»Zeugnisse der Vergangenheit und moderne Kostbarkeiten« - REGIO-BLICK
Antiquariatsmarkt (c) Ursula Saile-Haedicke

»Zeugnisse der Vergangenheit und moderne Kostbarkeiten«

Im Rahmen der Braunschweiger Buchwochen „BS//Liest“ vom 1. bis zum 14. März 2018 mit dem Motto „Grenzenlos“ beteiligen sich neben den städtischen Buchhandlungen auch die hiesigen Antiquariate mit überraschenden Veranstaltungen. Die Antiquarin Ursula Saile-Haedicke vom Versandantiquariat Tills Bücherwege spricht im Interview über ihre Arbeit und die Angebote der Antiquariate.

Am 3. März findet im Landesmuseum am Burgplatz der dritte Braunschweiger Antiquariatsmarkt statt. Bei freiem Eintritt kann hier der große Facettenreichtum des antiquarischen Angebots bestaunt werden. Teilnehmer sind: Antiquariat Alter Zeughof, Antiquariat Buch & Kunst, Antiquariat Gründer, Antiquariat im Hopfengarten, Leseratte Buchladen, Antiquariat Rabenschwarz, Antiquariat Klittich-Pfankuch, Eichhorn Versandantiquariat, Fidus Antiquariat und Versandantiquariat Tills Bücherwege sowie DAS BÜCHERHAUS Hermann Wiedenroth aus Bargfeld, Antiquariat am Moritzberg Dr. Hennighaus aus Hildesheim und Antiquariat Joachim Wilder aus Hannover.

Am 14. März wird ein „Literarischer Streifzug“ mit Johannes Heinen durch die Braunschweiger Innenstadt angeboten. Ausgehend vom Hagenmarkt gibt es einen etwa zweistündigen Spaziergang mit Zwischenstopps an literarisch und antiquarisch bedeutsamen Orten wie den vier Antiquariaten Klittich-Pfankuch, Buch und Kunst, Leseratte Buchladen und Antiquariat im Hopfengarten.

Alle Informationen und Termine finden sich online unter www.bs-liest.de.

Antiquariatsmarkt (c) Ursula Saile-Haedicke

Antiquariatsmarkt (c) Ursula Saile-Haedicke

Was findet man im Antiquariat, was man sonst nirgendwo findet?
Man findet Druckwerke, neben Büchern Graphik, alte Dokumente und Pläne, historische Ansichtskarten und vieles mehr, die der Sortimentsbuchhandel nicht – oder nicht mehr – anbietet, auch Rares, Kurioses, künstlerisch Gestaltetes oder inhaltlich Bedeutungsvolles, unterschiedlichste bewahrenswerte Zeugnisse der Vergangenheit und moderne Kostbarkeiten, manchmal Provozierendes und Unerwartetes für besondere Spurensuchen und Lektüre-Erlebnisse abseits des Gängigen und überall Verfügbaren. Möglich sind dort anregende Entdeckungsreisen in Bücherwelten, in Ruhe oder auch – wenn man das möchte – in belebendem Gespräch mit anderen „Büchermenschen“.

Seit wann betreiben Sie das „Tills Bücherwege“ und was hat Sie anfangs dazu bewegt, Antiquarin zu werden?
Mein Gewerbe habe ich erst vor fünf Jahren angemeldet, war aber schon jahrzehntelang mit der Braunschweiger – und zuvor der hannoverschen – Antiquariatsszene vertraut. Als Buchliebhaberin seit meiner Kinderzeit sowie –  für meine literarischen und regionalgeschichtlichen Spurensuchen – auf die Zusammenarbeit mit Antiquarinnen und Antiquaren geradezu angewiesen, habe ich die besondere Atmosphäre in den antiquarischen Ladengeschäften immer mehr zu schätzen gelernt. Den Betrieb eines eigenen Ladengeschäfts kann ich mir leider nicht leisten, versuche aber, in Kooperation mit den Braunschweiger Kolleginnen und Kollegen etwas für die Szene zu tun, zum Beispiel durch Gestaltung und Druck eines gemeinsamen Faltblatts, das wir schon mehrmals aufgelegt haben, und durch Internet-Einträge für Antiquariatsveranstaltungen.

