„Wir müssen wieder Mut haben, glücklich zu sein“

Vorab-Interview: Glücksforscherin und Burnout-Expertin Simone Langendörfer bei der Öffentlichen Versicherung Braunschweig

Sie weiß ganz genau, wie man „dem Glück auf die Sprünge hilft“: Die aus Radio und TV bekannte psychologische Beraterin und Autorin Simone Langendörfer ist am 8. März zu Gast bei der Öffentlichen Versicherung Braunschweig, wo sie einen Vortrag über die „große Lust auf ganz viel Glück“ halten wird. Simone Langendörfer berät sowohl Privatpersonen als auch Unternehmen mit ihrem selbst entwickelten Mentaltraining und ist bekannt dafür, komplexe Ergebnisse der Glücksforschung humorvoll und unterhaltsam an ihr Publikum weiterzugeben. Wer sich kostenlos zwei Tickets für ihren Vortrag in Braunschweig sichern möchte, kann das bis einschließlich 26. Februar hier tun: www.oeffentliche.de/glueck. Wir haben vorab mit der Referentin über ihre Vorstellung von Glück, den aktuellen Arbeitsmarkt, kleine Tricks und Kniffe für ein gesundes „Glücksmanagement“, die aktuelle Flüchtlingsdebatte und vieles mehr sprechen können.

Frau Langendörfer, worüber werden Sie bei uns bei der Öffentlichen Versicherung Braunschweig in Ihrem Vortrag am 8. März sprechen?

Ich werde über die Veränderungen sprechen, die der Arbeitsmarkt heute mit sich bringt. Über das digitale Zeitalter, die Online-Kommunikation, die Informationsflut, die Überreizung: in kürzester Zeit zu viele Informationen, die kein Mensch mehr verarbeiten kann. Für all dies brauchen wir eine neue Glückskompetenz. Unser Gehirn hat sich seit Jahrhunderten nicht verändert. Es konnte sich der schnellen technischen Entwicklung nicht anpassen. Glückskompetenz heißt also ganz konkret: mich auf mein eigenes Glück zu besinnen. Die volle Leistungsstärke generieren für meinen Job und für mein Privatleben. Aus einer inneren Ruhe und Freude heraus, nicht auf der Hektik, aus dem Getriebensein, weil ich aus innerem Frieden heraus die besten Leistungen erreiche, die ich in diesem Leben generieren kann. Das ist für mich das wichtigste und das möchte ich den Menschen in diesem Vortrag mitgeben.

Der Always-Online-Kommunikation kann man sich heute weder beruflich noch privat kaum noch entziehen. Welche Tipps haben Sie allgemein, mit dieser Technik umzugehen?

Das stimmt, die Technik ist heute überall dabei. Ob es das Smartphone ist oder das Tablet. An sich ist das auch gut, denn so öffnen sich uns neue Türen. Aber wenn die Technik im Mittelpunkt steht und ich den Kunden zum Beispiel mit Power-Point-Folien oder meinem kompletten Portfolio erschlage, ist das Zwischenmenschliche nicht mehr im Fokus. Wir sollten daher immer schauen, dass der Mensch im Mittelpunkt bleibt. Die Technik ist ein Werkzeug, um uns zu unterstützen. Sie darf meinen Alltag nicht bestimmen. Ich bin kein Sklave der Technik, bin frei, sie auch einfach mal auszuschalten. Diese Zeiten der Ruhe sollte ich ganz bewusst nutzen. Alles wird auf Off gestellt, ich befinde mich in der Rückbesinnung zu mir selbst, gehe in die Natur und lasse das Handy zu Hause. Dann spüre ich, dass die ursprüngliche Kraft nicht aus der Technik kommt, sondern aus der Natur.

Glück ist allgemein Ihr zentrales Thema – was verstehen Sie eigentlich darunter?

Für mich ist Glück unser Urzustand. Denn wenn Kinder auf die Welt kommen, sind sie zunächst einmal glücklich. Ich beschäftige mich mit dem Phänomen, dass wir den Kindern das Glück systematisch aberziehen und dass es immer mehr unzufriedene und unglückliche Erwachsene gibt. Da es mein Ziel ist, dass immer mehr Menschen wieder das eigene Glück, die Lebensfreude, ihre eigene Kreativität, fühlen können, beschäftige ich mich so intensiv mit diesen Dingen – die sich in uns allen befinden, aber bei sehr vielen Menschen verdeckt sind.

