christoph Diem zum Theaterfest

Unter dem vielversprechenden Motto „Geschichte wird gemacht“ sticht das Theaterschiff im September erneut in See. Um den Beginn der neuen Spielzeit gebührlich zu feiern, veranstaltet das Staatstheater Braunschweig am Sonntag, 9. September ein großes Fest mit Spiel, Spaß und Spannung drinnen und draußen. Christoph Diem, der gemeinsam mit Claudia Lowin die Schauspielsparte leitet, wirft im Interview einen Blick zurück und mehrere nach vorne. Ein Gespräch über Nashörner und Humor.

Das Theaterfest findet bei freiem Eintritt am Sonntag, 9. September von 14 bis 24 Uhr im Großen und Kleinen Haus des Staatstheaters Braunschweig statt, ab 12 Uhr mit Picknick und Konzert im Theaterpark. Weitere Informationen zum Fest und alle Termine der Spielzeit 2018/2019 finden sich online unter www.staatstheater-braunschweig.de.

Herr Diem, was erwartet die Besucher beim Theaterfest?
Das Theaterfest ist dazu da, nach dem Sommer zu sagen: Wir sind wieder da. Und wir sind Willens und haben Spaß daran, gute Laune zu verbreiten. Die Besucher erwartet ein Strauß Kunstartistik, Konzert mit klassischer Musik im Theaterpark, ein paar bizarre Ideen, Überraschungen und natürlich Ausblicke auf die ersten Premieren wie „Nathan der Weise“, „Als wir träumten“, „Quartett“ und „Der fliegende Holländer“. Also ein paar Stunden gemeinsam verbrachter erstklassiger Qualitätszeit mit Schmunzeln. Wer Humor mitbringt, wird ein Lächeln mit nach Hause nehmen.

Beim Fest wird auch die vergangene Spielzeit rekapituliert. Blicken auch Sie bitte zurück: Wie war die „Seefahrt“ bisher – war eher ein Eisbrecher oder ein Südsee-Kreuzer vonnöten?
Ein Kielboot. Das ist seegängig und kentert bei Gegen- und Seitenwind nicht so leicht, macht aber trotzdem ordentlich Knoten.

Es geht damit nun in die zweite Spielzeit unter Generalintendantin Dagmar Schlingmann. Inwiefern hat sie eine frische Brise nach Braunschweig bracht?
Ist der Mensch selber Teil des frischen Winds, so vermag er dessen kühlende Wirkung selber nicht recht zu beschreiben. Insofern kann ich nur wiedergeben, was mir selbst gespiegelt wird: Wir arbeiten spürbar an Offenherzigkeit. Von innen heraus – ob das „frisch“ ist? – würde ich es so sagen: Wir meinen das, was wir tun, genau so.

Mit dem Fest soll natürlich vor allem auf die kommende Spielzeit eingestimmt werden. Worauf freuen Sie sich da denn am meisten?
Wenn die Inspizienten und Mimen bei der „Direktmusik“ lossingen, wenn die Opernsänger Handys „programmieren“, Orchestermusiker aus Hörnern Hörnchen machen, die Schneeprinzessin bei dem Wetter den Theaterpark vereist, der Verwaltungschef aus Stiftungskaffee Stiftungskasse macht, Hochleistungsdramaturgen Kostüme feilbieten oder gelbe Cocktails kredenzen, Schauspieler sich in widernatürlichen Folienpräsentationen verheddern und die Intendantin am Abend beweist, dass sie vom gesamten kommenden Programm aller Sparten kompetent künden kann – kurz, wenn einem Gutes wiederfährt.

Nachdem „Braunschweig liegt am Meer“ als Thema schon eine politische Dimension aufwies, kommt auch „Geschichte wird gemacht“ mindestens zweischneidig daher. Wofür steht das Motto für Sie und wie wird es in den Schauspiel-Inszenierungen umgesetzt?
Fein, jetzt wird es inhaltlich. „Meer“ war ein topografischer Angang. In circa zwei Dimensionen. „Geschichte“ macht dazu die Zeitachse auf. Da mag der Strand noch so tropisch sein, erst mit Geschichte wird er zur Identität. Und diese passiert nicht. Diese wird entschieden und gedeutet. Unser Job ist es, Geschichten zu erzählen. Zumal an einem Ort, der sich sehr über die Geschichte versteht und lesen lässt. Das fällt mir schon sehr auf. Wie omnipräsent die Welfen, der Lessing und der Gröfaz, der Zonenrand und die Meisterschaft `67 heute noch sind. Wie wir das umsetzen wollen? Hoffentlich angemessen.