Wie haben Sie die Buchmarktentwicklung in der ganzen Zeit erlebt?
Zur allgemeinen Buchmarktentwicklung, die ja auch den gesamten Sortimentsbuchhandel betrifft, möchte und kann ich mich nicht kompetent äußern. Im antiquarischen Bereich ist es – insbesondere für die Ladengeschäfte – zunehmend schwieriger geworden, vor allem, wenn jemand seinen Lebensunterhalt als Antiquar bestreiten und nicht nur nebenerwerblich tätig sein will. Für diese Krise gibt es viele Ursachen, beispielsweise das Aussterben der leidenschaftlichen Sammler alten Stils, eine allgemeine Bücherschwemme mit Preisverfall nicht nur im Internet sowie eine gewisse Abkehr vom Gedruckten durch die wachsende Verfügbarkeit digitaler Inhalte.

Antiquariatsmarkt (c) Ursula Saile-Haedicke

Antiquariatsmarkt (c) Ursula Saile-Haedicke

Die Digitalisierung hat für ein Versandantiquariat neben Nachteilen sicherlich auch einige Vorteile?
Am Anfang dieser Entwicklung überwogen die Vorteile. Vor der Digitalisierung haben Ladengeschäfte mit zusätzlicher Versandtätigkeit sowie reine Versandantiquare Listen und Kataloge erstellt und oft jahrzehntelang ihren Kundenbestand sorgsam gepflegt, aber viele potentielle Interessenten auch nicht erreichen können. Mit der Möglichkeit, auf eigenen Websites, vor allem aber in großen Angebotsplattformen Bücher anzubieten, wurden natürlich zunächst die Umsätze gesteigert und Interessenten in ganz Deutschland und im Ausland angesprochen, die zuvor niemals auf die speziellen Bestände eines örtlichen Antiquars aufmerksam geworden wären. Doch nach und nach wirkten sich auch die Nachteile dieser Entwicklung aus: Erheblicher Preisverfall, unter anderem durch Konkurrenz mit auf einigen Plattformen zulässigen Privatanbietern, erschwert Ladengeschäften und Versandhändlern gleichermaßen das Geschäft. Die 1996 gegründete größte antiquarische Angebotsplattform im deutschsprachigen Raum, das ZVAB, wurde inzwischen von der zum Amazon-Konzern gehörigen Abebooks Europe GmbH übernommen, was zu einer deutlichen Verschlechterung der Nutzungsbedingungen für die Antiquare und auch zu Nachteilen für die Buchbesteller geführt hat. Online-Plattformen wie das von Antiquaren genossenschaftlich betriebene Antiquariat.de bemühen sich – leider fast auf verlorenem Posten – um eine Alternative zum Diktat der Marktbeherrscher. Wenige Antiquare sind aus dem ZVAB ausgestiegen und verlassen sich weiterhin – oder wieder – auf die Kundenpflege mit Listen und Katalogen, gut gestaltete eigenen Websites, Markt- und Messeteilnahmen und Veranstaltungen in den Geschäften.

In Braunschweig gibt es viele schöne Antiquariate. Sie sagten, Sie sehen einander nicht als Konkurrenten, sondern arbeiten zusammen und organisieren gemeinsam Veranstaltungen. Wo sehen Sie Unterschiede, wie ergänzen sich die Angebote und Schwerpunkte?
Es gibt hier die ganze Spannweite vom Auktionshaus mit alten und wertvollen Drucken über das besonders ansprechend ausgestattete, gut sortierte und auch als reizvolle Veranstaltungsstätte genutzte allgemeine Antiquariat bis zum urigen winzigen Lädchen, das auf engstem Raum und für den kleinen Geldbeutel Lesestoff und Sammlerschätze bietet. Jeder hat ein vielfältiges Angebot, das bei manchen durch besondere Schwerpunkte ergänzt wird, wie historische Postkarten, Bücher aus Wissenschaft und Technik oder Bibliophiles. Da die Braunschweiger Antiquare untereinander gut vernetzt sind, werden Kunden auch freundlich an Kolleginnen und Kollegen weitergeleitet und -empfohlen, die vielleicht ihre besonderen Suchwünsche besser bedienen können.