Auch verschiedene Wissenschaften versuchen, Glück zu beschreiben und zu erforschen. Wo reihen Sie sich da ein?

Glück ist für mich vor allem eine innere Ruhe, aus der heraus ich an meine Aufgaben herangehe. Dass ich entspannt bin, frei bin von Angst, Sorgen und Zweifeln. Dass ich mir etwas zutraue, dem Leben vertraue, dass ich Dankbarkeit empfinde. Dass meine Zufriedenheit unabhängig von Äußerem ist. Es gibt viele Menschen, die dann glücklich sind, wenn sie gelobt werden. Wenn sie aber einen Tag später jemand tadelt, werden sie im Gegenzug extrem unglücklich. Glück heißt also, dass ich unabhängig bin von Beurteilungen und Bewertungen von anderen. Es ist ganz wichtig, dass ich mit anderen mitfühlen kann. Mich anzunehmen, ohne mich zu kritisieren. Mich sein zu lassen, wie ich bin. Ich muss lernen, mit mir und meinem Leben gelassen umzugehen, ohne mich selbst ständig unter Druck zu setzen. Kurz: mich so zu akzeptieren, wie ich bin.

Wie genau erziehen wir Kindern dieses Glück heutzutage Ihrer Meinung nach ab?

Wir erziehen Kindern diesen Glückszustand ab, indem wir sie nur noch nach Leistung beurteilen. Ich halte sehr viele Vorträge in Schulen und die Kinder dort bestätigen mir: Ich lerne nur noch für die nächste Klassenarbeit – völlig egal, ob mich der Lernstoff interessiert oder nicht. Es geht ausschließlich um die gute Note, das gute Abi, damit ich studieren kann, und so weiter. Es gibt dafür den Begriff des Bulimie-Lernens: Ich haue mir den Lernstoff rein, ohne mich dafür zu interessieren, um ihn in der Klassenarbeit dann wieder auszukotzen. Hinterher vergesse ich alles wieder, weil ich es gar nicht mit Freude gelernt habe. Daran merke ich, dass die Kinder immer unglücklicher und auch unzufriedener mit sich selbst werden.

Welche Möglichkeiten sehen Sie, aus dieser Leistungsspirale herauszukommen?

Die Eltern müssen die ursprünglichen Talente und Fähigkeiten, die jedes Kind hat und die es mit Freude einsetzt, wieder erkennen und das Kind in diesen ureigenen Talenten unterstützen und fördern. Sie dürfen das Kind nicht nur für Leistung lieben, sondern dankbar dafür sein, dass sie dieses Kind begleiten dürfen. Und sie müssen sich bewusst machen, dass das Leben nicht aus Schulnoten besteht, sondern dass jedes Kind etwas Einzigartiges ist. Ein Geschenk, das man einige Jahre begleiten darf.

Sie arbeiten nicht nur mit Kindern, sondern auch mit Erwachsenen und mit ganzen Unternehmen. Was sind die häufigsten „Glücksverhinderer“, die Sie aktuell erkennen können?

Ich bin sogar überwiegend in Unternehmen tätig und da erkenne ich einen wesentlichen Trend: Unternehmen sind im Wandel, wir sind technisch bestens aufgestellt. Alle Firmen und Konzerne haben ein unglaubliches Know-How, sie haben bestens ausgebildete Leute – noch nie waren so viele Akademiker wie jetzt in den Unternehmen tätig. Durch die Technik können wir in Sekundenschnelle global kommunizieren. Aber ich merke, dass die Menschen gleichzeitig eine Sehnsucht in sich spüren, nach mehr Ruhe, nach Sinnhaftigkeit. Die Menschen kommen nicht mehr zum Ende und die Schleife ist unendlich. Die To-Do-Liste nimmt kein Ende, die E-Mails kommen rund um die Uhr. Daher haben wir auch nie das Gefühl, stolz sein zu können, weil wir etwas abgeschlossen, zu Ende gebracht haben. Auch am Wochenende geht alles immer weiter. Das führt zwangsweise zu innerer Hektik, Hetze und Getriebenheit, worauf der Körper mit psychosomatischen Krankheitssymptomen reagiert. Auch das macht dauerhaft unglücklich und all das ragt irgendwann in das Privatleben hinein, was wiederum zu immer mehr Konflikten in den Familien führt.