Schon Gandhi wusste: „Die Geschichte lehrt die Menschen, dass die Geschichte die Menschen nichts lehrt.“ Literatur und Theater sind genau die Medien, historische Parallelen herzustellen oder zu dokumentieren, aber tatsächlich ist es derzeit vielerorts so brenzlig, dass Ionescos „Die Nashörner“ und Brechts „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ wieder in beängstigende Vorstellbarkeit rücken. Werden vielleicht nicht die richtigen oder nicht genügend Leute abgeholt?
Ja, Ui und Nashörner sind gute Beispiele. Singuläre Kunstwerke, die plötzlich – nach vielen Jahren – eine erschreckende Wucht und Relevanz bekommen. Interessanterweise sind beide Stücke Komödien. Ob wir mit unserer Kunst genügend von den richtigen Leuten abholen, um den Lauf der Dinge abzuwenden? So wichtig sind wir nicht. So mächtig leider auch nicht. An uns ist es, die Erzählweisen zu erneuern. Die Perspektiven zu drehen, zu dehnen.

Ist es hoffnungslos?
Denkbar. Dürrenmatt sagte, eine Geschichte ist dann zu Ende erzählt, wenn ihr schlimmstmögliches Ende eingetroffen ist.

Warum haben Sie Christian Krachts „Imperium“ mit aufgenommen?
Das wollten wir schon zur „Meer“-Spielzeit machen. Jetzt klappt es endlich.

Die Romanvorlange ist 2012 mit dem Wilhelm-Raabe-Literaturpreis ausgezeichnet worden, aber zumindest nicht unproblematisch. Wird die Diskussion um Aussage und Bewertung des Romans thematisiert?
Feuilletonisten sind eben auch nur Menschen. Der Herr Diez hat im Spiegel damals einen rechten Schmarrn geschrieben, und dieses Braune hängt dem Buch noch hartnäckig an. Wir teilen das nicht nur nicht, offen gestanden interessiert uns das auch nicht sehr, obwohl es vielleicht nett für den Verkauf ist, ein Skandalbuch zu adaptieren. Aber ein Grund ist es nicht. Dieses schon eher: Es handelt sich um eine leichtfüßige und sehr ironische Erzählung über einen großen Spinner – den es wirklich gab –, der mittels Kokosnussdiät und Nudismus eine Art höhere Zivilisation beziehungsweise Rasse in der Südsee zu begründen sucht. Zur selben Zeit hat der schlechte Maler aus Braunau ein paar wesensverwandte Ideen.

Sehr spannend versprechen auch die Thementage „Heute ist die Zukunft von gestern“ zu werden, in denen technische Innovationen in Bezug zu ihren gesellschaftlichen Auswirkungen gestellt werden. Hätten Sie ein Beispiel für dieses Zusammenspiel?
Sie haben gerade ein Gadget neben sich liegen, das Sie hört, sieht und lokal verortet. Das alle kennt, die Sie kennen. Es arbeiten die Besten daran, dass das Ding mit guter Wahrscheinlichkeit weiß, was Sie demnächst wollen … Oder das Auto natürlich. Oder Sex. Lauter eingängige Beispiele. Ich finde, Futurismus klingt eigentümlich nostalgisch, nicht wahr?

Stellen Sie sich vor, die ganz lauten Menschen von heute würden in 20 Jahren als Sieger der Geschichte hervorgehen … Wie würde die Welt aussehen und in welcher Position wären diejenigen, die die Entwicklung geistreich kommentierend beobachtet haben?
Das Nashörner-Thema. Futurologisch gewendet. Vor 20 Jahren begann spürbar die Digitalisierung. Seit zehn Jahren hat das Geplärr die Redaktion ersetzt. „Web 2.0“ hat man das genannt. Das Jetzt nennt der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen „Die große Gereiztheit“. Das Thema der Zeit ist die kurze Lunte. Alle sind Nashorn. Was, wenn die Trolle also den Pokal mitnehmen? Und was machen dann Theaterleute und Subway-Leute? Wir werden viel Humor brauchen. Ich muss jetzt aber weiter. Ich muss Aktien kaufen für Offline-Resorts und Schweigeseminare und Digi-Detox-Projekte …

Noch ganz kurz: Welche Inszenierungen aus den anderen Theatersparten werden Sie nicht verpassen?
Keine werde ich verpassen. Weil ich sonst Klassenkeile kriege.

Evelyn Waldt (SUBWAY Magazin – oeding magazin GmbH) / Fotocredit: Christoph Diem, Staatstheater Braunschweig

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