Sie veranstalten nun schon zum dritten Mal gemeinsam den Braunschweiger Antiquariatsmarkt, weil die Resonanz in den Vorjahren so positiv war. Was kann man dort erleben?
Geboten wird am 3. März im Landesmuseum am Burgplatz wieder die Chance, hautnah die kaum vorstellbare Vielfalt des antiquarischen Angebots wahrzunehmen und mit den Antiquarinnen und Antiquaren ins Gespräch zu kommen. Bücher aus mehreren Jahrhunderten und fast allen Themenbereichen können betrachtet und berührt, bestaunt und diskutiert – und natürlich auch erworben werden. Interessierte können über ihre persönlichen Suchwünsche und Sammelgebiete sprechen und Anregungen dazu erhalten. Rat gibt es außerdem für Verkaufswillige, die sich von Nachlässen oder wertvollen Einzelstücken trennen oder mitgebrachte Druckwerke schätzen lassen wollen. All dies ermöglichen nicht nur zehn, und damit fast alle Braunschweiger Antiquariate, sondern auch drei besonders geschätzte und erfahrene Kollegen aus Hannover, Hildesheim und Bargfeld.

Bücherkarren (c) Ursula Saile-Haedicke

Bücherkarren (c) Ursula Saile-Haedicke

Auf was freuen Sie sich in diesem Jahr besonders?
Das Landesmuseum bietet uns mit seinem Forum im Vieweg-Haus nicht nur eine sehr gut geeignete Veranstaltungsstätte, sondern hat die Kooperation seit den beiden letzten Terminen auch intensiviert, Werbemittel für uns mitgestaltet und gedruckt und in diesem Jahr die Vorbereitung einer interessanten Begleit-Präsentation übernommen: Alte Bücher aus dem traditionsreichen Vieweg-Verlag, in dessen früherem Stammhaus das Landesmuseum ja residiert, werden in Vitrinen gezeigt.

Im Rahmen der Braunschweiger Buchwochen „BS//LIEST“ wird außerdem ein „Literarischer Streifzug durch Braunschweigs Innenstadt“ mit Johannes Heinen angeboten. Können Sie einen kleinen Einblick geben, was man dabei sehen und lernen wird?
Das kleine, aber feine literarisch-antiquarische Abenteuer, veranstaltet in Kooperation mit dem Raabe-Haus, gibt es am 14. März: Ein ebenso vergnüglicher wie lehrreicher etwa zweistündiger Spaziergang mit Zwischenstopps an einigen markanten Wegpunkten und in vier Antiquariaten: Klittich-Pfankuch, Buch und Kunst, Leseratte Buchladen und Antiquariat im Hopfengarten. Johannes Heinen führt zu literarischen Schauplätzen in Braunschweig, auf den Spuren der Schriftsteller August Klingemann, Friedrich Gerstäcker, Wilhelm Raabe sowie des Antiquarius Feuerstacke, der vor 200 Jahren wirkte, und seiner originellen Berufsgenossen Wilhelm Scholz und Richard Sattler. Auch die Sage um Heinrich den Löwen spielt eine Rolle. Thomas Probst vom Eichhorn Versandantiquariat und ich begleiten den Gang mit einem eigens dafür angeschafften „Bücherkarren“.

Einige Antiquariate veranstalten auch Lesungen beim „BS//LIEST“. Auf welche freuen Sie sich persönlich besonders und warum?
Als Gemeinschaftsveranstaltung der Antiquare wird am 5. März bei Klittich-Pfankuch ein besonderer Abend mit dem Schriftsteller Oskar Ansull geboten, der den heute fast vergessenen Dichter, Übersetzer und staatenlosen Pazifisten Ferdinand Hardekopf vorstellt. Darauf freue ich mich ganz besonders, denn ein früherer unvergesslicher Abend dieser Art mit dem literarischen Schatzgräber Ansull lässt auf ein besonderes Erlebnis hoffen. Gleichermaßen empfehlenswert ist natürlich der musikalisch-literarische Abend „Maseltov“ mit Heiner Waßmuß und dem Trio Freylach am 10. März im SoVD-Begegnungszentrum im Stadtpark, eine Darbietung jüdischer Texte mit Klezmer-Musik, Spielfreude pur! Veranstalter ist der Leseratte Buchladen, das einzige Braunschweiger Antiquariat übrigens, das gleichzeitig als Sortimentsbuchladen firmiert, also auch die Bestellung jeden lieferbaren Buches ermöglicht. Wir Braunschweiger Antiquare freuen uns gemeinsam mit den Sortimentsbuchhändlern auf tolle Veranstaltungen mit vielen interessanten Literaten und bücherliebenden Gästen!

Antiquariatsmarkt (c) Ursula Saile-Haedicke

Antiquariatsmarkt (c) Ursula Saile-Haedicke

Evelyn Waldt (SUBWAY Magazin – oeding magazin GmbH) / Fotocredit: Ursula Saile-Haedicke

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