In Ihren Büchern sprechen Sie dagegen von „Glücksmanagement“ – worin besteht Ihr Ansatz, diesen Trends entgegen zu wirken?

Mein Ansatz ist ein Paradigmenwechsel: Ich muss meinen Fokus wieder mehr auf mich richten und mich auf mein Inneres konzentrieren. So kann ich zur Kenntnis nehmen, dass ich diese äußere Geschwindigkeit gar nicht halten kann. Daher muss ich mir im Alltag immer wieder Zeiten der Ruhe und Stille gönnen. Ich muss Dankbarkeit dafür spüren, dass mein Körper für mich funktioniert, ohne dass ich etwas dafür tun muss. Ich atme, mein Stoffwechsel funktioniert, mein Herz schlägt für mich. So kann ich mich wieder auf die wesentlichen Dinge konzentrieren, ganz bewusst wahrnehmen, dass Mangel und Hetze mich ohne Momente der Rückbesinnung krank machen. Nur wenn ich meine Konzentration auf mein Inneres richte, kann ich auch mit voller Kraft nach außen gehen. Die Menschen machen es aber heute genau andersherum: Sie fokussieren sich auf das Außen, die E-Mails, die Kundengespräche, die Beurteilung vom Chef. So werden wir immer schwächer und leerer und am Ende krank. Wir dürfen uns selbst nicht nur nach Leistung beurteilen – wir müssen wieder Mut haben, glücklich zu sein, auf unser Bauchgefühl zu hören. Wir müssen wieder lernen, die Technik, die heutzutage so stark im Mittelpunkt steht, wieder als Werkzeug zu sehen und uns auf unsere Intuition verlassen, die uns allein sagen kann, was uns wirklich glücklich macht. Das gibt uns mehr Kraft und Energie, um alles andere zu bewältigen.

Es gibt immer wieder schwierige Phasen, wo wir trotz allem unter Druck von außen stehen – Sparmaßnahmen in der Firma zum Beispiel, um langfristig Arbeitsplätze zu erhalten. So entstehen Wechselwirkungen zwischen Innen und Außen, denen sich die Betroffenen nicht entziehen können. Was raten Sie in solchen Situationen?

Das ist richtig und ich möchte da überhaupt nicht von „Schuldigen“ sprechen. Das ist einfach unsere globale Situation: Der Markt hat sich für alle Unternehmen stark verändert. Mir geht es vor allem darum, dass ich, bevor ich Beurteilungsgespräche führe oder in mein Meeting gehe, mich auf mich selbst besinne. So kann ich mich auf meine Kernkompetenzen konzentrieren und anders in solche Gespräche hineingehen. Egal ob es sich um ein reguläres Kick-off-Meeting oder eine reguläre Vertriebsklausur handelt oder um eine Ausnahmesituation, sollten wir uns vorab auf spezielle Achtsamkeitsübungen einlassen, um dann aus einer inneren Konzentration heraus das Beste zu tun. Natürlich müssen Arbeitgeber heutzutage schauen, dass sie Kosten minimieren und sich dem globalen Markt anpassen. Wenn Mitarbeiter mit halber Kraft nur noch funktionieren, führt das aber letztendlich zu langfristigen Krankschreibungen, die in der Konsequenz noch viel mehr Geld kosten.

Wenn nun aber Menschen trotz allem auf Ihren Job und das Geld angewiesen sind …

Die Menschen sind natürlich heutzutage sehr stark auf das Geld, den „neuen Gott“, fokussiert. Auf der anderen Seite ist es aber sehr wichtig zu realisieren, dass das Geld an sich keine Sicherheit bietet. Wir sind heutzutage sehr stark mit unseren materiellen Dingen verbunden. Die neue Identitätsphilosophie lautet: Je mehr ich habe und besitze, desto wertvoller und bedeutender bin ich. Das führt dazu, dass die Menschen immer mehr Geld haben wollen. Irgendwann erkennen sie dann, dass das Geld Ihnen nicht die Gesundheit zurückgeben kann, keinen inneren Frieden geben kann. Wir müssen einen Wandel in uns vollziehen. Auch die Glücksforschung hat herausgefunden, dass wir alle unseren ganz individuellen Glückslevel haben – das heißt, ich brauche einen ganz bestimmten „Glücksbetrag“, einen gewissen Komfort-Level, um glücklich sein zu können. Auf der anderen Seite stellt das Geld aber keine absolute Sicherheit dar. Ich habe sogar Millionäre in meiner Beratung gehabt, die sehr krank waren. So habe ich erkannt, dass das Geld an sich nur ein Mittel der Energie ist, die zu mir kommt und die ich dann wieder aus mir herausgebe. Denn Geld muss sich immer im Fluss befinden und das verbraucht sehr viel Energie. Das zu erkennen ist ein sehr großer Schritt.

Was sollte man aber einer, sagen wir, alleinerziehenden Mutter raten, die um jeden Cent kämpft und Probleme hat, den Anforderungen eines Jobs noch standzuhalten?

Genau das war meine Situation über viele Jahre: Als ich mich selbstständig gemacht habe, war ich genau diese alleinerziehende Mutter mit zwei kleinen Kindern. Jeden Tag kamen neue Rechnungen rein, die ich irgendwie bezahlen musste. Genau an diesem Punkt habe ich mein Mentaltraining entworfen. Denn ich hatte erkannt: Wenn ich voller Zweifel und Sorgen bin, im Mangel bin, dann sende ich genau diese Energie auch nach außen und generiere immer schlechtere Ergebnisse. Ich bekomme keine neuen Kunden und meine Produkte sind schlecht. Also habe ich beschlossen, in die Freude zu gehen, in das Geben, in die Fülle – ich habe erkannt, dass, wie im Resonanzgesetz beschrieben, die Energie zurückkommt, die ich aus mir herausgebe. Das ist Self-fulfilling-Management, ein Begriff der positiven Psychologie: Alles, was ich nach außen gebe, an andere Menschen abgebe, genau das kommt hundertfach zu mir zurück. Wenn ich entspannt und innerlich ruhig bin, kann ich auch vertrauen. Ich kann den Moment akzeptieren und annehmen, auch wenn nicht so viel Geld da ist. Dann gehe ich nicht in den Widerstand, sondern lasse alles so sein, wie es ist, und versuche das Beste aus dem zu machen, was momentan da ist. Wenn ich den Moment und damit auch mich akzeptiere, gebe ich eine ganz andere Energie aus, und dann geht es auch wieder weiter. Denn die Menschen um mich herum spüren das. Aber jeder Mangeldenker wird immer mehr Mangel generieren und jeder Fülledenker immer mehr Fülle. Das ist der Kreislauf des Resonanzgesetzes. All das habe ich selbst über Jahre erlebt und mein Mentaltraining hat mich selbst gerettet.

Zwei extreme Probleme, die aus den von Ihnen beschriebenen Mängeln entstehen, sind heute Burnout-Erkrankungen und Depressionen. An welchem Punkt wird medizinische Hilfe notwendig?

Bei Burnout und Depressionen ist es natürlich nicht damit getan, Antidepressiva zu nehmen – wie es aber so oft geschieht: Die Menschen greifen zu Tabletten und glauben, sie würden so alles in den Griff bekommen. Da das aber nicht funktioniert, gibt es das Achtsamkeitstraining: Burnout, also totales seelisches Ausbrennen, der absolute Erschöpfungszustand, resultiert daraus, dass Menschen über Jahre unachtsam mit sich selbst umgegangen sind und vollkommen unbewusst gelebt haben. Wenn ich alle psychosomatischen Krankheitssymptome wie Schlafstörungen oder Kopfschmerzen, Tinnitus, Verdauungsstörungen und Magenschmerzen, ignoriere und stattdessen Aspirin oder Schlaftabletten nehme, dann ist klar, dass die Symptome im Lauf der Zeit immer stärker werden und ich mich auf Dauer immer schlechter fühle. Ganz am Ende dieses Prozesses steht die Depression. Sie ist eine spezielle Form der Aggression – die Wut auf mich selber, darauf, dass ich mein Leben nicht in den Griff bekomme. Eigentlich will sie mir aber nur sagen: Schau mal ganz genau hin. Depression lähmt die Betroffenen, die morgens noch nicht einmal mehr aus dem Bett kommen und überhaupt keine Kraft mehr haben. Ich habe sehr viele Menschen erlebt, die sich in diesem Zustand befinden. Jetzt kommt die Achtsamkeit ins Spiel: Man muss sich wieder selbst wahrnehmen lernen. Bewusst sehen, wo man gelandet ist und was man ignoriert hat. Mit Achtsamkeitsübungen kann ich der Seele zeigen, dass ich mich selbst wahrnehme. So kommen die Betroffenen aus dem Burnout-Zustand wieder heraus. Man kann sich also wieder selbst aus diesem Zustand herausholen – aber das dauert, genauso wie es Jahre dauern kann, bis man in diesen Zustand überhaupt erst hineingerät.

Was empfehlen Sie als ersten Schritt, wenn ich an mir selbst merke, dass ich öfter Kopfschmerzen oder Magenschmerzen habe als normal, dass irgendetwas nicht rund läuft?

Der erste Schritt ist immer: für Ruhe sorgen. Das hört sich komisch an und viele Menschen empfinden das als total langweilig, wenn sie nichts zu tun haben. Aber die Seele muss zur Ruhe kommen. Wir sind alle sehr gefordert im Job. Also müssen wir zunächst Termine streichen, am Wochenende keine zusätzlichen Termine vereinbaren. Einfach mal ohne Uhr leben, mit der Familie in den Tag hineinleben. Trödeln. Ein langes Frühstück machen. Den Kindern zuhören. Spontan in die Natur hinausgehen. Durch den Regen laufen. Ich erlebe es viel zu oft, dass Menschen sieben Tage die Woche komplett durchgetaktet sind, auch am Wochenende mit Terminen überhäuft. Viele rennen in ihrer Freizeit exzessiv ins Fitnessstudio. Ich finde, Sport ist extrem wichtig. Aber wenn es am Wochenende noch der Extra-Marathon sein muss, wird es irgendwann in Summe zu viel. Ruhe und Stille sind die Zauberwörter, um zu regenerieren. Wer achtsam ist, spürt, was er wirklich braucht. Vielleicht einfach mal drei Stunden Mittagsschlaf am Sonntag …

Was machen Sie persönlich, um morgens glücklich in den Tag zu starten?

Wenn morgens mein Wecker klingelt, mache ich ihn gleich wieder aus und dann folgt zuerst meine „Zeit der Stille“: Die Stille spricht morgens zu mir. Das heißt, ich setze mich auf meine Bettkante, schließe nochmal die Augen, gehe hinein in die Dankbarkeit, dass ich gesund bin. Ich nehme meinen gesunden Körper als mein Werkzeug wahr und gehe hinein in meine Inspiration, was ja eigentlich „in spirit“ bedeutet, also „im Geiste verbunden sein“. Ich fühle in mich hinein, welche Aufgaben ich an diesem Tag haben werde. Ich bitte um die maximale Kraft für alles, was ich erledigen muss. Mit dieser Achtsamkeit gehe ich in den Tag. Wenn ich Müdigkeit spüre, mache ich eben drei Minuten Pause. Aber am wichtigsten ist für mich, mich morgens nach diesem Prinzip aufzustellen und dadurch sehr bewusst in den Tag zu gehen, anstatt kopflos loszurennen und nichts außer meiner To-Do-Liste vor mir zu sehen. So kann ich sinnvoll mit meiner Energie haushalten, schauen, wer wann etwas von meiner Energie braucht, und die bestmöglichen Resultate erzielen.

Ein aktuelles Thema, das viel Unglück in der Gesellschaft hervorbringt, ist die Flüchtlingskrise mit dem großen Leid der Menschen, die aus ihren Heimatländern vertrieben werden. Wie können wir alle dafür sorgen, auch hier für ein bisschen mehr Glück zu sorgen, unsere Energie sinnvoll einzusetzen?

Sehr gute Frage – ich bekomme das alles täglich mit, da ich Flüchtlinge direkt vor meiner Nase habe. Und ich glaube, dass wir eine Kultur der Angst haben: Alles, was fremd ist, macht den Menschen Angst. Menschen, die aus anderen Ländern zu uns kommen, sorgen für Angst. Sexuelle Übergriffe sind vor allem für Frauen ein Thema. Das bedeutet, dass wir uns mit unserer Angst auseinandersetzen müssen, um fanatischen Bestrebungen keine Chance zu geben. Ich muss die Situation realistisch sehen, verstehen, dass jeder Mensch ein Flüchtling werden kann, wenn die Situation in seinem Heimatland untragbar wird. Nicht nur nach dem Zweiten Weltkrieg gab es sehr viele Flüchtlinge in Deutschland. Wenn wir zuerst in jedem Flüchtling den Feind sehen, der uns alles wegnimmt, dann wird diese Kultur der Angst immer größer. Oder als Frau gesprochen: Warum sehe ich nur den arabischen Mann, der ein anderes Frauenbild hat, in dem die Frau nicht respektiert wird? Mit genau diesen Ängsten in uns müssen wir uns auseinandersetzen. Denn das Flüchtlingsthema wird uns erhalten bleiben und wir müssen für Frieden sorgen. Deutschland ist übrigens einer der größten Waffenexporteure der Welt. Solange Waffen exportiert werden, wird es Kriege geben. Und solange es Kriege gibt, wird es auch Flüchtlinge geben. Warum exportieren wir überhaupt Waffen? Was passiert mit diesen Waffen? Wir müssen versuchen, den Flüchtling voller Mitgefühl zu sehen. Am Ende sind wir alle Menschen und haben alle die gleichen Bedürfnisse.

2015 wurde in Braunschweig der Karnevalsumzug abgesagt auf Grund einer Terrorwarnung. Wie sollten wir mit einer solchen Angst vor dem Terror umgehen?

Der Islamische Staat hat fanatische Ideen, akzeptiert die aus seiner Sicht Ungläubigen nicht. Und er hat gezielt nun auch Europa im Visier, will hier die Demokratie unterwandern. Ich denke auch hier, wir müssen mit aller Klarheit unsere Angst sehen. Wir müssen unser Leben weiterleben, genau so, wie es ist. Es bringt nichts, wenn sich Frauen anders anziehen, wenn wir den Karneval verbieten – das ist genau das Ziel, das die IS-Kämpfer verfolgen. Aber wir müssen wach sein, achtsam sein. Wir müssen nach Menschen Ausschau halten, die auffallen. Wir müssen wissen, wann Zivilcourage gefordert ist, müssen unsere demokratischen Werte verteidigen. Aber nicht durch Waffengewalt, sondern durch Integrität, durch innere Stärke, die man durch ein Mentaltraining erreichen kann. Ich sage mir: Ich lebe hier einer Demokratie und möchte dies auch weiterhin tun. Daher bin ich achtsam und wach, schaue, was um mich herum passiert, und beziehe Stellung, so dass keine extremen Strömungen bei den Wahlen eine Chance haben – das ist das Ziel, an dem ich immer weiter bei mir selbst arbeiten sollte.

Zum Schluss noch eine ganz einfache Frage: Waren Sie eigentlich schon mal in Braunschweig und was verbinden Sie mit unserer Stadt?

Das ist eine gemeine Frage – ich war nämlich leider noch nie in Braunschweig (lacht). Aber ich freue mich sehr auf die Stadt. Gott sei Dank haben Sie mich jetzt eingeladen und ich werde mir Zeit nehmen und Braunschweig anschauen und die Stadt kennenlernen. Übrigens bin ich selbst gelernte Versicherungskauffrau, eine Tätigkeit, die für mich schon immer sehr viel mit Psychologie und Beratung zu tun gehabt hat – und ich bin nach wie vor der Meinung, dass die Menschen in einer Versicherung ihre Kunden sehr glücklich machen können: Ein kleines Stück Papier wie ein Versicherungsvertrag kann ein großes Stück Glück und Sicherheit beinhalten. Von daher freue ich mich sehr auf meinen Besuch bei Ihnen bei der Öffentlichen und werde mich sicher sehr wohl bei Ihnen fühlen.

Frau Langendörfer, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für dieses ausführliche Gespräch genommen haben und eine gute Zeit in Braunschweig!

© Sebastian Heise

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